3. Adventssonntag – Die Freude des Vor-Läufers und die Vor-Freude des Läufers

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Sich freuen – über den Hausputz?

In der Predigt zum 1. Advent haben Sie das Bild des „inneren Hausputzes“ kennenlernen können, und dazu die Fragen, die diesen Hausputz begleiten: Was möchte ich an mir tiefer annehmen und akzeptieren? Was will ich hinter mir lassen, und wer/was hilft mir dabei? Was möchte ich mehr schätzen an mir, und wie kann ich das deutlich werden lassen? Was möchte ich neu erwerben, tiefer umsetzen, und was tue ich dafür? Was möchte ich im kommenden Jahr erleben, unternehmen, lernen?

In der Predigt zum 2. Advent ging es darum, mit Pfiffigkeit und Findigkeit sich selbst zu einem „Johannes dem Täufer“ zu werden und so dem Kommen Jesu den Weg zu bereiten, mit dem inneren Hausputz und mit einigen gelebten Antworten auf den Fragenkatalog, der den inneren Hausputz umschreibt. Ziel ist die Geburt Gottes in mir, wieder und wieder, und Ziel ist das eigentliche „Mehr“ meiner Menschwerdung.

» Wir brauchen keine Magie, um unsere Welt zu verwandeln; wir tragen alle Kraft, die wir brauchen, bereits in uns: Wir haben die Kraft, uns Besseres vorzustellen. «
Rowling, J.K. (2017): Was wichtig ist. Vom Nutzen des Scheiterns und der Kraft der Fantasie, Hamburg, 67.

Und heute, am 3. Advent, geht es um die Freude am „inneren Hausputz“, was ja beinahe eine Unmöglichkeit ist. Um es vorweg zu sagen: Ich kenne niemanden, der oder die eine Freude am Hausputz hätte; aber ich kenne viele (und ich zähle mich selbst dazu), die sich am geputzten Haus, an der aufgeräumten Wohnung freuen – und diese Freude wird zur Vor-Freude, die mich Eimer und Lappen holen lässt.

Das Motiv der Vor-Freude beim Hausputz, die auf die (übrigens innerliche wie äußerliche) aufgeräumte Wohnung zielt, kann übertragen werden. Einmal auf die Freude des Vor-Läufers Johannes, und dann auf die Vor-Freude des Läufers, also Sie und ich. Aber eins nach dem anderen.

Die Freude des Vor-Läufers

„Es trat ein Mensch auf, der von Gott gesandt war; sein Name war Johannes“ (Joh 1,6). Johannes wird gerne als der Vorläufer Jesu bezeichnet, als letzten der Propheten, der als einziger sah, was alle Propheten bezeugten: den leibhaftigen Jesus. Darin lag die Freude des Vor-Läufers, dass Jesus in persona zu ihm kommt, sich – kaum zu glauben – von ihm taufen lässt, und er in seiner Gefangenschaft noch zu hören bekommt, was dieser Jesus alles vollbringt: Er ist der, auf den Johannes und die Welt gewartet hat, so stellen es die Evangelien dar. Johannes, der „Vor-Läufer“, war nicht selbst das Licht, er kam als Zeuge, um Zeugnis abzulegen für das Licht, damit alle durch ihn – wohlgemerkt: durch ihn, nicht durch Jesus oder Maria oder Josef – zum Glauben kommen. Deswegen verweist er, der „Vor-Läufer“,  immer  auf diesen Jesus, auf den „Läufer“ ;  unser “‘Seht, das Lamm Gottes, es nimmt hinweg die Sünden der Welt“ ist ein Zitat des Täufers im Johannesevangelium (Joh 1,29.36). Die Freude des Vor-Läufers besteht darin, gefunden zu haben, Jesus gefunden zu haben – und die, die ihm vertrauen, auf diesen Jesus zu verweisen.

Die Vor-Freude des Läufers

Jetzt aber: Seien Sie sich selbst Johannes der Täufer, das war der Impuls vom letzten Sonntag. Die Rolle des Vor-Läufers ist vergeben, wir sind „nach-jesuanisch“, sind sogar „nach-christlich“. Vielleicht sollte man eher „nach-JESU-anisch“ oder „nach-CHRIST-lich“ schreiben, dann wird es deutlich, wo der Unterschied liegt. Auf den hinweisen, der nach mir kommt – wie Johannes der Täufer – das geht nicht mehr. Vor-Läufer für Jesus sein, das ist vorbei. Aber „Nach-Läufer“ kann ich sein, wenn und solange ich hinter Jesus her bin. Und noch besser: „Läufer“ kann ich für ihn sein, mich von ihm geistbegabt, geschickt, gesendet wissen, das geht.

» Wir dürfen Transparenz nicht als absoluten Wert verherrlichen, sondern müssen sie als instrumentellen Wert begreifen. Transparenz ist also ein Mittel zum Zweck, etwa um Missbrauch zu enthüllen oder Diskriminierung sichtbar zu machen. Aber als absoluter Wert kann sie, um hier einmal religiöse Terminologie zu benutzen, in die Hölle des Ausgeleuchtetseins führen. «
Pörksen, Burkhard (2020): Die Fäden der Macht, in: Philosophiemagazin 01/2021, Berlin, 63.

Von Johannes ist gesagt: „Er kam als Zeuge, um Zeugnis abzulegen für das Licht, damit alle durch ihn zu Glauben kommen. Er war nicht selbst das Licht, er sollte nur Zeugnis ablegen für das Licht.“ Der Satz gilt für Johannes den Täufer, aber ebenso wie für Sie und für mich. Die, wenn man will, Fingerrichtung hat sich aber geändert. Johannes zeigt mit großem Finger – denken Sie an den Isenheimer Altar – auf den, der das Lamm Gottes ist, er bezeugt, dass dieser Jesus der Christus ist. Er ist Zeuge für die Person Jesu Und wir Nach-JESU-anischen, wir Nach-CHRIST-lichen? Auf uns zeigen die Finger der Menschen und sagen: „Wenn Du Zeuge, Zeugin bist, dann leg Zeugnis ab für das Licht. Wo ist es denn? Wie ist sieht es aus, wie fühlt es sich an, was bewirkt es?

Unser Zeugnis zielt weniger auf die Person Jesu, es zielt viel mehr, viel stärker auf das Leben in seinem Geist, in seiner Nachfolge. Da sind wir nicht – wie der Vor-Läufer – am Ziel! Aber es gibt eine Vor-Freude des Läufers, der Läuferin: wir wissen um ein Licht, das in uns strahlt, ein Feuer, das in uns brennt, das nicht von uns kommt, sondern uns geschenkt wurde. Als Nach-Christen können wir Christus als Spender des Lichtes und des Feuers angeben, und das wir einen Geber ahnen und ihn mit „Jesus Christus“ benennen, ist das einzige, was uns von denen  unterscheidet, in denen das Licht genauso strahlt und das genauso Feuer brennt, ohne dass sie diesen Namen nennen oder einen anderen Namen als Gebenden nennen. Die Vor-Freude des Läufers für Christus ist dieselbe wie die aller anderen, die einen solchen „Hausputz“ machen – die Freude am Ergebnis hält das Licht am Strahlen und das Feuer am Brennen.

» Wirklich vertrauen kann man jenen Menschen, denen man etwas anvertrauen kann, ohne dass sie dieses Wissen weitertragen oder missbrauchen. Nicht ohne Grund werden 'vertrauenswürdig' und 'diskret sein' ja fast synonym verwendet. «
Bahr, Petra (2020): Die Fäden der Macht, in: Philosophiemagazin 01/2021, Berlin, 61.

Ein Ergebnis des Hausputzes: Das Vertrauen

Wie gesagt: Auf uns zeigen die Finger der Menschen und sagen: „Wenn Du Zeuge, Zeugin bist, dann leg Zeugnis ab für das Licht. Wo ist es denn? Wie ist sieht es aus, wie fühlt es sich an, was bewirkt es? Ein Zeugnis, das mich an diesem Wochenende besonders beschäftigt, ist das Zeugnis des Vertrauen. Eine Hausputz-Frage: Bewirkt meine Nachfolge, dass ich ein Mensch des Vertrauens bin? Vertraue ich mir selbst, vertrauen mir andere, vertrauen ich anderen? Wem, seien es einzelne, seien es Gruppen, schenke ich vertrauen, um wem nicht- aus welchem Grund?

Sie können diese Weise des Fragens auch mit der Frage nach der Lebendigkeit, der Vergebung, der Barmherzigkeit durchführen – alles dient dem inneren Hausputz. Wichtig ist, dass Sie genügend Fantasie aufbringen, um ein Bild vor Augen zu haben, wie Ihr Haus aussehen soll, wenn Christus selbst einzieht, neu und erneut die Wohn- und Lebensgemeinschaft mit Ihnen eingeht.

» 'Vertrauen wird also weniger durch institutionelle Legitimationsverfahren garantiert, etwa durch das Ablegen von Prüfungen und Erlangen von titeln, als vielmehr durch persönliche Authentizität?' - 'Genau. Die Währung des Vertrauens ist das vermeintlich Echte und nicht das Repräsentierte.' «
Bahr, Petra (2020): Die Fäden der Macht, in: Philosophiemagazin 01/2021, Berlin, 61.

Zum Glauben kommen

Es gibt noch einen Unterschied zwischen dem Vor-Läufer Johannes und Ihnen als Läufer oder Läuferin. Das Ziel des Zeugen Johannes ist, so sagt es das Evangelium, dass alle durch ihn zum Glauben kommen. Das Ziel, dass uns als Läufer oder Läuferin mitgegeben ist, sieht anders aus: Wir sollen, dürfen, können so leben, dass an unserem Leben deutlich wird, dass wir zum Glauben gekommen sind! Mein Erleben zeigt: Je mehr mich das stresst, je mehr ich angestrengt zeigen will, zu zeigen, dass ich zum Glauben gekommen bin, desto unglaubwürdiger werde ich und wird mein Zeugnis. Je mehr ich schlicht „vertrauens-würdig“ meinen Alltag lebe und gestalte, desto mehr „Ver:trauen“[1] erfahreich, desto mehr „Ver:trauen“ wird mir geschenkt, und desto mehr „ver:traue“ ich mir und denen um mich herum. Vertrauen, Lebendigkeit, Vergebung, Barmherzigkeit – das ist der Geschmack des Lebens für die, die in einer Vor-Freude auf die immer größere Begegnung mit Christus für ihn Läuferinnen und Läufer sind. Mag sein, dass dadurch der eine oder die andere zum Glauben kommt, ich würde es ihm oder ihr wünschen, aber das ist nun wirklich nicht der Grund meines Laufens. Lassen Sie uns laufen, um der Vor-Freude willen.

Amen.

Köln, 11.12.2020
Harald Klein

[1] „Ver:trauen“ ist Thema eines Wandertages im Gefährtenkreis am Samstag vor dem 3. Advent. Viele Gedanken zu dieser Predigt hängen mit der Vorbereitung dieses Thementages zusammen. Ein Danke all denen, die das möglich gemacht haben.