28. Sonntag im Jahreskreis – Einmal Kamel sein wollen

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„Du Kamel!“

In die Zeit meiner Kindheit gehörten Schimpfwörter, die heute aus der Mode sind. Es mag sein, dass „Du Blödmann“ sich noch gehalten hat, oder dass man jemanden als „Spinner“ bezeichnet. Aber das man von jemandem behauptet, er oder sie sei ein „Kamel“, das habe ich schon lange nicht mehr gehört!

Ein Nachschlagen im Wörterbuch ergibt, dass „Kamel“ als Schimpfwort einen Menschen bezeichnet, der dumme Fehler macht[1], es wird im Wörterbuch synonym mit dem „Idioten“ verwendet.

Der Vergleich mit der Realität zeigt, dass sich dieses Schimpfwort nicht leicht erschließt. Kann man den „Idioten“ noch vom griechischen Wort „idiotes“ ableiten, was soviel wie gewöhnlicher Mensch oder einfacher Bürger, oder von „idios“, was übersetzt „eigen“ heißt und auf gewissen Eigentümlichkeiten rückschließen lässt, ist das Kamel doch ein Tier, dass die Wege durch die Wüste aus eigenem Instinkt hinter sich bringen kann, dass dem Durst trotzt, das aus den eigenen Speichern lebt und das für das Wasser des Lebens, das Wasser zum Leben den richtigen Riecher hat.

„Du Kamel!“ – Wer das zu einem anderen sagt, lobt ihn nicht, meint eher, im anderen den Idioten zu sehen und genau das ihm zuzusagen. Mit dem Evangelium vom reichen Jüngling im Rücken, möchte – nur für heute – ich den Blick wenden: Ich male mir aus, wie das wäre, wenn ich heute nicht nur ein Kamel sein dürfte, sondern wenn ich heute ein Kamel sein möchte!

» Am 11. September 2001 rasten zwei Flugzeuge ins New Yorker World Trade Center. Der verheerende Terroranschlag und seine Folgen standen am Beginn eines neuen Jahrtausends, dass das Gewohnte und bisher Normale aus den Angeln hob. Die altbekannte Sicherheit geriet ins Wanken. Die Kräfte von Globalisierung, Digitalisierung und Finanzkapitalismus veränderten zudem Ökonomie, Politik und Gesellschaft. Aus der Fixanstellung wurde der Zeitvertrag, aus dem Bau-sparvertrag die private Verschuldung - aus dem Langfristigen, Verlässlichen das Provisorische und Prekäre. Im ‚flexiblen Kapitalismus‘ (Richard Sennett) lösten sich die alten Bindungen auf. Die Menschen ‚driften‘ seither von Ort zu Ort, von Job zu Job, von Partner zu Partner. «
Reinhard, Rebekka / Vasek, Thomas: Im Wandel zu Hause, in: Hohe Luft 6/2021, 13.

Der reiche Jüngling, oder: Angst vor Veränderung

Den richtigen Weg finden, zielgerichtet leben, das will der reiche Jüngling: „Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu erben?“ – die postmoderne Form der Frage wäre eher: „Was bietest Du mir an, legst du mir ans Herz, um wirklich gut, erfüllt, um authentisch zu leben?“

Jesu Antwort wäre vermutlich in seiner Zeit und in der Postmoderne dieselbe: „Halte Dich an das, was von alters her geboten ist! Du hast nicht nur den richtigen Riecher für das Leben, Du lebst es doch schon!“ Der reiche Jüngling zuckt die Schulter, damals wie heute: „Das tue ich doch schon alles. Das kann doch nicht alles sein!“ Was der Jüngling will, ist das, was wir heute „Selbstoptimierung“ nennen. Eine Bewegung, die sagt: „Du kannst schon etwas, aber Du könntest noch mehr!“

Jesus packt den Jüngling genau dort und führt ihn ad absurdum. „Eines fehlt Dir noch: Geh, verkaufe, was Du hast, gib es den Armen, und Du wirst einen Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach.“ Das sind Jesu Worte – aber schauen Sie mal in den Text, was den Worten vorausgeht! Da steht: „Da sah Jesus ihn an, umarmte und sagte…“

Dieses von Herzen kommende Tun Jesu bekommt der reiche Jüngling gar nicht mit. Er „spürt nicht die Beziehung“, er „hört“ nur die Worte Jesu auf dem Ohr der Selbstoptimierung, und diese Worte zwingen ihn in die Knie. Das große Vermögen weggeben an die Armen, das widerstrebt ihm. Diese Veränderung zu wagen übersteigt seine Kräfte, besser: seine Fantasie. Seine Selbstoptimierung ist offensichtlich an ein Ende gekommen. Er bleibt stehen, wo er ist, ein Weitergehen gibt es nicht. Das Kamel verdurstet in seiner eigenen Wüste.

» Der Küchentisch, der Konferenztisch oder sogar der gemeinsam genutzte Bildschirm, oder das Wohnzimmer, das Altenheim, das Klassenzimmer, die Bushaltestelle. Alles das sind heute transi-torische Orte, die plötzlich verschwinden können, durch eine Flutwelle, eine Pandemie, eine Unternehmensinsolvenz.
Was bleibt, das sind aber, im Idealfall, die Beziehungen, die an diesen wechselnden Orten und im Kontext dieser vergänglichen Objekte entstanden sind.
Was bleibt, das ist auch die sich hieraus ergebene Bereitschaft, immer wieder neu in Beziehung zur Welt zu treten.
Diese Beziehungen können Fremdheit sich selbst und der Welt gegenüber in Vertrautheit verwandeln. «
Reinhard, Rebekka / Vasek, Thomas: Im Wandel zu Hause, in: Hohe Luft 6/2021, 15.

Das Kamel auf dem Weg zum Nadelöhr: Veränderung ist möglich

In Sachen „Spiritualität“ sind es weniger die Taten, sind es weniger das Unterlassungen, die Veränderungen, Wachstum oder „Selbstoptimierungen“, aber auch Rückschritte, die helfen, Veränderungen zu beschreiben.

Die Philosophiezeitschrift HOHE LUFT fragt in Heft 6/2021: „Kann ich mich ändern?“ Der Frage anzuhängen sind m.E. zwei weitere Fragen: „Darf ich mich ändern?“ und „Will ich mich ändern?“ Was meinen Sie, welche der drei Fragen könnte der reiche Jüngling wohl beantworten?

Sofern „Änderung“ verstanden wird als von dem Fundament, das ich habe und auf dem ich stehe, eine Stufe höher zu steigen, ist keine große Veränderung zu erwarten oder zu erleben. Um mich zu verändern, muss ich den Ort verlassen, den „inneren“ Ort auf jeden Fall, den „äußeren“ Ort dann, wenn es der Veränderung dient. Rebekka Reinhard und Thomas Vasek sprechen im o.a. Artikel von „transitorischen Orten“[2], z.B. dem Wohnzimmer, dem Altenheim, dem Klassenzimmer und der Bushaltestelle, die verschwinden können, sei es durch eine Flutwelle, sei es durch eine Pandemie. Der Reichtum des Jünglings ist ein ähnlicher bedrohter transitorischer Ort, den aufzugeben ihm der Mut fehlt.

Jetzt aber das Ansehen Jesu, und seine Umarmung! Ich nehme das Jesus-Wort an den reichen Jüngling nicht wirklich ernst, nicht als äußere Aufforderung, irgendwann mal galt oder gilt. Es geht weniger um das Tun als um das Bewerten dessen, was er hat. Von Jesus angesehen werden, Ansehen haben bei ihm, durch ihn, sich umarmen lassen können von ihm kann zu dem Vertrauen führen, „Kamel“ sein zu dürfen und mehr auf das Wagnis „Nadelöhr“ zu setzen als auf den eigenen Reichtum. Mehr noch: Nicht, dass ich es nur wagen darf, ich will es wagen. „Veränderung“ heißt nicht, von Stufe A zu Stufe B zu kommen, das wäre „Entwicklung“. „Veränderung“ meint, mit allem, was zu mir gehört oder mir gehört, aufzubrechen in Richtung Nadelöhr, um den Durchbruch, den Durchgang zu wagen. Es ist genau dieser Eigenwille, der zum Impuls der Nachfolge wird, zum Hören auf den Ruf Jesu, zum Erwidern seines Blickes und seiner Umarmung. Ein letztes Mal die beiden Autor*innen:

„Was bleibt, das sind aber, im Idealfall, die Beziehungen, die an diesen wechselnden Orten und im Kontext dieser vergänglichen Objekte entstanden sind. Was bleibt, das ist auch die sich hieraus ergebene Bereitschaft, immer wieder neu in Beziehung zur Welt zu treten. Diese Beziehungen können Fremdheit sich selbst und der Welt gegenüber in Vertrautheit verwandeln.“[3]

» Gegen die Infamitäten des Lebens sind die besten Waffen: Tapferkeit, Eigensinn und Geduld. Die Tapferkeit stärkt. Der Eigensinn macht Spaß und die Geduld gibt Ruhe. «
Hesse, Hermann (2018): Vom Wert des Alters. Mit Fotografien des Dichters von Martin Hesse, 4. Auflage, Frankfurt Main, 241.

Das eigensinnige Kamel

Von Kamelen heißt es, sie seien störrisch, sie seien eigensinnig. Die Alternative „reicher Jüngling“ oder „eigensinniges Kamel“ möchte ich nicht gelten lassen. Ich wünsche in Sachen Nachfolge dem reichen Jüngling – und damit Ihnen und mir – den Willen, Kamel sein zu dürfen und vor allem zu wollen. Ich tue das mit einem Satz von Hermann Hesse, den er ein einem Brief am 23.7.1950 geschrieben hat: „Gegen die Infamitäten des Lebens sind die besten Waffen: Tapferkeit, Eigensinn und Geduld. Die Tapferkeit stärkt. Der Eigensinn macht Spaß und die Geduld gibt Ruhe.“[4]

Wie gesagt: In Sachen „Spiritualität“ sind es weniger die Taten, sind es weniger das Unterlassungen, die Veränderungen, Wachstum oder „Selbstoptimierungen“, aber auch Rückschritte, die helfen, Veränderungen zu beschreiben. In Sachen Spiritualität ist es die Tapferkeit, die stärkt, ist es der Eigensinn, der Spaß macht, ist es die Geduld, die Ruhe schenkt. Mögen doch die anderen sagen, ich sei ein Kamel, ich bin es gerne!

Amen.

Köln 08.10.2021
Harald Klein

[1] Vgl. [online] https://mobile-dictionary.reverso.net/de/deutsch-definition/Kamel+%5Bals+Schimpfwort%5D [08.10.21]

[2] Reinhard, Rebekka / Vasek, Thomas: Im Wandel zu Hause, in: Hohe Luft 6/2021,15.

 

[3] ebd.

[4] In: Hesse, Hermann (42018): Vom Wert des Alters. Mit Fotografien des Dichters von Martin Hesse, Frankfurt/Main, 241.