7. Sonntag der Osterzeit: R>1 auf Christus hin

Krisen bilden Sprache

Es ist kein Geheimnis: Wenn Geistes- wie Naturwissenschaften etwas Neues entdecken, dann reicht die bisherige Sprache nicht mehr aus, um zu beschreiben, was da gefunden wurde. Die Naturwissenschaften können es sich einfach machen, sie geben dem, was entdeckt wurde, den Namen dessen oder derer, die diese Entdeckung machten. Denken Sie an die Messung der Stromstärke in Ampere (von Andrè-Mariè Ampere, 1775-1836), an die Messung der Kraft in Newton (nach Isaac Newton (1643-1727) oder den Geigerzähler (nach Hans Geiger, 1882-1945).

Andere, vor allem geisteswissenschaftliche Begriffe, werden „selbsterklärend“ gebraucht. „Systemrelevanz“ ist so ein Wort, oder „Lockdown“, beide lassen zwar aufhorchen, aber „Reproduktionsfaktor“ mutet dem Hörenden schon einiges mehr zu. In der Sprache des Robert-Koch-Institutes[1], die sich gerade ein wenig zur Alltagssprache entwickelt, ist damit die Schätzung gemeint, wie viele Menschen ein Corona-Infizierter im Durchschnitt ansteckt. Liegt die Zahl bei 1, steckt eine infizierte Person eine andere an, liegt sie darüber, entwickelt sich die Zahl der Angesteckten exponentiell, liegt sie unter 1, ist die Krise eingedämmt.

Wäre das Christentum – zumindest im deutschsprachigen Raum – eine Krise, könnten wir uns gratulieren. Was den Virologen und den Politikern nicht so einfach gelingt, das haben wir geschafft: Der Reproduktionswert im Christentum liegt bei uns deutlich unter 1, die „Krise“ der zur Kirche gehören Wollenden ist eingedämmt, diese Zahl ist im Aussterben begriffen.

Sprache bildet Krisen

Den Sontag zwischen Christi Himmelfahrt und Pfingsten kann man auch mit einem solchen „Krisenbegriff“ bezeichnen. Dieser Sonntag beschreibt so etwas wie einen „Lockdown“, eine selbst verordnete Ausgangssperre oder eine Quarantäne aus Sicherheitsgründen. Die Apostelgeschichte erzählt, wie die Apostel zusammen mit Maria ins „Obergemach“ – dem Ort ihrer Quarantäne – gingen und wo sie ständig blieben, um miteinander zu beten. Erst am kommenden Sonntag, an Pfingsten, werden sie wieder nach draußen gehen, ihren selbstgewählten „Lockdown“ aufheben. Sie sind in der Krise, sie leben in Furcht vor dem, was um sie herum geschieht, ihnen fehlen die Worte, um miteinander zu reden, mehr noch fehlen ihnen die Worte, um sich an die Menschen da draußen wenden zu können. Ihre bisherige Sprache führte Jesus und sie in diese Krise hinein, ihre jetzige Sprachlosigkeit holt sie da auch nicht heraus. Ziemlich aktuell, meinen Sie nicht auch?

Die richtigen Worte finden

Noch sind die Apostel sehr bei sich, suchen Worte, um sich selbst zurechtzufinden, um klarzukommen. Wenn es so bliebe ist klar, was geschieht: R>1 Das Christentum verliert seine Ansteckungskraft, die Botschaft von Jesus verschwindet, der Letzte kann das Licht ausmachen. Eine Wende in der Krise – anders als bei Corona -, ein R>1 kann nur erreicht werden, wenn die Botschaft ansteckend wirkt, und wenn die anstecken, die von dieser Botschaft infiziert sind. Dazu muss ich wissen, was mich erfüllt und treibt, und nur das kann ich weitergeben. Da sind 13 Menschen im Obergemach, die allen äußerlichen Versuchen einer Gleichmacherei standhalten konnten. Allein Petrus und Johannes mögen beide von Jesus erfüllt sein, aber doch auf unterschiedlichste Weise. Das Potential können sie nutzen, um ansteckend zu wirken, jeder auf einen anderen Typen von Menschen! Voraussetzung wäre der Weg nach draußen, das Hinschauen auf die Menschen, die man vorfindet, und die Begegnung, vielleicht auch die Auseinandersetzung mit ihnen und ihren Lebenssituationen.

» Anders als bei der Bekämpfung des Coronavirus empfiehlt Ansgar Puff, auf Sicherheitsabstand und Mundschutz zu verzichten, die eine Weitergabe des Glaubens verhindern. 'Raus aus der innerkirchlichen Quarantäne', fordert er. «
[online]https://www.domradio.de/themen/weihbischof-ansgar-puff/2020-05-22/kein-sicherheitsabstand-beim-glauben-weihbischof-puff-bemaengelt-den-niedrigen-reproduktionsfaktor [23.05.2020]

Zwischen Masken und Parolen

Lassen Sie uns einmal vom Obergemach in Jerusalem zum Pfarrhaus in der eigenen Gemeinde springen. Im SPIEGEL[2]wurde am 19.05.2020 auf fünf Typologien hingewiesen, in denen Menschen versuchen, die Corona-Krise zu bewältigen. Der Versuch, den Ohnmachtsgefühlen mit Aktionismus zu begegnen (vgl. „Hamsterkäufe“), scheitert; es schließt sich der Versuch an, ihnen mit Widerstand zu begegnen. Innerhalb dieser Phasen gäbe es fünf Typen der Krisenbewältigung, denen man „idealtypisch“ als Christ begegnen kann.

Da ist als erstes der stabile Krisenmanager. Er sieht sich gut für die Krise gerüstet, kann Helfer und Geber, vertraut auf die Fähigkeit des Staates und hat die Hoffnung auf ein gutes Ende. „R>1“ kann dadurch erwachsen, dass ein Schulterschluss geschieht. Helfende, Gebende, Vertrauende sind über den Kreis der Menschen im Obergemach hinaus zu entdecken, und jenseits aller Religionszugehörigkeiten. Hier geht es letztlich um Sozialraumorientierte Pastoral!

Der zweite Typ trägt den Titel des kreativen Vergemeinschafters. Sie organisieren Sozialkontakte, suchen Begegnung und sorgen für gute Atmosphäre. Dies ist ihre Weise, der Krise zu begegnen. „R>1“ kann dadurch erwachsen, dass der Kontakt in diese Kreise gesucht wird, dass Ressourcen aufgegriffen und eingebracht werden. Es geht um ein Arbeiten am Wir-Gefühl. Auch dies kann unter dem Begriff der Sozialraumorientierten Pastoral genannt werden.

Als dritten Typ beschreibt die Studie die tatkräftigen Optimisten. Sie versuchen, die Konsequenzen der Pandemie zu verdrängen und so weit wie möglich den Alltag und die Arbeit aufrechtzuerhalten. Angestrengt und tapfer geht es mit Durchhalteparolen in eine Zukunft nach Corona. „R>1“ kann durch das Angebot einer Entschleunigung, einer Achtsamkeit und eines meditativen Zugangs zur Bewältigung der Krise sein, den Menschen in der Nachfolge Jesu anbieten.

Der vierte Typ ist der des sorgenvollen Schutzsuchenden. Zutiefst erschüttert und aufgescheucht, wird von ihnen vieles hinterfragt, werden verschiedene Strategien ausprobiert. Sie können andere zur Vorsicht sensibilisieren, wenn dies ohne Angst geschieht. Dieser Typ ist offen auch für irrationale Schutzempfehlungen und für andere als seriöse Quellen. „R>1“ kann geschehen durch Aufnehmen der Unsicherheiten, durch gute Informationsweitergabe, durch Best-Practice-Beispiele seitens derer, die für Christus eintreten, sicher auch durch ein Hineinwachsen in ein Vertrauen „trotz allem“.

Der fünfte Typ ist der des eigenmächtigen Aktivisten. Er bezieht seine Sicherheit daraus, dass er eine Meinung (oft aus den ihnen passenden Medien) entschieden vertritt und andere Haltungen ablehnt. Durch diese Haltung kann eine Gesellschaft polarisiert und Menschen oder Gruppen gegeneinander ausgespielt werden. „R>1“ kann hier kaum erreicht werden, es sei denn, Vertreter aus dem „Obergemach“ treten selbst in der Rolle des eigenmächtigen Aktivisten auf und binden Menschen an sich (!), die ihrer Ansicht sind. Der Verweis auf Christus wäre dann aber noch zu erbringen, denn auch dieses Vorgehen ist in diesem Sinne „eigenmächtig“.[3]

» Menschen begleiten heißt,
sie zu tragen,
wenn ihre Flügel versagen,
wachsam zugegen zu sein,
wenn ihnen der Auftrieb fehlt,
die eigene Stärke anzubieten,
wenn Furcht sie ergreift,
In ihnen das Vertrauen zu wecken
für die Botschaft
des unendlichen Windes. «
Maus, Edeltrud (2018): Dem Leben trauen. Gedanken und Meditationen in Wort und Bild, Mauritius, 36.

Fragen am Sonntag des Lockdowns

Zwischen Himmelfahrt und Pfingsten sitzen nicht nur die Apostel im Obergemach. Diese zeitliche Angabe ist auch die historische Angabe dessen, wo die Kirche meines Erachtens gegenwärtig sitzt. Ein erstes Pfingsten gab es natürlich schon, aber viel Geist ist auch verspielt worden. Dieser Sonntag ist die Gelegenheit, nach dem Geist zu fragen, der uns in eine Situation des „R>1“ zu bringen vermag.

Die Kirche scheint sich in ein Obergemach zurückgezogen zu haben. Allemal ist sie zu wenig in Verbindung mit den Menschen, wie es „R<1“ zeigt. Vielleicht hilft der Lockdown, darauf zu schauen, wo die Menschen sind, was sie fühlen und befürchten, was sie freut und worauf sie hoffen, und wie sie dran sind, um ihnen mit dem, was uns selbst erfüllt, begegnen zu können. Nur so wird es uns gelingen, im Gegensatz zu den Virologen zu einem „R>1“ zu kommen, was die Freude an Christus und das Leben als Christen angeht.

Der nächste Sonntag wird es zeigen. Nur so, nur in dieser Haltung, können wir verstanden werden, nur in dieser Haltung sind wir „frag-würdig“ und werden uns Antworten zugetraut und abgenommen, und nur so sehen und entdecken die Menschen Gottes große Taten, auf die sie – oft ohne es zu wissen – lange warten. Eines steht fest: Nach dem „Lockdown“ der Kirche sind das Hingehen zu den Menschen und das Hören auf das, was sie bewegt, die ersten not-wendenden Schritte für ein „R>1“. Und das, was sie bewegt, wird uns oft genug gesagt, beschrieben, angezeigt.

Mit dem „Lockdown“ ist es wie bei Monopoly. Irgendwie heißt es in den kommenden Tagen: „Gehe zurück auf Los.“ Und dann gehe! Nicht nur wegen „R>1“, sondern zuerst um der Menschen wegen. Alles andere wird sich finden.

Amen.

Köln 23.05.2020
Harald Klein

 

[1] Vgl. [online] https://www.morgenpost.de/vermischtes/article228924543/Corona-Reproduktionszahl-Was-ist-das-Wie-wird-sie-berechnet.html[23.05.2020]

[2] Vgl. [online] https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/corona-bewaeltigung-forscher-ermitteln-fuenf-krisentypen-a-aee62c28-af35-41c4-acd0-da0e208096ac [24.05.2020] Die Studie wurde von der Bertelsmann-Stiftung in Auftrag gegeben.

[3] Hier wäre der sehr umstrittene „Aufruf für die Kirche und die für die Welt an Katholiken und alle Menschen guten Willens“ vom 07.05.2020 zu nennen, der von einigen Kardinälen und Bischöfen, u.a. von Gerhard Kardinal Müller, dem ehemaligen Präfekten der Glaubenskongregation, unterzeichnet wurde.

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