20. Sonntag im Jahreskreis – Brot für die Welt und Brot von der Welt

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Einfach anfangen, verkosten und deuten, entscheiden, was nährt…

Die Frage ist, ob ich mit Ihnen sechs Wochen lang über einer einzige Rede Jesu im Johannesevangelium sitzen kann, und ob wir Gewinn daraus ziehen können. Es geht um die Brotrede Jesu, die Ausdeutung der Brotteilung, andere sagen auch „Brotvermehrung“, und das Bild, das dahintersteht: Jesus als das Brot der Welt.

Drei Schritte sind wir bisher gegangen: (1) einfach anfangen und einfach anfangen, das, was auf den Tisch kommt, zu teilen, ins Tun zu kommen und das Grübeln zu lassen; (2) das, was dann geschieht, zu deuten, zu verkosten, es als Vorgeschmack des Ewigen versuchen zu deuten; (3) in all dem, was mir angeboten wird und was möglich ist, zu entscheiden, was mich wirklich nährt. Und obwohl das Wort „Hunger“ kein einziges Mal im heutigen Evangelium auftaucht, soll es doch heute um den eigenen Hunger und den Hunger (in) der Welt, um den Hunger nach Leben gehen.

» Lasst ab von der Torheit,
dann bleibt ihr am Leben
und geht auf dem Weg der Einsicht!«
aus dem Buch der Sprichwörter, Spr 9,6

Übersättigt sein – oder magersüchtig

Dem Hunger nach Leben kann man in zwei Extremen begegnen. Zum einen übersättigt man sich, das unschöne Wort dafür wäre „vollgefressen“. Man geht auseinander im wahrsten Sinne des Wortes, und frisst alles in sich hinein. Anspannung, Stress, Depressionen oder Angst fördern diesen Weg, dem Hunger nach Leben und Lebendigkeit zu begegnen. Das Gefühl der Übersättigung mag den leiblichen Hunger stillen, der Hunger nach Leben wird dadurch höchstens betäubt.

Das zweite Extrem ist die Essstörung, die in verschiedenen Weisen auftritt. So ist die Anorexia nervosa, die Magersucht begleitet von der Angst, die Kontrolle über Essen und Gewicht zu verlieren. Begleitet wird diese Essstörung auch vom Gefühl des Unwohlseins im eigenen Körper und von einem übertriebenen hohen Einfluss auf die Selbstbewertung.

Lesungen und Evangelium des heutigen Sonntags lassen beide Extreme hinter sich und siedeln die Frage nach dem Hunger nach Leben anders an. Drei Weisen, wie der Hunger nach Leben sich äußern kann, sollen hier beschrieben werden.

» Ich und mein Leben,
die immer wiederkehrenden Fragen,
der endlose Zug der Ungläubigen,
die Städte voller Narren.
Wozu bin ich? Wozu nutzt dieses Leben?
Die Antwort: Damit du hier bist.
Damit das Leben nicht zu Ende geht,
deine Individualität.
Damit das Spiel der Mächte weitergeht
und du deinen Vers dazu beitragen kannst. «
Walt Whitman (1819-1892)

Der Hunger nach Individualität

Vor allem bei jüngeren Menschen ist der Hunger nach Individualität spürbar. Es geht um mehr als um den eigenen Namen, es geht um die Weise, wie man dem eigenen Namen – und damit dem eigenen Wesen – Ausdruck verleiht. Ich erinnere mich an eine Stelle in einem Buch des Soziologen Zygmunt Bauman, an der von Tattoos und Piercings spricht, die dem jungen Menschen zum Handwerkezeug seiner eigenen Individualität werden – er gestaltet sich selbst, in diesem Falle äußerlich durch Muster, Ringe, Sticker, Farbe. Es geht dabei vielleicht nicht nur um ein „Ich will gesehen werden“, sondern mehr um ein „Ich will gesehen werden“.

Für Einen

Die Andern sind das weite Meer.
Du aber bist der Hafen.
So glaube mir: kannst ruhig schlafen,
Ich steure immer wieder her.

Denn all die Stürme, die mich trafen,
Sie ließen meine Segel leer.
Die Andern sind das bunte Meer,
Du aber bist der Hafen.

Du bist der Leuchtturm. Letztes Ziel.
Kannst Liebster, ruhig schlafen.
Die Andern... das ist Wellenspiel,

Du aber bist der Hafen.
Mascha Kaléko

Der Hunger nach Zugehörigkeit

Auf den ersten Blick – und nur auf den ersten Blick – ist der Hunger nach Zugehörigkeit bei jungen Menschen das Gegenstück zum Hunger nach Individualität. Die Moderne beantwortete diesen Hunger mit „Vereinen“ oder „sich vereinen“. Es gab ein Ziel, da ging man hin, und man gehörte dazu. Da spannt sich der Bogen vom Sportverein über den Männergesangsverein und den Kirchenchor bis zur christlichen Gemeinde. In der Moderne spielt die Formation eine Rolle – was nicht passt, wird passend gemacht: Trainiert werden die Kniffe im Fußball, die Stimme und das Sich-bewegen am Altar.

Wenn Menschen sich heute „vereinen“, spielt diese Art der Formation kaum noch eine Rolle. Man „vereint“ sich in und mit, sogar wegen der Diversität, in und mit, sogar wegen der Individualität. Zugehörigkeit wird „gesättigt“ nicht über Funktion oder Funktionieren, sondern über Person und persönliche Zuwendung.

» Wir brauchen keine Magie, um unsere Welt zu verwandeln; wir tragen alle Kraft, die wir brauchen, bereits in uns: Wir haben die Kraft, uns Besseres vorzustellen. «
Rowling, J.K. (2017): Was wichtig ist. Vom Nutzen des Scheiterns und der Kraft der Fantasie, Hamburg, 67.

Der Hunger nach Wertschätzung

Diese Art von Hunger ist lebensbedrohlich. Das „Ja“ zu mir, das ein anderer sagt, kann manchmal erst ermöglichen, dass ich „Ja“ zu mir sage. Die erste Falle: Ein „Ja“ zu mir, das ich mir sage und dass keinen offensichtlichen Grund hat, wird von Kleingeistern als Narzissmus verschrien. Die zweite Falle: Ich mache mich vor Dir so klein und immer kleiner, bis Du endlich ein „Ja“ mir gegenüber äußerst. – Der einzige Ausweg: Ich drehe Dir den Rücken zu und pfeife auf Dein „Ja“ mir gegenüber. Nicht leicht, diese Alternative, aber überlebenswichtig.

» Immer wieder wird durch die Freude des Gebens die Verbindung zum Besten in uns und anderen hergestellt. «
Mannschatz, Marie (2019): Vollkommen unvollkommen. Zehn Qualitäten, die das Beste in uns zum Vorschein bringen, München, 13.

Brot für die Welt – Brot von der Welt

„Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, hat das ewige Leben, und ich werde ihn auferwecken am jüngsten Tag“ (Joh 6,54), diese Worte legt der Evangelist Johannes Jesus in den Mund. Und „Wer mein Fleisch ist und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich bleibe in ihm“ (Joh 6,56). Schließlich: „Dies ist das Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Es ist nicht wie das Brot, das die Väter gegessen haben, sie sind gestorben. Wer aber dieses Brot isst, wird leben in Ewigkeit“ (Joh 6,58).

Lassen Sie doch mal ein „s“ weg! „Wer mein Fleisch ist…“ – Nehmen Sie (1) die Brotteilung zu Beginn, das einfachanfangen und das einfach anfangen. Erinnern Sie sich (2) an das Verkosten und Deuten, an den Vorgeschmack des Ewigen. Spüren Sie (3) nach, was Sie wirklich nährt, was Ihren Hunger – den oben beschriebenen Hunger und den Hunger darüber hinaus – stillt. Und dann (4) lassen Sie den Jesus in sich wirken, auf sich hin, und durch Sie hindurch nach außen. Das „Brot für die Welt“, das er gibt, ist doch nichts anderes als das „Brot von der Welt“, nur richtig und zielführend, sättigend eingesetzt und geteilt. Brot und Wein in der Eucharistie machen nicht leiblich satt – aber sie gelten dem Einzelnen („Hunger nach Individualität“), sie binden zur Gemeinschaft zusammen („Hunger nach Zugehörigkeit“) und sie sind Ausdruck des großen „Ja“ Gottes zu jedem einzelnen und zur Gemeinschaft („Hunger nach Wertschätzung“). Es braucht weder den Kirchenraum noch ein liturgisches Tun, um diese Art Eucharistie zu feiern. Es braucht kein Orgelspiel und kein liturgisches Gewand. Es braucht keine Priester und Diakone, es braucht Menschen, in denen Christus lebendig ist und die es wagen, einfach anzufangen und Brot für die Welt zu geben, besser noch: Brot für die Welt zu sein – weil sie eben selbst Brot von der Welt und Brot für die Welt sind.

Amen.

Köln 14.08.2021
Harald Klein