11. Sonntag im Jahreskreis – Das Gegenteil von „umsonst“

Die Jünger beim Namen nennen

Wenn nicht Gottesdienst wäre, sondern Firmvorbereitung oder Religionsunterricht, dann könnte man jetzt so eine richtig gemeine Aufgabe stellen. Die würde lauten: „Stehen Sie doch mal auf, nennen Sie einen der Jünger beim Namen, und dann dürfen Sie sich wieder setzen. Was meinen Sie: bekommen wir alle Zwölf zusammen? und wer würde stehenbleiben? Ich könnte es auch mal versuchen. Im Normalfall sind Sie ja zu zwölft in der Kapelle. Ich könnte mich ja mal umdrehen und versuchen, Ihre 12 Namen zu nennen – was meinen Sie: bekomme ich alle Zwölf zusammen?

Auf zwei Dinge im Evangelium möchte ich sie hinweisen.

Zum einen: da ist von den zwölf Jüngern die Rede, die Jesus zu sich ruft und sie bevollmächtigt, an seiner statt die unreinen Geister auszutreiben und alle Krankheiten und Leiden zu heilen. Die Jünger werden zu Apostel, weil Jesus sie beim Namen nennt! Namensnennung passiert in der Sakramentenlehre zuerst in der Taufe, nicht bei der Weihe oder bei der Gelübdefeier. Da werden wir gerufen bei dem Namen, der uns in der Taufe schon gegeben ist. Die Taufe befähigt uns zum Apostolat, Weihe und Gelübde geben dem Apostolat eine besondere Form.

Zum anderen: Sie können in einer Zeit des Gebetes das Evangelium lesen und die Namen austauschen. Da ist dann ihr eigener Name dabei, da ist der Name der Schwester dabei, die ihnen einfach nur guttut, und auch der Name der Schwester, die für Sie eine Herausforderung darstellt. Das Entscheidende ist aber: Das sind Sie die Zwölf, die Jesus zu sich ruft, mit ganz klaren Aufgaben. Ich glaube, diese Sichtweise verwandelt vieles an Unmut, Ungeduld, Unverständnis, vielleicht geht die Silbe „Un“ bei so einer Betrachtung sogar verloren und hebt sich auf.

Für diesen ersten Punkt mag es genügen: Sie sind, Du bist beim Namen genannt, Du bist gemeint.

Als Apostel gesendet

Um was geht es, wenn Jesus Sie, Dich, mich beim Namen ruft?

Der erste Imperativ Jesu. „Geht!“ Ein wenig bösartig: Es heißt nicht „Sitzt!“ Nicht aussitzen, konferieren, bedenken, abwägen bis zum Umfallen, sondern schlicht „geht!“ Bleibt in Bewegung, äußerlich wie innerlich! Man kann monatelang einen synodalen Weg beraten, wenn er nicht gegangen wird, ist er das Schwarze auf dem Papier nicht wert! Also: Bleiben Sie in Bewegung, in der Weise, in denen es Ihnen möglich ist.

Der zweite Imperativ Jesu: „Verkündet!“ Und zwar, dass das Himmelreich nahe ist. Das Geheimnis dieses Imperativs ist es, dass ich erst eine Ahnung vom Himmelreich bekommen muss, bevor ich es verkünden kann. Das wäre mal eine Gebetszeit wert, sich an die Gelegenheiten, Begegnungen, Ereignisse erinnern, die Ihnen das Himmelreich nahegebracht haben. „Verkünden“ kann dann über das Erzählen geschehen, oder über ein Wiederholen, einen Neubeginn dessen, was „Himmelreich“ meint.

Die anderen vier Imperative Jesu sind: „Heilt Kranke“, „Weckt Tote auf“, „Macht Aussätzige rein“, „Treibt Dämonen aus“! Ohne sie direkt auszudeuten, glaube ich, dass eine Wachheit und eine gute Aufmerksamkeit derer, die von Jesus gesendet sind, genügt, um Krankheiten, um Abgestorbenes, um Aussätziges und Dämonisches zu entdecken und um dagegen anzugehen. Hier ist Mitleid und Mitmenschlichkeit gefragt, darin erfüllt sich das ganze Gesetz Gottes.

» Es darf keine Alternative geben zwischen Menschlichkeit und Frömmigkeit, zwischen Mitleid und Gesetzlichkeit - das Gesetz Gottes IST die Menschlichkeit und das Mitleid. Wer das anders sieht, baut nicht auf, sondern zerstört. «
Drewermann, Eugen (1994): Das Matthäusevangelium. Bilder der Erlösung Bd. 1, Düsseldorf, 145.

„Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben.“

Am Ende seiner Sendungsrede an die Zwölf sagt Jesus: „Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben.“ Wie mag er das gesagt haben? Mahnend, Lächelnd und verschmitzt, mit drohendem Finger?

Was wäre denn das Gegenteil von „Umsonst habt ihr empfangen“? Das Deutsche lässt zwei Deutungen offen.

Die erste Deutung: „Das, was Ihr habt, habe ich euch geschenkt, das ist alles gratis, da habt Ihr nichts für getan.“ Die Folge ist, dass Ihr darauf keinen Anspruch habt, es nicht nur für Euch behalten könnte, mit all dem wuchern dürft, aber nicht enttäuscht, todtraurig sein müsst, wenn es verlustig geht, genommen wird. Wartet, vielleicht gibt es etwas Neues, Anderes, was Euch umsonst gegeben wird.

Die zweite Deutung: „Das, was Ihr bekommen habt, habt Ihr verspielt, es trägt keine Frucht. Schade, aber so ist es.“

Merken Sie, dass nur der umsonst geben kann, der zur ersten Deutung gehört? Jemand, der „vergeblich empfangen“ hat, kann nichts weitergeben, der hat nichts. Er kann verkaufen, was da ist, aber er hat nichts umsonst empfangen, das er weitergeben könne.

Wo stehen wir da als Kirche? Was haben wir aus dem „umsonst Empfangenen“ gemacht, und wo, auf welche Weise, an wen geben wir es weiter? Und wer kann uns aufzeigen, wem glauben wir als Kirche, dass wir erscheinen als die, die „umsonst empfangen“ haben, weil es ohne Frucht bleibt, weil nichts mehr wächst und all das verloren geht, was Jesus in seinen Imperativen mehr zusagt als fordert?

An diesem Sonntag mag gelten: Ich, Du, Sie sind von Jesus beim Namen gerufen, das macht mich, Dich und Sie zum Apostel, zum Gesandten Jesu. Jetzt gilt: gehen, verkünden, wach sein für die Menschen um uns, damit wir umsonst geben können, was wir empfangen haben. Nicht mehr – das wäre Hybris, aber auch nicht weniger, das wäre Geiz. Geben – umsonst, aber nicht umsonst!

Amen.

Köln 14.06.2020
Harald Klein

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