10. Sonntag im Jahreskreis – Gespaltene Gesellschaft

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In Widerspruch zu Jesus gehen

Bei der gewaltigen Autorität, die Jesus genießt, fällt es schwer, ihm zu widersprechen, aber heute muss es sein. Jesus redet in Gleichnissen und bemüht dabei den Begriff der Spaltung:

„Wenn ein Reich in sich gespalten ist, kann es keinen Bestand haben. Wenn eine Familie in sich gespalten ist, kann sie keinen Bestand haben. Und wenn sich der Satan gegen sich selbst erhebt und gespalten ist, kann er keinen Bestand haben, sondern es ist um ihn geschehen“ (Mk 5,24-26).

Da muss ich entschieden widersprechen. Fangen Sie beim Satan, bei einer Person, bei sich selbst an. Sie sind in Ihrem Leben und Erleben nicht so sehr ein „Entweder – oder“, sondern eher ein „Sowohl – als auch“. Das Gleiche gilt für Familien, für Lebensgemeinschaften, für Gemeinschaften, für Gefährt*innen- und Freundeskreise: Natürlich gibt es da Parteiungen, Unterscheidungen, verschiedene Blickrichtungen und Werturteile. Und erst recht gilt es für ein Land, einen Staat, eine Staatengemeinschaft: Hier wird um ein Minimum an Gemeinsamkeit gerungen, auf das für alleVerlass ist, und alles andere bleibt frei. Und siehe da: gerade deswegen haben Individuen, haben Familien und haben Staaten und Staatengemeinschaften Bestand.

Die Frage dabei ist eben nicht, ob es Spaltungen und Abspaltungen gibt – die sind schlicht immer da! -, sondern wie mit diesen Abspaltungen umgegangen wird. Das ist und bleibt ein Lernfeld, hinter dem „man“ – suchen Sie sich aus, wer gemeint sein könnte – immer nur zurückbleiben kann.

» Identität ist ein Bedürfnis und zugleich eine Lüge. Das hat der Philosoph Klamme Anthony Appiah sehr richtig erkannt, als er gesagt hat, Identitäten sind notwendige Lügen. Deshalb kommt es darauf an, offenere, durchlässigere Identitäten zu schaffen. «
Sanyal, Mithu: Das Hybride steckt in uns allen, in: Philomag 04/21, 35.

Gespaltene Gesellschaft – in mir, zwischen uns, in unserem Land

Eine „gespaltene Gesellschaft“ zeichnet sich dadurch aus, dass eine abgrenzende gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und Ablehnung von Pluralismus vorherrschen. Sie zeichnet sich durch Angst vor politischer Komplexität, politische Ohnmacht und Wut, Menschenfeindlichkeit, Sehnsucht nach gesellschaftlicher Schließung und Homogenität aus.[1]

Mit dieser Definition schauen Sie sich einmal das Zusammenspiel Ihrer Teilpersönlichkeiten, Ihres „Inneren Teams“ an. Der Wunsch nach einer sportlichen Figur ringt mit der Schokolade unten links im Schrank. Die Steuer, die gemacht werden muss, ringt mit dem Sofa und mit Netflix. Um Friedrich Hebbel zu bemühen: Der, der Sie sein könnten, winkt traurig dem, der Sie sind. Unschwer zu erkennen, dass da eine „gespaltene Gesellschaft“ in Ihnen am Werk ist, oder?

Schauen Sie sich das Zusammenleben mit der/dem Partner*in an, mit Freund*innen und Gefährt*innen. Die erste Lesung an diesem Sonntag ist aus dem Buch Genesis und schildert das Geschehen, nachdem Adam von der verbotenen Frucht gegessen hat: „Die Frau, die Du mir beigesellt hast, sie hat mir von dem Baum gegeben. So habe ich gegessen.“ Die, die zuerst eine „angemessene Hilfe“ war, wird zur Feindin, zur Verursacherin alles Bösen, allen Übels. Mit Dir, mit dem, mit denen – niemals mehr! Ist es im Blick auf mich und auf die gespaltene Gesellschaft in mir noch eine „guter“ und ein „böser“ Anteil „in mir“, spielt es sich intern, innerlich ab, so geht es hier um ein „zwischen uns“, hier ist es extern, äußerlich.

Richtig gefährlich wird es, wenn diese Form von Menschenfeindlichkeit und Ablehnung von Pluralismus nicht nur in mir oder zwischen uns wirkt, sondern ganze Städte, Landstriche und Länder bzw. Staaten eine „gespaltene Gesellschaft“ darstellen. Die Nachrichten sind voll davon, in den vergangenen Wochen war es wieder deutlich zu erkennen in der Auseinandersetzung zwischen Israel und Palästina. Und Hand aufs Herz: auch die Kirche, wie sie sich gerade darstellt in unserem Land, ist eine gespaltene Gesellschaft. Ich überlasse es Ihrer Fantasie, die „einen“ und die „anderen“ näher zu bezeichnen, es wird Ihnen nicht schwerfallen, eine abgrenzende gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und die einhergehende Ablehnung des Pluralismus häufiger zu enttarnen, als Ihnen lieb ist.

» Die Ursache des Leidens ist Unwissenheit, eine falsche Weise, die Wirklichkeit zu betrachten. Zu denken, das Unbeständige sei beständig – das ist Unwissenheit.«
Thich Nhat Hanh (2020) Wie Siddartha zum Buddha wurde. Eine Einführung in den Buddhismus, 167.

Storytelling: Geschichten verbinden

Es gibt in der Sozialen Arbeit einen leichten, aber nicht einfachen Weg, die Spaltung in der Gesellschaft, zwischen Dir und mir und in mir selbst zu überwinden. Die Praxis des Storytellings, des „Geschichten erzählen“ wird z.B. eingesetzt, wenn Gruppen israelischer und palästinensischer Jugendlicher miteinander über ihren Alltag, ihren Schul- und Universitätserfahrungen, ihre Cliquen, ihr Freizeitverhalten erzählen. Auf staatlicher Ebene liegt hier die große Chance der Non-Gouvernement-Organisationen (NGO), die mit beiden Seiten der gespaltenen Gesellschaft verhandeln können, weniger politisch als vielmehr in der Schilderung von Lebensumständen.

Und schauen Sie auf das Miteinander zweier sich ablehnender Menschen oder Menschengruppen. Es ist das freie und großherzige Erzählen, dass zum anderen durchdringen kann, nicht das Aufrechnen und Abrechnen. Es ist „meine Geschichte“, die ich Dir erzählen möchte, und es ist „Deine Geschichte“, die zu hören und aufzunehmen ich bereit bin, und beides, Hören und Erzählen, kann zum Brückenschlag in der Spaltung werden. Mit viel gutem Willen könnte man hier den „Synodalen Weg“ der bundesdeutschen Kirche ansiedeln.

Letztlich gilt das auch für meine, für Ihre eigene Spaltung, für das Zerrissene in Ihnen und in mir. Paulus gibt davon in Röm 7,15 Zeugnis: „Denn ich begreife mein Handeln nicht: Ich tue nicht das, was ich will, sondern das, was ich hasse.“ Beten kann hier heißen, das vor mich und vor Gott hinzuhalten, was ich nicht verstehe. Ich höre auf beide Seiten, auf das, was ich will, und auf das, was ich nicht will, und versuche, die Verlockung zu verstehen, die mich aus der Bahn wirft. Ich schlage eine Brücke zu ihr, um sie so in mein Leben zu integrieren, um mit ihr umzugehen. Ich gebe dem, für dass sie steht und einsteht, den Platz in meinem Leben, den ich für richtig halte, und entgehe so der Spaltung.

» In der zugeneigten Betrachtung entdecken wir Bande zwischen uns, Gemeinsamkeiten und Übereinstimmungen. Sie zeigt die Welt als lebend und lebendig, als ineinander verbunden, voneinander abhängig, zusammenwirkend. «
Tokarczuk, Olga (2020): Der liebevolle Erzähler. Vorlesung zur Verleihung des Nobelpreises für Literatur. Mit einem Essay ‚Wie Übersetzer die Welt retten‘, Zürich, 60.

Die Wahlfamilie Jesu

Das Evangelium, das mit der dreifachen Spaltung beginnt, endet mit einer einfachen Feststellung. „Es saßen viele Leute um ihn herum, und man sagte zu ihm: Siehe, Deine Mutter und Deine Brüder stehen draußen und suchen Dich. Und er blickte auf die Menschen, die im Kreis um ihn herumsaßen und sagte: Das hier sind meine Mutter und meine Brüder. Wer den Willen Gottes tut, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter“ (Mk 3,32-35).

Weiter oben hieß es: Eine „gespaltene Gesellschaft“ zeichnet sich dadurch aus, dass eine abgrenzende gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und Ablehnung von Pluralismus vorherrschen. Sie zeichnet sich durch Angst vor politischer Komplexität, politische Ohnmacht und Wut, Menschenfeindlichkeit, Sehnsucht nach gesellschaftlicher Schließung und Homogenität aus.[2] Natürlich wird es in jedem sozialen Gefüge, persönlich wie zwischenmenschlich wie staatlich oder kirchlich, „Gruppen“ geben, natürlich wird es eine Vielzahl von Meinungen und Werthaltungen geben, Komplexität wird herrschen und Erfahrungen von Ohnmacht wird erlitten. Aber deswegen braucht es nicht notwendig zur „Spaltung“ zu kommen. Die Haltung Jesu, sich – vielleicht sogar neben seiner Herkunftsfamilie – noch eine Wahlfamilie zu suchen, die ihm in seinem Weg zur Menschwerdung, zur Persönlichkeit hilft, kann Ihnen, soll mir Vorbild sein. Im Hören auf die Geschichten der anderen, im Mut, meine Geschichte zu erzählen, wächst der Kreis derer, die mir Bruder, Schwester und Mutter sind. Kurz gesagt: Es geht um Haltung statt um Spaltung!

Amen.

Köln 16.04.2021
Harald Klein

[1] Vgl. [online] https://www.bpb.de/lernen/projekte/fachdiskurs-schule/272092/die-gespaltene-gesellschaft [05.06.21]

[2] Vgl. [online] https://www.bpb.de/lernen/projekte/fachdiskurs-schule/272092/die-gespaltene-gesellschaft [05.06.21]