Anfangen können – anfangen dürfen – einen Anfang wagen

Neujahr – und was ist anders?

Neujahr gehört auch zu den konstruierten Wirklichkeiten. Wenn man es genau nimmt, unterscheidet sich der 1. Januar in nichts vom 2. April oder vom 8.November. Es ist unsere Deutung, unsere Zuschreibung von Wirklichkeit, die diesen Tag besonders macht.

Und gestern in der Predigt wurde hoffentlich klar: die konstruierten und mit anderen geteilten Wirklichkeiten helfen zum Leben, sie geben Sicherheit, machen mich freier, liebes- und leidensfähiger, sie wollen mich entschiedener in der Lebensführung machen, sie können helfen, das Leben als ein mir geschenktes Leben zu genießen.

Was heißt das, was geschieht da in der Konstruktion eines Neujahrstages? Meine These: hat der Silvestertag die Rückschau im Blick, so hat „Neujahr“ irgendetwas mit dem Anfangen, dem Neuanfang oder der Sehnsucht danach zu tun. In drei knappen Aussagen möchte ich das gerne verdeutlichen.

Ich kann damit nichts anfangen…

Ich stelle mit Eltern vor, die ihren Kindern beim Spielen an der Konsole erleben; Studierende, die merken, dass ihr gewähltes Studium doch nicht das ist, was sie erwartet haben; Lehrer, die erfahren, dass Kinder aus Familien mit Fluchthintergrund in ihre Klasse kommen; Bürger, die mit der Entscheidung, ein möglichst offenes Land zu sein, schwertun. Mit diesen Fragen und Gefühlslagen gehen sie ins neue Jahr. Und jetzt fordert dieser Tag heraus, Stellung zu beziehen. Ich kann alles beim Alten lassen – das hieße, in der Resignation bleiben. Ich kann aber auch fragen, welcher Geist da in mir wirkt, und dann Stellung beziehen dazu: soll Resignation das letzte Wort haben? Kann ich mich zu einem Verstehen-wollen aufraffen, das im Nachfragen seine erste Stufe hat? Kann ich dem Geist glauben, der mir einflüstert, dass Gott mich durch die Wirklichkeit umarmt? Neujahr feiern kann heißen: Ich will mich aus dem „Ich kann damit nichts anfangen“ wegbewegen auf ein „Ich will es zumindest verstehen können“ oder auf ein „ich will darin bestehen können“. Welcher Geist soll wirken in dem, womit ich nichts anfangen kann?

Ich kann mit dir/mit mir nichts (mehr) anfangen…

Eine Stufe tiefer: „Ich kann mit dir nichts (mehr) anfangen. Oder in der selbstzerstörerischen Form: „Ich kann mit mir nichts (mehr) anfangen.“ Neujahr als den Tag nehmen, an dem ich Klarheit finden kann über das, wer du für mich bist, wer ich für dich bin, wer ich für mich bin. Das kann sehr menschlich werden – in gelebten Beziehungen. Das kann sehr religiös sein, in der Beziehung auf Jesus Christus hin. Es geht mir nicht darum, dass am Ende Friede, Freude, Eierkuchen steht, sondern das Klarheit herrscht. Neujahr als eine neues „Gehe zurück auf Los“, als eine klare Position, von der aus ich starte, in aller Ehrlichkeit, auf Konsequenz hin. „Ich kann mit dir nichts (mehr) anfangen“ – entweder einen neuen Weg zueinander suchen und finden, oder einen Schlussstrich zu ziehen und sich nicht gegenseitig weiter zu quälen. „Ich kann mit mir nichts (mehr) anfangen“ – entweder mich rückbesinnen auf die eigenen Ressourcen, Quellen das, was mir hilft, mein Leben zu gestalten, und auf die, die mir dabei helfen – oder mich entscheiden, Hilfen anzunehmen, seien es professionelle Hilfen in Beratung und Begleitung, seien es die vielen angebotenen Hilfen derer, sie zu unserem Leben gehören. Neujahr feiern kann heißen: der Sehnsucht eines neuen Ja zum eigenen Leben in den Beziehungen, in denen ich lebe und in der Beziehung zu mir selbst, der Beziehung zu Gott neu Raum zu geben.

Ich würde so gerne neu anfangen…

Die vielleicht tiefste Sehnsucht, die mit diesem Jahreswechsel verbunden ist: neu anfangen zu können. Abzulegen, hinter mir zu lassen, was mich am tiefsten schmerzt, wofür ich mich am meisten schäme. Ein anderer, eine andere werden wollen – das geht nicht. Anders werden, anders leben – das geht. Aber dafür braucht es die Unterstützung derer, mit denen ich lebe. Und die setzt ein Äußern des Wunsches, vielleicht auch ein Eingestehen der Schuld, des Grundes für das Schämen voraus. Die Religion nennt das dann Barmherzigkeit, die Philosophie Freiheit und Vergebung, die Psychologie Fehlerfreundlichkeit. Das hat viel mit Mut zu tun – auf beiden Seiten. Neujahr feiern kann heißen: sich zuzutrauen, dass es auch anders geht, den Mut zu fassen, andern den Wunsch nach Neuanfang mitzuteilen, und die Großherzigkeit, andern dabei zu helfen.

Die Chance des Neujahrstages

Den 1. Januar unterscheidet „in Wahrheit“ nichts vom 2. April oder vom 8. November. Die Konstruktion unser Wirklichkeit macht es. Das ist wie beim Kindergeburtstag oder beim Hochzeitstag: wir feiern im Kindergeburtstag oder am Hochzeitstag ausdrücklich, was immer gilt: die Liebe und die Dankbarkeit zu unseren Kindern, zu unseren Partnerinnen oder Partnern. Neujahr nimmt ausdrücklich die Sehnsucht nach einem Anfang in den Blick, die immer gilt und immer begonnen werden kann: ich möchte damit etwas anfangen können – ich möchte mit dir/mit mir/mit Gott etwas anfangen können – ich möchte neu anfangen können, nicht ein anderer, aber anders werden. Dazu braucht es Mut zum ehrlichen Blick auf mich selbst, dazu braucht es Hoffnung auf Barmherzigkeit, und es braucht Bereitschaft umzukehren. – Das biblische Wort für diesen Prozess ist „Umkehr“. Lassen wir das Alte, Altes hinter uns, und wenden wir uns dem Neuen zu. In Gottes Namen.

Amen.

Harald Klein, Köln

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