1. Adventssonntag – Vom Feigenbaum lernen

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Den Advent kommen sehen!

Aldi Süd hielte ab Ende September typische Weihnachtsartikel wie Lebkuchen, Baumkuchen, Butter-Mandel-Stollen oder Butter-Spekulatius vor, die ersten Schoko-Weihnachtsmänner und Adventskalender würden ab Ende Oktober angeboten. Dieser Verkaufsstart orientiere sich an der Nachfrage der Kunden, die vielfach bereits vor September auf diese Produkte warteten und sich in den Filialen danach erkundigten, so die Sprecherin des Discounters.[1]

Man kann in den Supermärkten den Advent kommen sehen – mit all dem, was er im Angebot hat. Es kann wirklich niemand sagen, er käme überraschend. Und die Wachsamkeit, die Jesus seinen Jüngern einbläut, wird dem christlichen Konsumenten – und allen anderen auch – wirklich abgenommen. Rot und lila, manchmal mit Glöckchen am Weihnachtsmann, oft ohne, läuten nicht die Kirchen, sondern die Discounter den Advent ein, auch in Zeiten der Pandemie. Nochmal mit Blick aufs Evangelium: Anders der Hausherr, der überraschend zurückkehrt, wird der Advent über die Discounter zwei Monate vorher in grellen Farben und mit weihnachtlichem Schmuck angekündigt. Stille Nacht am 01. Oktober. Dass er heute beginnt, geht dabei verloren, aber eines ist klar: Sie konnten den Advent schon lange kommen sehen.

Der Advent ist da!

Und mit dem heutigen Sonntag sagt uns das Kirchenjahr: Heute, jetzt ist er da! Advent, hergeleitet vom lat. adventus, meint „Ankunft“. Nicht, dass die Ankunft jetzt angekommen sei, irgendwie da sei, das hieße den Advent falsch zu deuten. Advent ist kein Selbstzweck. Es geht um den, der ankommen will. Die vier Wochen auf Weihnachten zu dienen der Vorbereitung der Ankunft, geschichtlich: der Ankunft, die Geburt des menschgewordenen Gottes im Menschen Jesus von Nazareth in der Welt; spirituell: der Ankunft, die Geburt des Gottessohnes, des Gotteskindes Jesus Christus in mir, in meinem Leib, in meinem Leben. Im Unterschied zu den zu konsumierenden Waren über die Discounter haben wir zwar drei Monate Zeit zu konsumieren, aber nur vier Wochen, um so etwas wie einen inneren Hausputz zu machen, um das Haus meines Leibes und meines Lebens zu schmücken, damit Gott als Kind in meinem Leib, in meinem Leben geboren werden kann, um groß zu werden in mir und durch mich. Und um dann durch mich zur Welt kommen. Einen inneren Hausputz vornehmen – das ist das Thema, das eigentlich vor dem 1. Advent entschieden werden sollte, damit man ab dem 1. Advent loslegen kann mit diesem inneren Hausputz – die Zeit ist knapp genug.

» Das Traurige an der Mystik ist die Tatsache, dass das Wort selbst so sehr mystifiziert worden ist. Als wäre Mystik nur etwas für ganz wenige Auserwählte. Für mich bedeutet das Wort einfach 'experimentelles Wissen spiritueller Dinge', im Gegensatz zum Wissen aus Büchern, aus zweiter Hand oder aus der kirchlichen Lehre. «
Rohr, Richard (2014): Die Liebe leben. Was Franz von Assisi anders machte, Freiburg, 18.

Den Advent gestalten – vom Feigenbaum lernen

Zugegeben – es ist keine selbstverständliche Aufgabe, klar zu haben wie ich meinen Advent gestalten möchte, so, dass der Advent mich gestaltet! Damit weiß ich mich nicht allein! Ich kenne drei gute Hilfsmittel, die ich danach befragen kann, welche Gestalt mein Advent annehmen soll, damit er mich in eine adventliche Gestalt zu wandeln vermag: die Lieder und Kantaten des Advents, die Lesungen des Advents und die Evangelien des Advents. Ich entscheide mich in diesem Jahr für die Evangelien – sie sind sperriger als die Lesungstexte, das weiß ich, und oft genug bin ich ihnen aus dem Weg gegangen. Jeden Tag ein Vers, dazu eine Antwort als „Elfchen“, in elf Worten, so soll die Struktur für den „inneren Hausputz“ aussehen.

Und der Inhalt? Gleich am ersten Adventssonntag kommt das Evangelium daher mit Sternen, die vom Himmel fallen, mit verfinsterter Sonne und dem wiederkehrenden Ruf Jesu zur Wachsamkeit. Sperrig halt! Aber mittendrin ein Satz, der Ruhe verschafft: „Lernt etwas aus dem Vergleich mit dem Feigenbaum! Sobald seine Zweige saftig werden und die Blätter treiben, wisst ihr, dass der Sommer nahe ist.“

Vom Feigenbaum lernen, das meint, mir den Blick dafür zu bewahren, wo Leben aufgeht und sommerlich zum Blühen kommt, Frucht tragend, und mich dafür einzusetzen; und umgekehrt: ein Gespür dafür zu haben, wo Leben verkümmert, wo sich winterliches Klima und Kälte anbahnt, und davon abzulassen, es zu meiden und zu vermeiden. Mich freut dabei das Wort Jesu, dass ich darum weiß, dass ich die entsprechenden Zeichen – saftige Zweige, treibende Blätter – richtig zu deutenvermag. Ich habe, Sie haben ein Gespür dafür! Was dran ist, was noch aussteht, ist der Schritt vom Deuten zum Handeln bzw. zum Unterlasen! „Hausputz“ im Advent.

» Je mehr wir vom 'Advent' begreifen, lernen wir eigentlich, dass es eine solche 'Ankunftszeit' nicht geben dürfte. Gott steht nicht aus, Gott wartet, dass wir endlich einstehen und anfangen! Nicht 'Zuwarten' ist da angesagt, sondern Losmachen. Glauben ist keine Angelegenheit für die Zukunft, sondern für die Gegenwart. «
Drewermann, Eugen (2012): Die sieben Tugenden, Ostfildern, 38.

Vom Deuten ins Handeln kommen

In diesem Jahr ist der Advent ein ruhiger Advent – vieles ist draußen nicht möglich, und vieles ist drinnen zumindest nicht erlaubt. Wie oben schon gesagt: Ich möchte die Zeit nutzen, um aus den Evangelien täglich einen Vers zu nehmen, der mich beim „Hausputz“ zu unterstützen vermag; ihn deutend möchte ich mit den elf Worten des „Elfchens“ antworten.

Dieses Programm des Deutens läuft im Vordergrund. Im Hintergrund jedoch läuft das Programm des Handelns, hier möchte ich im „Hausputz“ anpacken. Da hoffe ich auf Antworten, sie sich mir im Hinblick auf die Gottesgeburt in mir auf einige Fragen hin zeigen. Was möchte ich an mir tiefer annehmen und akzeptieren? Was will ich hinter mir lassen, und wer/was hilft mir dabei? Was möchte ich mehr schätzen an mir, und wie kann ich das deutlich werden lassen? Was möchte ich neu erwerben, tiefer umsetzen, und was tue ich dafür? Was möchte ich im kommenden Jahr erleben, unternehmen, lernen?

Vom Feigenbaum lernen – auch in Corona-Zeiten gibt es saftige Zweige und treibende Blätter zu entdecken, in mir, an mir, um mich herum. Daraufhin höre ich Jesu wiederholte Mahnung im Evangelium gerne: Seid wachsam, überseht die saftigen Zweige und die treibenden Blätter nicht, und sorgt für deren Wachstum, für ihre Blüte und ihre Früchte. Mehr noch: Schmückt Euer Haus damit, wenn ich komme, um Einzug zu halten. Ich komme in Dir zur Welt, weil ich durch Dich zur Welt kommen will.

Ganz ehrlich: Ich freue mich sehr an allem, was die Discounter uns als Weihnachtsgebäck, an Stollen, an Spekulatius und Schoko- und Marzipanspezialitäten ab September anbieten. Ich möchte es ehrlich gesagt nicht missen. Da kann ich sogar das „Stille Nacht am 1. Oktober überhören. Aber das Lernen vom Feigenbaum, das Deuten und das ins Handeln kommen, damit Gott selbst neu Einzug hält in mein Leben, und damit er durch mein Leben zur Welt kommt, das toppt die Discounter doch deutlich.

Amen.

Köln, 28.12.2020
Harald Klein

[1] Vgl. [online] https://www.morgenpost.de/ratgeber/article215160445/Wann-gibt-es-wieder-Weihnachtsgebaeck-im-Supermarkt.html [28.11.220]