Botinnen und Boten der Freude sein

Drei kleine Präpositionen

„Freut Euch mit Jerusalem und jauchzt in ihr alle, die Ihr sie liebt! Jubelt mit ihr, alle, die ihr um sie trauert.“ – So beginnt die erste Lesung! Es geht um das Volk, das aus der Verbannung zurück in die Stadt Jerusalem kommt. Übertragen könnte man auch sagen, es geht um die Christen, die den Menschen ihrer Stadt, z.B. Köln gegenüberstehen. Und vier kleine Präpositionen, vier „Verhältniswörter“, so die deutsche Übersetzung, drücken die Haltung und das Verhältnis aus, in der das geschehen soll.

Die erste: „Freut euch mit Jerusalem.“ Sich mit der Stadt freuen, in der ich lebe. Den Katholiken fällt das heute schwer – viele Menschen feiern den Christopher Street Day, Das wäre die erste Frage an Ihr Gewissen, an Ihren Glauben: können Sie sich mit der LGBTQ-Bewegung freuen an diesem Tag? Und das mit taucht noch einmal auf: „Jubelt mit ihr, alle, die ihr um sie trauert.“ Können wir das: uns mitder Stadt freuen, wenn der FC wieder in der Ersten Bundesliga spielt, wenn unsere islamischen Mitbürgerinnen und Mitbürger ihre Feste feiern?

Die zweite: „Jauchzt in ihr alle, die Ihr sie liebt“ (gemeint ist die Stadt). Zieht sich das Volk der Christen heraus aus der Stadt, in ihre Kirchen und Pfarrheime? Sind es wirklich nur die Kirchen- und Katholikentage, in der wir in der Stadt jauchzen, vorausgesetzt natürlich, wir lieben sie, wie es das rückkehrende Volk mit Jerusalem tut. Haben wir Christen einen Ort des Jubelns mitten in der Stadt?

Und die dritte: „Jubelt alle, die ihr um sie trauert.“ Ist die Stadt, sind die Menschen in der Stadt und die vielen Orte in ihr, wo Menschen zusammenkommen, Gegenstand unserer Aufmerksamkeit? Umwen, umwas trauern wir Christen? Solange schwindende Kirchenbesucher wichtiger sind als z.B. das Schicksal einer Kapitänin, die von Staats wegen angeklagt wird, weil sie eine – man beachte das Wort – Schiffsladung Geflohener nach Lampedusa gebracht hat, trotz Verbot des italienischen Innenministers, solange stimmt etwas nicht mit unserer Trauer.

Die Sendung der „zweiundsiebzig anderen“

Mit diesen kleinen Präpositionen und den Fragen, die sie uns mitgeben, könnte man es für heute bewenden lassen:

  • Mit wem freue ich mich?
  • Wo, an welchen Orten freue ich mich?
  • Um wen, um was sorge ich mich?

Die drei kleinen Fragen können Ihre ganze Lebenswelt umschreiben, hier im Mutterhaus der Vinzentinerinnen, in einer kleinen Pfarrgemeinde, in meiner Gemeinschaft, im Kreis der Zwölf, die Jesus um sich geschart hat. Schöne, kleine, manchmal auch heile, manchmal unheile Welt – wenn da nicht das Evangelium wäre, die Erzählung von der Aussendung der „72 anderen“; näher beschreibt Lukas diese Boten seiner selbst nicht. In dieser kleinen Erzählung wird diese heile, kleine, schöne Welt aufgebrochen, hier geht es um das, was man in der Theologie „Sendung“ nennt. Drei Dinge sind bemerkenswert:

Die Zahl 72

Von Mose her denkend, müssten es eigentlich siebzig sein – es gibt die siebzig Ältesten, die ihm zur Seite stehen und zur festen Instanz im pilgernden Gottesvolk werden und denen Mose von seinem Geist gibt, so erzählt es die Exodus-Tradition. Zweiundsiebzig Boten – Jesus versechsfacht den Zwölferkreis und versechsfacht den Sendungsauftrag; und in der Offenbarung ist von den 144.000 Geretteten die Rede, mathematisch ist das 12x12x1000 – eine Zahl der absoluten Vollendung. Bei den 72 ist von keiner große Vorbereitung, von keiner Katechese, von keiner Weihe oder Ordination die Rede. Sie sollen dorthin gehen, wohin er selbst kommen will. Das einzig wichtige: Sie sollen die Gesinnung, das Gottvertrauen Jesu haben. Wenn die Ältesten bei Mose helfen sollten, neues Land zu erobern, sollen die 72 dorthin gehen, wohin Jesus selbst kommen will, um die Menschen zu heilen von ihren Krankheiten und Abergeistern. Also: Raus aus der kleinen Welt – mitten hinein in die Welt. Da klingen die drei Fragen ganz anders:

  • Mit wem freue ich mich?
  • Wo, an welchen Orten freue ich mich?
  • Um wen, um was sorge ich mich?
»Sie bilden gerade nicht den Instanzenzug einen sich etablierten Rechts- und Verwaltungssystem ab, vielmehr sind sie die Sendboten, welche die Ankunft Jesu in den Dörfern vorbereiten sollen.Sie sind durchaus keine Beamten, keine Titelträger, keine Repräsentanten von (Kirchen)Macht und (Ritual)Magie; sie sind Personen, die in ihrer Lebensauffassung und Lebensweise etwas von der Art Jesu selbst erahnen lassen und vermitteln.«
Drewermann, Eugen (2009): Das Lukasevangelium, Band 2, Düsseldorf, 725f.

Eine (h)eilige Botschaft

Ein Zweites: Die Anweisung Jesu, nichts mitzunehmen und unterwegs niemanden zu grüßen. Auf den ersten Blick verstößt Jesus hier gegen die Minimalanforderungen der Höflichkeit. Sie können es aber auch anders deuten. Es geht Jesus um eine Eile mit seiner heilig-eiligen Botschaft. Haltet Euch mit nichts auf, bringe mein Wort, bringt meinen Geist, bringt mich selbst unter die Leute. Eugen Drewermann vergleicht diese Aufforderung mit einem Notarztwagen, der mit Blaulicht unterwegs ist und sich an keine Straßenverkehrsordnung halten muss – es gilt die Vorschrift, ihn durchzulassen, um der Wichtigkeit seiner „Sendung“ willen.[1]Es geht um das Anbrechen des Reiches Gottes – alles, was dem im Weg steht, gilt es zu umfahren. Von hier aus gilt es kritisch auf diese drei Fragen zu schauen und womöglich eine Kurskorrektur einzuschlagen:

  • Mit wem freue ich mich?
  • Wo, an welchen Orten freue ich mich?
  • Um wen, um was sorge ich mich?
»Um Menschen zu sich selbst zurückzuführendes sie zu ihrem 'Frieden' finden, bedarf es dringend eines 'Hauses', in welchem Menschen zweckfrei leben können, - gemocht in ihrem Wesen, erwünscht in ihrem Dasein, nicht erst aufgrund ihrer erbrachten Leistung. Zu Asylstätten der Menschlichkeit, zu Gnadenorten Gottes werden solche Häuser - und in solche sollen die Jünger Jesu all die Wohnungen verwandeln, in denen man sie aufnimmt.«
Drewermann, Eugen (2009): Das Lukasevangelium, Band 2, Düsseldorf, 734.

Die Asylstätten der Menschlichkeit

Und ein Letztes: das Bleiben der 72: „Wenn Ihr in eine Stadt kommt und man Euch aufnimmt, so esst, was man Euch vorsetzt. Heilt die Kranken, die dort sind, und sagt ihnen: Das Reich Gottes ist euch nahe!“

Diese Häuser des Friedens, die Jesus beschreibt, werden „zu Asylstätten der Menschlichkeit, zu Gnadenorten Gottes“[2], diese Begriffe nennt Drewermann in seinem Kommentar zum Lukasevangelium. Darum geht es in der Aussendung der 6×12 zusätzlichen Jünger: nicht nur das eigene kleine Haus im Blick zu haben, sondern hinauszugehen dorthin, wohin der Herr selbst kommen will, ihm ähnlich zu sein in Gesinnung und Tat, so gut es geht, und mitten in der Welt daran mitzuwirken, dass unsere Häuser zu Asylstätten der Menschlichkeit und zu Gnadenorten Gottes werden können. Und wieder gelten diese drei Fragen aus dem leicht abgewandelten Jesaja-Vers: „Freut Euch mit Köln und jauchzt in ihr, die ihr es liebt! Jubelt mit ihr, alle, die Ihr um sie trauert.“

  • Mit wem freue ich mich?
  • Wo, an welchen Orten freue ich mich?
  • Um wen, um was sorge ich mich?

Lassen Sie diesen drei Fragen an diesem Sonntag ein wenig Raum in Ihrem Beten und Betrachten.

Amen.

Köln 06.07.2019
Harald Klein

 

[1]Vgl. Drewermann, Eugen (2009): Das Lukasevangelium, Bd. 1, Düsseldorf, 732.

[2]Drewermann, Eugen (2009): Das Lukasevangelium, Bd.1, Düsseldorf, 734.

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