1. Adventssonntag – „Worauf wartest Du?“

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Der Ton macht die Musik

Gelingt es Ihnen, die drei Worte mit verschiedenen „Ohren“ zu hören? In der Kommunikationspsychologie ist es sicher der Verdinest von Friedemann Schulz von Thun, aufzuzeigen, dass Botschaften trotz der gleichen Wortwahl mehrdeutig sein können – und dass das „Verstehen“ sehr an der Beziehung zwischen Sprechenden und Hörenden hängt.

„Worauf wartest Du?“ Ein Appell – im Sinne von „Heb Dich endlich aus der Couch“? Eine Ich-Botschaft – im Sinne von „Ich wäre so weit“? Eine Du-Botschaft – im Sinne von „Erwartest Du jemanden, erwartest Du etwas“? Oder eine Sachaussage – im Sinne von „Mich interessiert, was Dich motivieren würde, aufzubrechen“.

Keine Angst, es geht nicht darum alle vier Botschaften durchzugehen, aber der Ton, den wir dem Advent gegenüber anstimmen, der macht die Musik, der sagt etwas über meinen, Deinen, Ihren Advent.

Gerne möchte ich zwei „Advente“ unterscheiden, zum einen den Advent, der auf uns zukommt, zum anderen den Advent, dem wir entgegengehen.

» Richtet Euch auf und erhebt Eure Häupter, denn Eure Erlösung ist nahe. «
Lk 25,28

Der Advent, der auf uns zukommt

Der kirchliche Advent ist die Vorbereitungszeit auf das Weihnachtsfest. Ohne Weihnachten kein darauf zugehender und auf uns zukommender Advent, das ist klar. Im diesjährigen Advent werden wir schmerzlich – vor allem, was die Weihnachtsmärkte angeht – vieles an Brauchtum vermissen, von Glühwein am Stand über Adventslieder in den Kirchen und Plätzen bis hin zur Weihnachtsbäckerei, wo es manche Kleckerei in diesem Jahr eben nicht geben wird. Trotzdem: Der Advent kommt auf uns zu, und es gibt mannigfaltige Vorbereitungen, von Lichterketten über den Adventskranz am Tisch oder in den Fenstern mit der Nachbarschaft, es gibt eigene volkstümliche Lieder, die den Advent ansagen, und es gibt Adventskantaten und Lieder, gerade von Johann Sebastian Bach. Beim Advent, der auf uns zukommt, fällt mir am ehesten „Nun komm, der Heiden Heiland“ (BWV 61) ein. Da steht das Auf-uns-zukommen schon im Titel drin!

Schön und gut, aber im Sinne der „vier Ohren“: Welche Botschaft steckt hinter all dem? Das „Worauf wartest Du?“ im Advent, der auf uns zukommt, heißt: „Hol die Kerzen, back die Plätzchen, besorge die Geschenke und dann den Baum“. Da ist viel Appell drin, kein Wunder, dass man an Weihnachten ausgepowert ist. Der Advent, der auf uns zukommt, ist stimmungs- und ebenso kalorienreich, aber eine Stütze zum Leben, eine Vorbereitung zur Feier der Menschwerdung Gottes und mindestens ebenso zur Feier der eigenen Menschwerdung, die wachsen will, kann ich darin kaum entdecken. Das „Richtet euch auf und erhebt Euer Haupt, denn es naht Eure Erlösung“, diese Kernbotschaft des Evangeliums am 1. Adventssonntag, riecht hier zu sehr nach Glühwein und Lebkuchen, als dass es – zumindest für mich – Kraft oder auch nur einen Impuls zu einem „Mehr an Lebendigkeit“ innehat.

» Wird Christus tausendmal
in Bethlehem geboren,
und nicht in Dir,
so wärst Du doch verloren. «
Aus: Angelus Silesius (1624-1677): Der cherubinische Wandersmann

Der Advent, dem wir entgegengehen

Der Advent, dem wir entgegengehen, ist an keine Jahreszeit oder an kein liturgisches Jahr gebunden. Dennoch: Ich kann gerade die Struktur des Kirchenjahres nutzen, um diesem Advent Raum zu geben – ebenso, wie ich in der Fastenzeit auf meine Ernährung achte, ohne das mit dem Osterfest in Verbindung bringen zu müssen.

Das „Worauf wartest Du?“ hat die Sachaussage im Blick. Was heißt „Menschwerdung“ für Dich? Welches Bild vom Menschen hast Du – für Dich, für die um Dich herum, für die, die Dir fremd sind? Wessen Bild ist für Dich das Bild eines „Menschen“? Da mag der menschgewordene Sohn Gotte, leichter vielleicht: da mag Jesus von Nazareth dazugehören, aber er ist da sicher nicht allein, oder? Advent heißt, sich aufzumachen (im doppelten Sinne des Wortes: „losgehen“ und „sich öffnen“), um diesem Bild vom Menschen in mir näher zu kommen. Es geht um die Menschwerdung Gottes in mir, um den Aufbruch genau dorthin.

Wieder fällt mir eine Bach-Kantate im Advent für diesen Advent, dem wir entgegengehen, ein. Sie ist eine der bekanntesten Kantaten, betitelt mit „Wachet auf ruft uns die Stimme“ (BWV 140) mit dem wunderschönen Choral „Zion hört die Wächter springen“. Der Eingangschoral endet mit „Macht Euch bereit zu der Hochzeit, ihr müsset ihm entgegengehen“.

Noch einmal die „vier Ohren“: Welche Botschaft steckt hinter dem „Wir müssen ihm entgegengehen“? Das „Worauf wartest Du?“ im Advent, auf den wir zugehen, ist eine Du-Aussage, ein Nachfragen. Ihr geht die Frage nach dem „Mehr“ an der eigenen Menschwerdung voraus. Wo willst Du hin? Worauf willst Du hinaus? Und dann: „Worauf wartest Du?“

» Sie (i.e. die Europäer, H.K.) zeigen wenig Seele oder gar keine, sie scheinen ganz aus organisiertem Wollen, aus Verstand, Absicht, Plan zu bestehen. Sie haben ihre Seele verloren in der Welt des Geldes, der Maschinen, des Misstrauens. Sie sollen sie wiederfinden, und sie werden krank werden und leiden, wenn sie die Aufgabe versäumen. Aber was sie dann haben werden, wird nicht die verlorene Kinderseele mehr sein, sondern eine weit feinere, weit persönlichere, weit freiere und verantwortungsfähigere. Nicht zum Kinde, zum Primitiven zurück sollen wir, sondern weiter, vorwärts, zu Persönlichkeit, Verantwortlichkeit, Freiheit. «
Hesse, Hermann : Über die Seele, in: Unseld, Siegfried (Hrsg.) Hermann Hesse. mein Glaube, Frankfurt/Mai, 14.

Aufbruch zu Persönlichkeit, Verantwortlichkeit, Freiheit

Ich möchte in diesem Advent immer wieder gerne Hermann Hesse zu Wort kommen lassen, mit dessen Glaube ich mich zurzeit sehr beschäftige. Seine Weise, vor allem seine Weite, Religion(en) zu sehen, anzunehmen, zu bewerten, hat etwas mit adventlichem Aufbruch zu tun. Hesse schrieb 1917 einen Aufsatz über die Seele[1]. Die Europäer, so Hesse, hätten ihre Seele verloren. Es gäbe aber kein Zurück mehr zur Kinderseele – die Kinderseele findet sich wieder im Advent, der auf uns zukommt.

Stattdessen solle der die Seele – die Menschwerdung – suchende Mensch zu Persönlichkeit, Verantwortlichkeit und Freiheit aufbrechen, sich aufmachen, diesen entgegengehen.

Von Hermann Hesse möchte ich mich motivieren, anstoßen lassen, und diesen Impuls möchte ich an Sie weitergeben. Den vier Kerzen am Kranz möchte ich Namen geben: Persönlichkeit, Verantwortlichkeit, Freiheit und eine Kerze als Ihren/meinen Joker. Jenseits eines Advents, der auf mich zukommt – wie immer er gefüllt sein mag – möchte ich meinen eigenen Advent gestalten. Da geht es um ein Aufbrechen, um ein Entgegengehen zu einem Mehr an Persönlichkeit, ein Mehr an Verantwortlichkeit, ein Mehr an Freiheit.

Noch einmal der Kernsatz des Evangeliums: Richtet Euch auf und erhebt Euer Haupt, denn es naht Eure Erlösung. Der Advent, dem wir entgegengehen: Ein Mehr, ein Zuwachs an Persönlichkeit, an Verantwortlichkeit, an Freiheit, und ein Joker.

Worauf wartest Du?

Amen.

Köln 24.11.2021
Harald Klein

[1] In: Hermann Hesse (1971): Mein Glaube, hrsg. von Siegfried Unseld, Frankfurt/Main, 11-17, hier: 14.