Auf Augenhöhe mit Jesus

Bergpredigt oder Feldrede?

Bergpredigt – das Wort gehört zu den „einschläfernden“ Worte sowohl für den, der predigt, als auch für die, die „bepredigt“ werden. Ähnlich wie „Ein Sämann ging aufs Feld, um zu säen“ oder „Mit dem Himmelreich wird es sein wie mit zehn Jungfrauen…“ ist es mit dem „Als Jesus die vielen Menschen sah, stieg er auf einen Berg, um zu predigen.“ Sie wie ich wissen einfach, was kommt. Zu vertraut sind die folgenden Worte, sie laden förmlich zum Abschalten ein.

Der Inhalt der Bergpredigt ist bei Lukas in der Feldrede wiedergegeben. Komisch! Bei Matthäus spricht Jesus auf dem Berg, bei Lukas auf dem „freien Felde“, da, wo einst die Hirten lagerten und von den Engeln auf Jesu Geburt hingewiesen wurden. Die Ortswahl Jesu ist kennzeichnend, sowohl für Matthäus als auch für Lukas.

Drei Momente aus dem Evangelium – wohlgemerkt: nach Lukas, und im Vergleich zu Matthäus, möchte ich Ihnen gerne zeigen. Die Inhalte lasse ich weg, zu bekannt sind die Worte. Aber die äußeren Umstände, die möchte ich Ihnen gerne zeigen. Und ich verspreche Ihnen: Sie sind nicht einschläfernd, sondern können Ihnen die Augen öffnen, sie neu aufwecken für Jesus![1]

Begegnung mit Jesus – das Glück und die Seligkeit gilt allen!

Ein erster kleiner Unterschied ist schon mit der Zuhörerschaft gegeben. In der Bergpredigt bei Matthäus sind es ausnahmslos Juden, die ihn hören wollen. In der Feldrede bei Lukas kommen sie aus ganz Judäa und Jerusalem und dem Küstengebiet von Tyrus und Sidon herbei – also auch die „Fremden“, die aus der syro-phönizischen Mischbevölkerung, mit der sich auch Jesus in so mancher Begegnung schwertut, denken Sie nur an die syro-phönizische Frau, die von Jesus mit „Hunden“ verglichen wird. Dieser kleine Unterschied macht deutlich: bei Lukas, dem menschenfreundlichsten der Evangelisten, gilt die Botschaft Jesu allen, nicht nur denen aus seinem eigenen (Kirchen-) Volk. Da stellt sich doch eine erste Frage: haben wir in unserer kirchlichen Verkündigung auch die „Fremden“ im Blick, die eben keinen Platz in unseren Synagogen, pardon: Kirchen haben? Und braucht es da nicht eher eine Verkündigung der Haltung, der Tat – weil unsere Predigt, unsere Worte sie „draußen“ nicht erreichen?

Das Feld, nicht der Berg

Ein zweiter Unterschied: Bei Matthäus steigt Jesus auf einen Berg und predigt. Es war Josef Ratzinger, der in seinem Jesus-Buch Jesus als den zweiten Mose auslegte. Wie Moses vom Berg Sinai herab die Gottes Gesetze und Gebote empfing brachte, so predigt Jesus mit den Worten der Bergpredigt über seine „Aufhebung“ dieses Gesetzes, im dreifachen Sinne des Wortes „aufheben“: bewahrend, auf eine höhere Ebene legend, ungültig machend und ersetzend. Anders bei Lukas. Hier steigt er auf einen Berg, der für Jesus immer Kraftpunkt ist, um eine ganze Nacht hindurch zu beten und danach seine Jünger mit Namen zu berufen (vgl. Lk 6,12-16), und dann steigt er herab, um mit den „vielen Menschen aus ganz Judäa und Jerusalem und dem Küstengebiet von Tyrus und Sidon, die gekommen waren, um ihn zu hören und von ihren Krankheiten geheilt zu werden“, ins Gespräch zu kommen. Bei Matthäus „öffnete er den Mund und lehrte sie“ (Mt 5,2), bei Lukas „richtet er seine Augen auf die Jünger und sprach“ (vgl. Lk 6,20). Können Sie den Unterschied nachempfinden. Das ist kein Predigen von der Kanzel, von oben herab, das ist ein Gespräch auf Augenhöhe. Hier geht es nicht um Legalismus, sondern um Begegnung. Hier geht es nicht um eine erdenthobene ideale Ordnung, sondern um die Lebenswirklichkeit der vielen Menschen, die sich in ihren Lebenswelten als „krank“ und „unrein“ erleben. Da stellt sich doch die zweite Frage, die der Blickrichtung unserer (hoffentlich „leibhaftigen“) Weitergabe der Botschaft und des Geistes Jesu: geht die Richtung von oben nach unten – wir haben eine „Ordnung“, und Ihr müsst Euch nur danach richten, und alles ist gut! Oder geht sie von unten nach oben, im Sinne eines „Kommt zu mir, die Ihr mühselig und beladen seid, ich will Euch Ruhe verschaffen?“ Begegne ich den anderen „von oben herab“ oder eben “auf Augenhöhe“?

»Gerade in einer Zeit, die zwischen ‚Sex‘ und Kälte keine Zwischentöne mehr zu kennen scheint, mag eine solche Unbefangenheit tatsächlich wie ein neues ‚Zaubermittel‘ wirken.Hier geht es um die Evidenz der fundamentalen Bedürftigkeit und Abhängigkeit aller Men-schen von einer Gnade, auf die sie keinerlei Anspruch besitzen und die sie doch absolut brauchen., um irgendwie vom heutigen zum morgigen Tag zu gelangen. Absolute Gnade – das und nur das verkörpert der Gott, den Jesus uns schenkte
Drewermann, Eugen (2009): Das Lukasevangelium, Band 1, Düsseldorf, 356.

In Berührung mit Jesus kommen

Bei Matthäus setzte sich Jesus, und seine Jünger traten zu ihm (vgl. Mat 51). Lukas erzählt, dass alle Leute versuchten, Jesus zu berühren, denn es ging eine Kraft von ihm aus, die alle heilte (vgl. Lk 6,19). Können Sie den Unterschied zwischen „hinzutreten“ und „berühren“ nachempfinden? Jesus macht sich „angreifbar“. Jesus schaut die Menschen an, die Schriftgelehrten und die Pharisäer, als er den Mann mit der verdorrten Hand in die Mitte stellt (vgl. Lk 6,10), den Petrus nach seinem Verrat (Lk 22,61). Wer den Blick Jesu sucht, wer sich von ihm ansehen lässt und wer das „Ansehen Jesu“ annimmt, der erkennt sich und kann sich unter diesem liebenden und mitfühlenden An-Blick ändern. Und der sehnt sich nach Berührung dessen, von dem solche Kraft ausgeht. Ganz unbefangen geht Jesus mit diesem Wunsch um. Drewermann schreibt: „Gerade in einer Zeit, die zwischen ‚Sex‘ und Kälte keine Zwischentöne mehr zu kennen scheint, mag eine solche Unbefangenheit tatsächlich wie ein neues ‚Zaubermittel‘ wirken.“[2]Und es stellt sich eine dritte Frage: Wie steht es um meine eigene Sehnsucht, den Herrn zu berühren? Das kann „sakramental“ geschehen, am deutlichsten im Empfang der Kommunion oder in der Geste des Segnens. Das kann aber auch „leibhaftig“ geschehen, etwa – so habe ich es in Indien erlebt – in der tiefen Bedeutung des Grußes „Namastè“, indem ich die Hände wie in der Gebetsgeste zusammenführe und mich vor dem anderen verneige: „Das Göttliche/der Geist in mir grüßt das Göttliche/den Geist in Dir“, so kann dieses Wort aus dem Sanskrit übersetzt werden. Es wäre ein wenig befremdlich, würden wir Europäer diesen Gruß einfach „taufen“ i.S. v. christliche-europäisch nachahmen. Aber die Haltung, um die geht es. Sich in dieser Unbefangenheit begrüßen und begegnen, auch berühren können, das ist die weise, wie Jesus in der Feldrede – nicht in der Bergpredigt – den Menschen um sich herum begegnet, und wie sie ihm begegnen, hoffend, dass in dieser Begegnung das Göttliche in ihnen wieder zum Durchbruch kommt.

Drei äußerliche Momente, die innerlich viel bewirken

Drei Momente in der Schilderung des Rahmens sind es, die uns neu für Jesu Wirken und für das wirken seines Geistes in uns neu wach machen können: es geht um die Menschen, nicht nur um die um uns herum, sondern um die, die uns Tag für Tag begegnen, auch die „Fremden“. Es geht um Begegnung auf Augenhöhe und um Ansehen, nicht von oben herab oder abkanzelnd. Es geht um Berührung und Beziehung, in Zeichen, in Worten, in Gesten. Es geht um eine Kraft, die alle heilt, dann, wenn das Göttliche und der Geist in mir dem Göttlichen und dem Geist in Dir begegnet.

Lassen Sie uns einander so begegnen, und suchen Sie solche Begegnung, Ihnen und den anderen zu Heil.

Amen.

Köln, 17.02.2019
Harald Klein

 

[1]Ich greife hier zurück auf Drewermann, Eugen (2009): Das Lukas-Evangelium, Bd.1, Düsseldorf, 352-357.

[2]a.a.O., 356.

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