3. Sonntag der Osterzeit: „Ich komme nicht mit.“

Vier kleine Phantasiereisen

Wenn Sie sich auf einem Sessel zurücklehnen, die Augenschließen, dreimal den Atem kommen und gehen lassen und dann in Ihrer Phantasie die Worte hören „Ich komme nicht mit!“ – welches Bild formt sich dann vor Ihrem geistigen Auge?

Mir zeigen sich vier Situationen:

Die ERSTE: Ein Klassenraum oder ein Vorlesungssaal, der oder die Lehrende springt von einer Folie auf die andere. Ich versuche, seinen Gedanken zu folgen und zu verstehen und merke: „Ich komme nicht mit!“

Die ZWEITE: Ein Freund erzählt von seinen Plänen; er will sich von seiner Freundin trennen, will in den Süden, dort etwas gründen und weg von allem hier. Ich lebe allein, weiß mich aber mit ihm und vielen anderen verbunden, kann mich kaum in seine Pläne hineinversetzen und merke: „Ich komme nicht mit!“

Die DRITTE: Ich erinnere mich an meine Kindheit, an Spaziergänge sonntags nachmittags, wo Lassie oder Fury im Fernsehen liefen (natürlich nur schwarz-weiß); mein Vater schaltet das Fernsehen aus, denn jetzt wird spazieren gegangen mit der Familie. Wie gerne hätte ich mich getraut, dieser Aufforderung zu entgegnen: „Ich komme nicht mit!“

Die VIERTE: Eine klassische Situation beim Bergwandern. Wir kommen am frühen Nachmittag auf der Hütte an, mein Bruder und meine Neffen sehen einen Gipfel und meinen, er müsste noch heute Nachmittag erklommen werden. Es genügt ein einladender Blick, der mich antworten lässt: „Ich komme nicht mit.

Es können Gedanken, Pläne, Aufforderungen und Einladungen sein, denen ich mit der Haltung „Ich komme nicht mit!“ begegnen kann. Eines haben alle gemeinsam: Ein „Etwas“ oder einen „Jemand“, und mit dem ich nicht mitkomme – weil ich es nicht vermag, weil ich es nicht kann, weil ich es nicht will, vielleicht auch, weil ich es nicht darf.

» Diese Frau aus Magdala, Miriam, redet Jesus an und sagt ihr: 'Geh zu meinen Brüdern.' Das ist die ganze Auferstehung: Am Ende eine Perspektive zu gewinnen, die über diese Welt hinausgeht. Und dafür steht die Gestalt Jesu. «
Drewermann, Eugen (1993): Auferstanden aus der Angst. Eugen Drewermann im Gespräch mit Eike Christian Hirsch, in: ders. (Hrsg.): Wort des Heils, Wort der Heilung, Bd. 4, Düsseldorf, 175.

Petrus – ein „Jemand“, der vorangeht

Und jetzt schauen Sie mal auf das Evangelium! Simon Petrus ist mit sechs anderen Jüngern zusammen am See von Tiberias. Und der Evangelist Johannes schreibt den knappen Dialog: „Simon Petrus sagte zu ihnen: Ich gehe fischen. Sie sagten zu ihm: Wir kommen auch mit.“ Fertig. Was meinen Sie: Ist das „Ich gehe fischen“ ein Offenbaren seiner Gedanken, seiner Pläne, ist es eine Aufforderung oder eher eine Einladung? Wie klingt das für Sie, dieses „Ich gehe fischen“?

Ich glaube, dass Petrus auch nicht mehr mitgekommen ist in all dem, was in Jerusalem geschehen ist. Johannes erzählt die Geschichte vom leeren Grab, dass Petrus und der Jünger, den Jesus liebte, besucht hat. Er schildert die Geschehnisse um den suchenden, vielleicht auch an der Auferstehung zweifelnden Thomas, bei denen Petrus dabei war. Und weil er in all dem nicht mehr mitkommt, geht er zurück an den Ort, der ihm Heimat ist, an den See von Tiberias, und er entschließt sich, wieder und doch neu mit dem zu beginnen, was er kann: „Ich gehe fischen!“

Es ist ja nicht so, als gingen die anderen sechs einfach nur mit, als folgten sie ihm – quasi äußerlich, im Tun. Sie sind schon mit ihm, gemeinsam, an den Ort gegangen, der ihnen allen eine Heimat ist, eben an den See. Sicher nicht, um zu vergessen, was war, sondern – quasi innerlich – um neu, als Neue, das zu tun, was ihnen vertraut ist.

Das ihm Hinterkopf, schauen Sie dem Petrus einmal ins Gesicht, wenn er sagt: „Ich gehe fischen!“ Ich glaube nicht, dass er verzagt, enttäuscht, in der Position eines Verlierers diese Sätze sagt. Aufgrund des Erlebten sehe ich ihn beinahe verschmitzt lächeln, erwartungsvoll, in der Hoffnung, das etwas geschieht. Und genau diese Haltung ist es, die die anderen Jünger sagen lässt: „Wir kommen auch mit!“.

» Der Osterglaube ist sensibel wie die Liebe. Man kann ihr Vertrauen schenken, wenn man den Worten der tiefsten Sehnsucht, der stärksten Leidenschaft, des intimsten Vertrauens folgt. Aber man verdirbt sie augenblicklich, wenn man misstrauisch wird und nach Beweisen forscht. Dann ist die Auferstehungsbotschaft wie der Horizont, der sich immer weiter entfernt, je mehr man auf ihn zugeht. Der Himmel auf Erden ist für denjenigen, der ihn in sich einlässt. «
Drewermann, Eugen (1993): Auferstanden aus der Angst. Eugen Drewermann im Gespräch mit Eike Christian Hirsch, in: ders. (Hrsg.): Wort des Heils, Wort der Heilung, Bd. 4, Düsseldorf, 178.

Hoffnung im Scheitern

In diesem Erleben des Scheiterns des Petrus nach dem Ölberg, nach Golgota, selbst mit der Hoffnung nach dem leeren Grab und dem Zimmer mit der verschlossenen Tür bleibt er stecken im „Ich komme nicht mit!“ Und aus dieser Situation kommt er nur heraus durch die Rückkehr an einen vertrauten Ort oder Punkt seiner Lebensgeschichte, um von dort aus neu zu gehen in dem, was vertraut ist oder vertraut werden kann. Petrus fischt im selben See, aber er fischt als ein anderer Petrus. Menschen, die ein Scheitern so angehen, haben Ausstrahlung, anderen voranzugehen – „Wir kommen auch mit!“

Die, denen das Annehmen des Scheiterns in ihrem alltäglichen Leben so gelingt, denen gelingt der Fischfang, die sind mit dem vollen Netz beschenkt, und denen erscheint der Herr, dem einen eher fremd, dem anderen, der liebt, eher vertraut.

Auch das ist Ostern: Eine Bewegung vom „Ich komme nicht (mehr) mit!“ und vom Scheitern über eine Zuversicht und Hoffnung hin zu vertrauten Orten und Personen, um von hier aus neu und als Neuer/Neue zu beginnen – gemeinsam mit denen, die „mitkommen“ wollen. Es ist eine kritische Überlegung wert, wem ich, wem Sie sagen könnten: „Ich komme auch mit!“

„Es ist der Herr!“ – Möge mein, möge Ihr „Mitkommen“ zielführend sein.

Amen.

Köln, 25.04.2020
Harald Klein

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