27. Sonntag im Jahreskreis – Ich will singen von meinem Freund

Wenn das Herz überfließt…

Das ist doch mal ein Anfang einer Lesung, der nicht nur aufhorchen, sondern aufatmen lässt: „Ich will singen von meinem Freund, das Lied meines Liebsten von seinem Weinberg.“ Stellen Sie sich vor, der Lektor oder die Lektorin würde nach diesem Vers eine Pause lassen und die Worte könnten in Ihnen nachklingen; und dann würden sie nochmal und nochmal vorgelesen. Mal würde das „singen“ betont, mal das „Lied“, mal das „mein Freund“ oder „mein Liebster“. Die aufsteigenden Bilder können mir das Herz überfließen lassen. Ich gestehe: mir würde es für einen Gottesdienst an Text genügen, Und ehrlich gesagt wehre ich mich innerlich, mir diese Bilder, mir diesen „guten Geschmack“ des einen Verses zerstören zu lassen von der Unglücksgeschichte des Weinbergs bei Jesaja und noch heftiger durch die Mordgeschichte im Weinberg bei Matthäus.

Ich will singen…

Lassen Sie uns bei dem einen Vers bleiben. Und lassen Sie uns beginnen mit dem „Ich will singen…“ Hand aufs Herz: Wann haben Sie das letzte Mal gesungen? Gar nicht im Chor, immer am Montagabend oder so. Nein, wann haben Sie (oder anders: wann hat es das letzte Mal in Ihnen) aus Freude und Dankbarkeit heraus gesungen? Führen Sie sich die Situation oder die Begegnung noch einmal vor Augen, schauen Sie sich selber zu, was da passiert ist.

» Das Traurige an der Mystik ist die Tatsache, dass das Wort selbst so sehr mystifiziert worden ist. Als wäre Mystik nur etwas für ganz wenige Auserwählte. Für mich bedeutet das Wort einfach 'experimentelles Wissen spiritueller Dinge', im Gegensatz zum Wissen aus Büchern, aus zweiter Hand oder aus der kirchlichen Lehre. «
Rohr, Richard (2014): Die Liebe leben. Was Franz von Assisi anders machte, Freiburg, 18.

… von meinem Freund

Jesaja besingt ja in den Worten der Lesung den Weinberg seines Freundes, eröffnet aber mit „Ich will singen von meinem Freund“. Es ist weniger das Geschick des Weinberges als das Geschick des Freundes, das an dem Weinberg hängt und das er mit seinem liebsten Freund mitträgt. Noch einmal Hand aufs Herz, jetzt in einem etwas anderen Sinn: Welche Menschen kommen Ihnen in den Sinn, wenn vom „liebsten Freund“ die Rede ist? Welche Geschicke Ihrer Freundinnen und Freunde tragen Sie mit, wer trägt in tiefer und treuer Freundschaft Ihre Geschicke mit – und welche Gesänge könnten in Ihnen laut werden? Freudengesänge, Dankesgesänge, Klage- und Trauergesänge?

» Eines Tages wirst Du begreifen, dass Du nach dem suchst, was Du schon hast«, sagte der Meister zu seinem Schüler. »Warum sehe ich es dann nicht jetzt?« - »Weil Du Dich darum bemühst.« - »Muss ich mich also nicht anstrengen?« - »Wenn Du Dich entspannst und ihm Zeit lässt, wird es sich selbst zu erkennen geben. «
de Mello, Anthony (1994): Eine Minute Unsinn, 2. Auflage, Freiburg, 34.

Spielleute Gottes werden

Es ist eine schöne Fügung, dass dieser eine Vers aus Jesaja am 4. Oktober gelesen wird, dem Gedenktag des heiligen Franz von Assisi. Wie kein Zweiter auf der Liste der Heiligen könnte dieser Vers dem heiligen Franz in den Mund gelegt sein: „Ich will singen von meinem Freund, das Lied meines Liebsten von seinem Weinberg“, und das wirklich Menschliche an diesem Spielmann Gottes ist: er kann mit diesem „Freund“ einen seiner Brüder genauso meinen wie ein Geschöpf der Natur und wie seinen Bruder Jesus Christus. Diese tiefe Verbundenheit mit allem Geschaffenen kann ich mir nur wünschen, und Ihnen auch. Es weitet den Begriff der Freundschaft, der Verbundenheit, der Geschwisterlichkeit, der Solidarität. Nirgendwo ist er schöner ausgedrückt wie im Sonnengesang, den er schon im Angesicht seines Todes gedichtet hat. Das ist franziskanische Mystik, die Dinge, wie ich sie vorfinde, und alles Geschaffene zu „durchschauen“ auf die Wirklichkeit Gottes, die dahinter liegt.

» Falls du mit deinem durch die Wahrheit der Schöpfung geoffenbarten Glauben an Gott geantwortet hast, wird Gott selbst am Ende deines Lebens dich sicherlich eher danach richten, wie du dich gegenüber der Welt um dich herum verhalten, als nach dem, was du über die Welt und die Art ihrer Erstehung gedacht hast.«
Halìk, Tomàs, (4. Auflage, 2013): Nachtgedanken eines Beichtvaters. Glaube in Zeiten der Ungewissheit, Freiburg, 117.

Wenn das Spielerische fehlt

Lassen Sie mich zum Ende jetzt einmal auf den Inhalt des Liedes kommen, das Jesaja uns vorsingt. Alle Mühe ist vergebens, der geschützte Weinberg trägt keine Frucht, und so soll er ungeschützt bleiben, zum Ödland verkommen. Das Matthäusevangelium greift den Weinberg des Jesaja noch einmal auf und lässt ihn zum Ort des Verbrechens werden. Der Sohn des Besitzers des Weinbergs wird darin hinterrücks gemeuchelt und ermordet. Und dann kommt der moralische Hinweis auf den Stein, den die Bauleute verworfen haben, und der zum Eckstein wird. Wenn Sie all da hören, ist Ihnen die Freude am Singen von Ihrem Freund und vom Weinberg Ihres Liebsten sicher vergangen.

Wenn das Spielerische, wenn das Singen fehlt, verkommt Religion, verkommt Frömmigkeit und verkommt Spiritualität, verkommt und verbittert die Kirche. Es sind Menschen wie der heilige Franz, die uns nicht nur Grund zum Singen sind, sondern die anstecken zu singen, zu singen von unseren Freuden, zu singen von unseren Freunden, zu singen von unseren Freundinnen. Es gibt mehr Grund, gut gestimmt zu sein und zu singen, als es Gründe gibt, die mich verstimmen und verstummen lassen. Es ist eine Frage der Blickrichtung, des Loslassens und des Empfangens, davon bin ich überzeugt – diese Überzeugung habe ich durch Franz von Assisi gewonnen, und ich wünsche Sie Ihnen.

Singen Sie – das Lied Ihrer Freude, Ihrer Freunde und Ihrer Freundinnen. Am besten mit Ihnen zusammen, und manchmal nicht nur „innerlich“, sondern sogar mit Melodien!

Amen.

 

Köln, 03.10.2020
Harald Klein

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