25. Sonntag im Jahreskreis – Wie misst man Größe?

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„…darüber sprechen, wer der Größte sei…“

In Zeiten der Trielle kämpfen nicht zwei – wie beim Duell – gegeneinander, sondern drei, und die drei kämpfen jeder gegen jeden. Im Evangelium finden sich heute weder Duelle noch Trielle. Es werden es mehr als zwei und maximal zwölf gewesen sein, die sich untereinander zu einigen versuchten oder auch stritten, wer denn der Größte unter ihnen sei. Sie dürfen sich das Szenario gerne vorstellen wie bei den TV-Triellen, die wir in den vergangenen Wochen vor der Wahl sahen.

Inhaltlich hat das Bundestagswahl-Triell und das Streitgespräch der Jünger eines gemeinsam: Es braucht einen Rahmen, eine Vorgabe, eine „Messlatte“, an der abgelesen werden kann, wer denn (im Jüngerkreis) der oder vielleicht auch in der kirchlichen oder in anderen Weisen der Gemeinschaft der oder die Größte sei. Und von daher rührt meine Frage: „Wie misst man die ‚Größe‘ eines Menschen?“ Welches Maß gilt in welchem Feld, in dem gemessen wird? Und: Gibt es eine Größe, die die Lebensfelder, die Lebenswelten der Menschen übergreift, die allgemein gilt, die alles und alle „transzendiert“, so würde es die Philosophie nennen.

» Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. «
vgl. Kant, Immanuel: Beantwortung der Frage Was ist Aufklärung, in: Berlinische Monatsschrift 4/1784, 481-494.

Größe als Ergebnis von Verstand und Vernunft

Eine bis in die Gegenwart noch geltende Antwort ist die, die Immanuel Kant (1724-1804) gegeben hat: Größe erlangt ein Mensch dadurch, dass er sich mutig traut, ohne Leitung eines anderen – sei es des Freundes, der Partnerin, einer Institution – sich seines Verstandes zu bedienen und so aus aller Unmündigkeit zu befreien. Dieser Ansatz heißt „deontologisch“, er hat seine Wurzel im griech. deos, was mit „Pflicht“ übersetzt werden kann. Für Kant hat jederMensch die innere Pflicht, nach Größe zu streben. Der Weg dorthin liegt im kategorischen Imperativ, der kurz gefasst besagt: Handle nur so, dass die Weise Deines Handelns zum Gesetz des Handelns aller werden kann. Kein Wunder, dass ein solches Denken, eine solche Philosophie und ein solches Handeln dann „Idealismus“ genannt wurde. Und doch: Letztlich wünschte ich mir gerade eine Woche vor der Bundestagswahl mehr Politiker*innen, die diese Art von Größe hätten. Vielleicht gehört diese Verstandes- und Vernunftethik am ehesten in das Feld der Politik.

» Sapere aude! Habe Muth, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung. «
vgl. Kant, Immanuel: Beantwortung der Frage Was ist Aufklärung, in: Berlinische Monatsschrift 4/1784, 481-494

Größe als Ergebnis von Ziele und Werten

Daneben steht die Tugendethik. Hier sind es die Ziele und Werte, die die Größe eines Menschen bestimmen. Ein großer Fußballer ist etwas anderes als eine große Schriftstellerin, und dennoch kann man von zwei „Größen“ sprechen, je auf ihren Feldern. Dieser Ansatz heißt teleogisch, von griech. leleos, was mit Ziel übersetzt werden kann. Die Schwierigkeit liegt hierbei darin, dass das Ziel auf den ersten Blick frei bestimmbar ist – ob es auch „gut“ und „würdig“ ist, ist nicht automatisch mit gesagt. Und doch: Letztlich habe ich ein klares Bild vor Augen und auch ein gutes Gefühl im Herzen, von wem ich es als großartig bezeichne, dass er oder sie mir Freund oder Freundin ist; und wie gut, dass die deutsche Sprache das Wort „großartig“ aus „groß“ und „artig“ – im doppelten Sinne sich auf Sitte und Tugend, aber auch auf Kunst beziehend – bildet. Vielleicht gehört diese zielgerichtete Ethik am ehesten ins Feld der Lebenskunst, der Lebensführung. Und hier gibt es nicht die superlativen Steigerungen, die der Sport zulässt: groß – größer – am größten. Hier stehen „Größen“ nebeneinander, zu denen es mich zieht, und ihnen gegenüber vielleicht die „Nullnummern“, die ich hoffentlich eher meide.

» Mit dem Prinzip des Nutzens ist jenes Prinzip gemeint, das jede beliebige Handlung gutheißt oder missbilligt entsprechend ihrer Tendenz, das Glück derjenigen Gruppe zu vermehren oder zu vermindern, um deren Interessen es geht […] Mit ‚Nutzen‘ ist diejenige Eigenschaft an einem Objekt gemeint, wodurch es dazu neigt, Wohlergehen, Vorteil, Freude, Gutes oder Glück zu schaffen. «
Jeremy Bentham: An introduction in the Principles of Morals and Legislation, zitiert nach: Rudolf Bensch und Werner Trutwin: Philosophisches Kolleg 3. Ethik. Arbeitsmaterialien für den Philosophieunterricht. Sekundarstufe II. Patmos Verlagsgruppe, Düsseldorf 1984, S. 96.

Größe in der Erfüllung von Nützlichkeit

Bleibt eine dritte Bestimmungsmöglichkeit, wer denn „der Größte“ sei, und diese Möglichkeit setzt bei der Nützlichkeit für die größte Zahl der Menschen an. Diese utilitaristische Bestimmung (von lat.: utilitas = Nutzen) geht zurück auf Jeremy Bentham (1748-1832) und John Stuart Mill 1806-1873) und hat eher ihren Einzug in die Wirtschaftswissenschaften und in die Sozialphilosophie gehalten. Hier gilt es zwischen „Nutzen“ und „Nützlichkeit“ zu unterscheiden. Der Begriff des Nutzens gehört eher in die teleologische Ethik, die nach dem fragt, was zum Ziel führt. „Nützlichkeit“ zielt eher auf das menschliche Wohlergehen – sei es das eigene, das der Familie oder der Gruppen, denen ich zugehöre, sei es der Menschen unseres Landes oder der ganzen Welt. Viele Frage, z.B. nach der Klimagerechtigkeit oder dem Umgang mit Impfgegnern im Großen, aber auch der Ernährung und der Bewegung für den einzelnen, können hier mit hineinspielen.

Jesu Umwertung der Werte

Und wer ist jetzt der Größte unter den Jüngern? Der Pflichterfüller, der Zielstrebige, der Nutzenerbringer? Jesus lässt all diese Argumentationen nicht zu. Er dreht Vernunft und Verstand, Ziele, Nutzen einfach um. „‘Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein.‘ und er stellte ein Kind in ihre Mitte, nahm es in seine Arme und sagte: ‚Wer ein solches Kind in meinem Namen aufnimmt, der nimmt mich auf, und wer mich aufnimmt, der nimmt nicht nur mich auf, sondern den, der mich gesandt hat.‘“ (Mk 9,30-37).

Wenn ich über „Größe“ nachdenke, kommt mir das Bild, dass in der Möglichkeit der Umwertung und in der Bereitschaft, diese Umwertung zu wagen und sie zuzulassen, die Größe liegt, die ich mir wünsche. Das gilt für mich, und hier gilt Karl Valentins „Eigentlich bin ich ganz anders, ich komme nur so selten dazu“ oder Friedrich Hebbels „Der, der ich bin, grüßt trauernd den, der ich sein könnte.“

Genau hier liegt der Sinn des Begriffs der Umkehr, des Umdenkens, wie das griechische Wort am besten zu übersetzen ist. Es gibt nicht nur die eine Deutung, die eine Wahrheit, es gibt mehr als richtig und falsch, als Gut und Böse. Es gibt meine Wahrheit und Deine Wahrheit, meine Deutung von Welt, von Beziehung und Freundschaft, von Gebet und Gott, und daneben Deine Deutung. Dass „deontologisch“ dabei der Verstand und die Vernunft in Austausch kommen, dass „teleologisch“ Deine Ziele und meine Ziele abgeglichen werden, dass „utilitaristisch“ die Frage danach gestellt wird, was Dir, was mir, was uns und den anderen am meisten nutzt, das ist die Freiheit, die uns geschenkt ist und die manchmal überfordernd wirkt und wird.

» Dilige et quod vis fac.« -» Liebe und tu, was Du willst. «
Augustinus von Hippe: In epistulam Ioannis ad Parthos, tractatus VII, 8.

Noch einmal: Wie misst man die Größe eines Menschen

Hermann Hesse hat sich mit den Möglichkeiten des Wachstums sein er Heldinnen und Helden in Geschichten, Roman und Märchen auseinandergesetzt. Hesses Märchen „Augustus“ erzählt von der armen Witwe, die schwanger wird und einen unehelichen Sohn, den Augustus gebiert. Sie fragt den einzelgängerischen und eher im Verborgenen Nachbarn, Herrn Binswanger, ob er dem Kinde Pate sein könne. Er stimmt zu, und als Patengeschenk darf die Mutter ihrem Sohn am Tag der Taufe einen Wunsch ins Ohr flüstern. Ihr Wunsch lautet: „Mein Söhnlein, ich wünsche Dir, […] dass alle Menschen dich liebhaben müssen.“[1]

» Nimm den alten Zauber von mir, der mir nicht geholfen hat, und gib mir dafür, dass ich die Menschen liebhaben kann!«
Hesse, Hermann: Augustus, in: ders.:(1981): Die Märchen, 10. Aufl., Frankfurt/Main, 84.

Das Märchen endet nach vielen Höhen und Tiefen im Leben des Augustus mit einer Kehrtwende, einer Umkehr, mit einer Umwertung aller Werte, die in vielen Religionen zu einer Grundregel geworden ist. Augustus wünscht sich im fortgeschrittenen Alter und im Zusammensein mit dem alten Binswanger: „Gib, dass ich die Menschen liebhabe.“[2]Wer ist der Größte, die Größte? Vielleicht der Mensch, vielleicht die Menschen, die sich von Augustinus sagen lassen: „Dilige, et quod vis fac‘ – Liebe, und tue, was Du willst.“[3]

Amen.

Köln 19.09.2021
Harald Klein

[1] Hesse, Hermann: Augustus, in: ders.:(1981): Die Märchen, 10. Aufl., Frankfurt/Main, 72.

[2] Hesse, Hermann: Augustus, in: ders.:(1981): Die Märchen, 10. Aufl., Frankfurt/Main, 84.

[3] Augustinus von Hipp0: In epistulam Ioannis ad Parthos, tractatus VII, 8.