6. Sonntag der Osterzeit: Jesus und der Wenn-Dann-Satz

„Wenn ich Du wäre, dann würde ich mich lieben“

Der Berliner Autor und Kabarettist Horst Evers ist einer meiner liebsten Comedians. Seine Weise, sich selbst auf den Arm zu nehmen, hat etwas Ansteckendes. Im Jahr 2015 kam sein damaliges Programm in Buchform auf den Markt, es trägt den Titel: „Wäre ich Du, würde ich mich lieben“. Lassen Sie mich den Satz ein wenig abwandeln: „Wenn ich Du wäre, dann würde ich mich lieben.

Diese Wenn-Dann-Sätze nennt man in der deutschen Grammatik Konditionalsätze, sie drücken eine Bedingung (= lat. conditio) aus, die mit einem Ergebnis oder Ereignis im Zusammenhang stehen, die dieses Ereignis oder Ergebnis eben „bedingen“. „Wenn ich Du wäre“ – die Bedingung; „dann würde ich mich lieben“ – das Ergebnis, das Ereignis.

Die Sache mit der Liebe zu Jesus

Im heutigen Evangelium kommt dieser Konditionalsatz auch vor. Gleich zweimal. Und Johannes gibt dem Hörenden, den Lesenden einiges mit auf den Weg, weil Jesus in den wenigen Sätze seiner Abschiedsrede hinbekommt, die Bedingung und das Ereignis bei ersten Mal so herum und beim zweiten Mal genau anders herum zu nennen.

Das Ganze klingt dann so: In Vers 15 sagt er: „Wenn ihr mich liebt (= Bedingung), werdet ihr meine Gebote halten (= Ereignis).“ Und in Vers 21 ist zu lesen: „Wer meine Gebote hat und sie hält (= Bedingung), der ist es, der mich liebt (= Ereignis).“

Ja, was jetzt? Was gilt?

» Wenn man jemanden vermisst, bedeutet dass, dieser Jemand ist schon da. «
Olga Tokarczuk (2019): Der liebevolle Erzähler. Vorlesung zur Verleihung des Nobelpreises für Literatur, Zürich, 13.

Es ist wie mit der Liebe zu einem Menschen…

Es ginge an der Vielfalt menschlicher Wirklichkeit wohl vorbei, zu sagen, dass die eine Version stimmt und die andere falsch ist. Das ist wie mit der Liebe zu einem Menschen. Wenn ich ihn liebe, werde ich soweit es ohne Selbstverleugnung geht versuchen, das zu tun, was dem geliebten Menschen entspricht. Nicht, um mir die (Gegen-) Liebe zu „verdienen“, sondern schlicht als Ausdruck meiner Liebe zu ihr, zu ihm, aus Liebe heraus motiviert.  Das entspräche dem „Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten.“ – Genauso kann ich als „Beweis“ meiner Liebe zu ihr, zu ihm das tun, was ihr, was ihm entspricht, was dann vielleicht ehr von der anderen Seite her als Zeichen meiner Liebe erkannt, besser: erahnt werden kann. Ich tue, was Dir lieb ist, als Zeichen meiner Liebe zu Dir. Hier ist es weniger der Ausdruck meiner Liebe, der motiviert, sondern das Erfüllen einer Erwartung, einer Freude, die ich dem oder der anderen tun möchte.

In der Unterscheidung von Frömmigkeit und Spiritualität erscheint mit der erste „Wenn-dann-Satz“ (Wer mich liebt, wird meine Gebote halten) eher in der Spiritualität beheimatet, während der zweite „Wenn-Dann-Satz“ (Wer meine Gebote hält, der ist es, der mich liebt) eher in der Frömmigkeit zu Hause ist.

Sicher haben beide Sätze ihre Berechtigung, ihre Stärken und Schwächen, und vielleicht bewegen wir uns hinsichtlich der Liebe zu Jesus zwischen diesen Sätzen hin und her, wie wir uns auch hin und her bewegen in den Weisen, unsere Liebe den geliebten Menschen gegenüber auszudrücken.

Das Spannende dabei…

Das Spannende in diesem Hin und Her ist: Halte ich mich an die „Gebote“ des oder der anderen, kann ich nichts falsch machen, es kann aber sein, dass ich mich selbst dabei verleugne und verliere. Und umgekehrt: Wenn ich dem oder der anderen meine Liebe zeigen will, kann es sein, dass ich deren/dessen „Gebote“ nicht treffe und völlig daneben liege, das Ziel verfehle.

Mehr noch: Das wirklich Spannende dabei ist, sich auf beides einzulassen. Der Blick, der Austausch, das Hinhören und Erzählen, das gemeinsame Erleben, Zeiten der Zärtlichkeit und der Intimität – das alles sind Gelegenheiten zu zeigen, dass ich Dich liebe, zu erfahren, dass Du mich liebst. Im Blick auf Jesus nennt man das „Gebet“, sofern es um die Zweisamkeit geht, und man nennt es „Leben“, wenn es um die Gestaltung meiner Lebenswelt und um die Verantwortung meines Lebens und des Lebens derer um mich herum geht.

» Vorstellbarkeit ist schließlich die erste Stufe des Seins. «
Olga Tokarczuk (2019): Der liebevolle Erzähler. Vorlesung zur Verleihung des Nobelpreises für Literatur, Zürich, 58.

Noch einmal: „Wenn ich Du wäre, dann würde ich mich lieben“

Ich stelle mir die Begegnung mit Jesus im Gebet vor, vielleicht mit einem Lächeln und einer Portion Humor. Ich stelle mir vor, er würde statt „Wenn du mich liebst, wirst du meine Gebote halten“ oder statt „Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt“ den Satz von Horst Evers sagen: „Wäre ich du, würde ich mich lieben“. Der macht neugierig, und ich würde mich (und dann ihn) fragen. „Warum eigentlich?“ Oder noch besser: „Warum eigentlich nicht?“

Amen.

P.S: Eine Predigt zur Gefährtenschaft mit Jesus finden Sie hier.

Köln, 16.05.2020
Harald Klein

 

 

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