2. Adventssonntag – Botinnen und Boten der Freude sein

Johannes der Täufer – oder: „Bereitet dem Herrn den Weg!“

Das erste, was Sie nach der eröffnenden Sinfonia in Händels Oratorium „Der Messias“ hören, ist eine Arie des erzählenden Tenors. „Tröste Dich, mein Volk, spricht dein Gott. Redet freundlich, Boten, mit Jerusalem, und prediget ihr, dass ihr Knechtschaft nun zu Ende, und ihre Missetat vergeben. Vernehmt die Stimme des Predigers in der Wüste: ‚Bereitet dem Herrn den Weg und ebnet durch Wildnis die Pfade unserm Gott.‘“

Was Händel vertont, hat seine Quelle heute in der Lesung aus Jesaja und in den allerersten Worten des Markusevangeliums. Der erste Advent läutet in seinen gewaltigen Bildern im Evangelium den Advent ein. Sie erinnern sich an das Evangelium: Die Sonne wird sich verfinstern, der Mond wird nicht mehr scheinen, die Sterne werden vom Himmel fallen, die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden – nichts bleibt, wie es war.  Und doch – all das kündigt das Kommen des Menschensohnes an, nur dafür ist es gut, dafür und darum ist es wirklich gut! Es braucht innen wie außen diese gewaltige Erschütterung. „Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise, mag lähmender Gewöhnung sich entraffen“, schreibt Hermann Hesse in seinem Gedicht „Stufen“.

Der erste Advent läutet den Advent ein, der zweite Advent gibt die Richtung an zu Hesses „Aufbruch und Reise“: „Bereitet dem Herrn den Weg!“, heißt es da, vom Frondienst, der zu Ende ist, ist die Rede, und von Schuld, die beglichen ist, spricht Jesaja, von Missetat, die vergeben ist, singt der Tenor in Händels „Messias“.

Der Evangelist Markus hat zwar nicht Händels Messias im Ohr, aber dafür des Herrn Messias im Herzen und im Geist, wenn es im dritten und vierten Vers des ersten Kapitels schreibt: „Eine Stimme ruft in der Wüste: Bereitet ihm den Weg! Ebnet ihm die Straßen! So trat Johannes der Täufer in der Wüste auf und verkündete Umkehr und Taufe zur Vergebung der Sünden.“

» Vernehmt die Stimme des Predigers in der Wüste: Bereitet dem Herrn den Weg, und ebnet durch Wildnis ihm Pfade, unserm Gott.«
G.F. Händel: Der Messias - aus der Eröffnungsarie

Die vielen Wege, den einen Weg für den Herrn zu bereiten

Im Advent, an diesem zweiten Advent ist es Aufgabe und Zuspruch zugleich, dem Herrn und seiner neuen Ankunft bei Ihnen, bei Dir, bei mir den Weg zu bereiten. Die Kirche hat, wie jede andere Form von Gesellschaft, wie jede Familie, jedes Ehepaar und alle, die in Freundschaft und Gefährtenschaft leben, ihre Rituale für solche Fragen. Rituale entlasten nach innen, weil sie sagen, wie es geht, und sie bezeugen nach außen: Ich gehöre dazu! Wenn unser Ministerpräsident meint, dieses Weihnachten 2020 sei wohl „das härteste Weihnachten, dass die Nachkriegsgenerationen je erlebt haben“[1], dann ruderte er kurz darauf zurück, natürlich sei es auf Lesbos und in den afrikanischen Elendsvierteln schlimmer, aber dieses Weihnachten werde anders sein als alle Weihnachten, wie wir sie kennen. Es werde Verzicht bedeuten.[2] Viele uns rituell vorgegebene Weisen, im Advent dem Herrn den Weg zu bereiten, seien es feste Riten oder einmalige Aktionen, gehen nicht: ein begehbarer Adventskalender – geht nicht; das Weihnachtsoratorium in der Philharmonie hören – geht nicht; der Weihnachtsmarkt mit Glühwein und Eierpunsch – geht nicht; Rorate-Messe und gemeinsames Singen im Advent – geht nicht! Die äußeren Riten sind nur eingeschränkt möglich – deswegen verlieren sie noch lange nicht alle Kraft. Was ist diesem Jahr anders ist – da widerspreche ich unserem Ministerpräsidenten – ist nicht der Verzicht, sondern im Gegenteil die Pfiffigkeit und Findigkeit, sich selbst Johannes der Täufer zu sein und den eigenen nicht-rituellen Weg zu finden, dem Herrn den Weg zu mir selbst zu bereiten. In den Worten von Händels Messias: Meinen eigenen Weg zu finden, vielleicht mit einem aus der Familie, der Gemeinschaft, der Gefährten- oder der Freundschaft zusammen, um alle Tale hoch erhaben zu machen, alle Berge und Hügel tief, das Krumme grad‘, das Raue gleich zu machen, so der Text der Arien nach dem „Bereitet dem Herrn den Weg.“

» Tröstet, tröstet mein Volk, spricht euer Gott. Redet freundlich, Boten, mit Jerusalem, und prediget ihr, dass die Knechtschaft nun zu Ende und ihre Missetat vergeben. «
G.F. Händel: Der Messias - aus der Eröffnungsarie

Mir selbst Johannes der Täufer sein

Wie kann das gehen, mir selbst Johannes der Täufer sein, mir selbst klar zu machen, wie ich der Geburt Gottes in mir den Weg bereiten kann? Es geht um Umkehr, es geht um Vergebung der Missetaten, es geht um das Leben aus der Taufe. Da geht der Blick schnell nach unten – das kann kirchliche Verkündigung gut: Erst aufzeigen, was alles schiefgelaufen ist, wie groß die Macht der Sünde ist, um dann – Gott sei es gedankt – auf den Erlöser hinzuweisen, auf den Messias. Aber auch dieser Ritus verliert an Kraft – und das ganz ohne Corona und dessen Schutzmaßnahmen. Sich selbst Johannes der Täufer sein greift zurück auf die erste Lesung! „Steig auf einen hohen Berg, Zion, Du Botin der Freude! Erheb Deine Stimme mit Macht, Jerusalem, Du Botin der Freude! Erheb Deine Stimme, fürchte Dich nicht!“ Bei Händel heißt das: „Rede freundlich zu, Jerusalem…“

Der zweite Advent zeigt die Richtung an, die der adventliche Mensch gehen soll: Er oder sie ist Bote oder Botin der Freude! Schau auf Dein Leben an diesem zweiten Advent; und dann höre auf Jesaja in den Worten von Händels Messias: „Alle Tale macht hoch erhaben, und alle Berge und Hügel tief, das Krumme grad‘, das Raue macht gleich.“

Sich selbst liebevoll zulächeln, an die Selbstwirksamkeit glauben, die Fähigkeit, mit dem eigenen Tun lassen das Krumme grad‘ und das Raue gleichmachen zu können, und dann an den inneren Hausputz gehen, damit die Bude glänzt, wenn Christus neu in uns geboren wird, wenn wir sein Uns-lange-schon-innewohnen neu feiern, so, dass er durch uns durchscheinen kann.

» Alle Tale macht hoch erhaben, und alle Berge und Hügel tief, das Krumme grad, und das Raue macht gleich.«
G.F. Händel: Der Messias - Arie Nr. 2

Meine eigenen Hilfsfragen für diesen inneren Hausputz sind in diesem Advent:

  • Was möchte ich an mir tiefer annehmen und akzeptieren?
  • Was will ich hinter mir lassen, und wer/was hilft mir dabei?
  • Was möchte ich mehr schätzen an mir, und wie kann ich das deutlich werden lassen?
  • Was möchte ich neu erwerben, tiefer umsetzen, und was tue ich dafür?
  • Was möchte ich im kommenden Jahr erleben, unternehmen, lernen?

Oder: aus den Evangelien in diesen Tagen mich von einem Vers ansprechen lassen, und dann eine Antwort formulieren. Mir geht das gut von der Hand in der Form eines Elfchens, eines Gedichtes in elf Worten.

All diesen Fragen und den Impulsen aus den Bibelversen möchte ich als „Bote der Freude“ nachgehen, ahnend, dass ich auf diese Weise dem Herrn den Weg bereite – nicht mit rituellen Mittel, auf rituelle Weisen, sondern so, dass ich mir selbst den Ritus suche, gestalte, umsetze.

Es könnte sein, dass dieses Weihnachten so das spannendste seit langem wird und vielleicht mehr Gewinn als Verzicht mit sich bringt. Es wird anders – aber so geht Leben!

 

Ein Segensspruch am Ende der Predigt

Ich weiß wohl, dass ans Ende einer Predigt ein Amen und kein Segen gehört, aber heute geht’s nicht anders. Mit den Worten aus Jesaja erbitte ich für uns alle den Segen:

  • „Alle Tale macht hoch erhaben, und alle Berge und Hügel tief, – Amen
  • das Krumme macht grad‘, – Amen
  • das Raue macht gleich.“ – Amen.

Köln, 05.12.2020
Harald Klein

[1] Vgl. [online] https://www.welt.de/politik/deutschland/plus220703728/Armin-Laschet-Das-haerteste-Weihnachten-das-Nachkriegsgenerationen-erlebt-haben.html [05.12.2020]

[2] Vgl. [online] https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/id_88996058/armin-laschet-relativiert-satz-zu-haertesten-weihnachten-.html[05.12.2020]

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