Christi Himmelfahrt – Abbruch oder Aufbruch? oder: „Draußen vor der Tür VI“

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Abbruch oder Aufbruch?

Sie kennen vermutlich alle die Himmelfahrtsszene aus der Apostelgeschichte, die Worte der zwei Männer, die die zum Himmel blickenden Apostel ansprechen und sagen: „Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und schaut zum Himmel empor? Dieser Jesus, der von Euch fort in den Himmel aufgenommen wurde, wird ebenso wiederkommen, wie Ihr ihn habt fortgehen sehen.“

Da stehen sie, die Apostel, zwischen „aufgenommen“ und „wiederkommen“. Ist „Himmelfahrt“ eher Abbruch, eher Aufbruch? Verrückt: Beides stimmt! Die Frage ist falsch. Richtig wäre: Ist es für die Apostel – ist es für Sie, für mich – eher Abbruch, oder eher Aufbruch?

Keine Angst, es erwartet Sie jetzt kein pastorales „Es ist Aufbruch, Du musst es nur richtig hinsehen!“ oder „Ja, ja, unsere Heimat ist im Himmel, sagt schon Paulus.“ oder so etwas. Was ich Ihnen anbieten möchte, ist ein Nachspüren in Ihre eigene Lebensgeschichte, zu welchen Zeiten und in welchen Umständen Abbrüche zu Aufbrüchen wurden, und was dazu geholfen hat, dass diese Transformation gelingen konnte.

» Zwischen Position und Person zu unterscheiden ist allerdings eine schwierige Kunst. Nur wenn eine Person sich ernst genommen fühlt, kann es ja überhaupt ein Gespräch geben, das diesen Namen verdient. [...] Manchmal geht kein Weg am zeitweisen Gesprächsabbruch vorbei. Grenzen müssen markiert werden, sonst werden sie weiter verschoben. «
Bahr, Petra (2020): Die Fäden der Macht, in: Philosophiemagazin 01/2021, Berlin, 65.

Beckmanns Zuhause bricht weg

In Wolfgang Borcherts „Draußen vor der Tür“ findet der Kriegsheimkehrer Beckmann in seinem Elternhaus Frau Kramer vor. Sie informiert ihn, dass seine Eltern sich selbst „entnazifiziert“, sich das Leben genommen hätten, und dass sie, Frau Kramer, jetzt das Haus besitze. Sie lässt ihn draußen vor der Tür stehen. Beckmann hat erneut Suizidgedanken. In einer späteren Begegnung sagt Frau Kramer: „Das ich mir das nicht gleich gedacht hab. Kamen mir gleich so melancholisch vor, Kleiner. Macht sich in die Elbe! Armer Bengel! Nein aber auch.“ Und Beckmann entgegnet: „Ja, weil sie mir so herzlich und innig das Ableben meiner Eltern vermittelten. Ihre Tür war die letzte. Und Sie ließen mich draußen stehen. Und ich hatte tausend Tage, tausend sibirische Nächte auf diese Tür gehofft.“ [1]

Ist es zu weit hergeholt, die für Beckmann geschlossene Tür seines Elternhauses mit der Himmelfahrt Christi in Beziehung zu setzen? Er mag vor der sich ihm für immer schließenden und geschlossenen Tür ähnlich dagestanden haben wie die Apostel, die dem auffahrenden Christus nachsehen. Die Tür des Elternhauses ist zu, und das ist Abbruch, vermutlich ein Abbruch für immer.

»Nicht unser Geist richtet sich demnach nach den Gesetzen der Dinge, sondern die Dinge nach den Gesetzen unseres Geistes.«
Eilenberger, Wolfram (2018): Zeit der Zauberer, Stuttgart, 129 - Über die 'kopernikanische Wende' in der kritischen Philosophie Kants.

Beckmann hat keine Kraft zum Aufbruch

Borcherts Figur der „Frau Kramer“ ist in allem das Gegenteil der beiden Männer in der Apostelgeschichte, die tröstende und ermutigende Worte für die Apostel finden. Borcherts Figur des „Anderen“ gibt sich alle Mühe, dringt aber nicht zu Beckmanns Kern, zu seinem Herz, seiner Seele durch. Das Stück endet in Beckmanns tiefster Verzweiflung, es (vielleicht besser: er) bricht ab mit einem suchenden und anklagenden Aufschrei:

„Wo bist du, Anderer? Du bist doch sonst immer da!
Wo bist Du jetzt, Jasager? Jetzt antworte mir! Jetzt brauche ich Dich, Antworter! Wo bist du denn? Du bist ja plötzlich nicht mehr da! Wo bist Du, Antworter, wo bist Du, der mir den Tod nicht gönnt?
Wo ist denn der alte Mann, der sich Gott nennt? Wo seid ihr denn alle? Warum redet ihr denn nicht!
Gebt doch Antwort!
Warum schweigt Ihr denn? Warum?
Gibt denn keiner Antwort?
Gibt keiner Antwort???
Gibt denn keiner, keiner Antwort???“[2]

» Resonanz ist kein emotionaler Zustand, sondern ein Beziehungsmodus. «
Rosa, Hartmut (2016): Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung, 2. Aufl., 298.

Resonanz: Vom Abbruch zum Aufbruch, oder: vom Wort zur Antwort

Beckmanns suchender, klagender Aufschrei am Ende des Dramas laufen buchstäblich ins Leere, der Vorhang fällt für ihn nach dem dritten „Gibt denn keiner, keiner Antwort???“ – im Text ist die Frage mit drei Fragezeichen versehen! Diese Form der Abbrüche von Leben und Lebendigkeit gibt es vielleicht mehr, als ich denke, mehr, als Sie annehmen. Der Vorhang fällt, die Möglichkeit zum neuen Weg sind dann schnell genommen, es bleibt nur die Bühne, auf der man steht,  eine Welt vor dem Vorhang ist Ihnen verschlossen. Das ist Abbruch von Leben und von Lebendigkeit. Da ist nur noch Schweigen, da ist vor allem keine Antwort!

Es ist ja nicht so, als habe Beckmann keine Antwort bekommen – der „Andere“ versucht immer und immer wieder, Beckmann auch andere Sichtweisen anzubieten, die Dinge zu deuten – doch Beckmanns Lebensgeschichte lässt diese Deutungen nicht zu, und ehrlich gesagt: zu Recht! Verstehen kann man es!

Und doch: Um vom Abbruch zum Aufbruch zu kommen, braucht es ein Antwortgeschehen, ein Sinnangebot, braucht es das, was der Soziologe Hartmut Rosa „Resonanz“ nennt:

„Resonanz ist eine durch Af-fizierung und E-motion, intrinsisches Interesse und Selbstwirksamkeitserwartung gebildete Form der Weltbeziehung, in der sich Subjekt und Welt gegenseitig berühren und zugleich transformieren.

Resonanz ist keine Echo-, sondern eine Antwortbeziehung; sie setzt voraus, dass beide Seiten mit eigener Stimme sprechen, und dies ist nur dort möglich, wo starke Wertungen berührt werden. Resonanz impliziert ein Moment konstitutiver Unverfügbarkeit.

Resonanzbeziehungen setzen voraus, dass Subjekt und Welt hinreichend geschlossen bzw. konsistent sind, um mit je eigener Stimme zu sprechen, und offen genug, um sich affizieren oder erreichen zu lassen.

Resonanz ist kein emotionaler Zustand, sondern ein Beziehungsmodus. Dieser ist gegenüber dem emotionalen Inhalt neutral. Daher können wir traurige Geschichten lieben.“[3]

Um aus dem Abbruch zum Aufbruch zu gelangen, braucht es diese Resonanzerfahrung, den Anruf oder den Zuspruch von außen; es braucht ein Antwortgeschehen auf etwas, was Sie von früher erinnern oder was Sie heute erreicht, tief berührt oder anrührt, in Ihrem Innersten trifft. Die Apostel erinnern sich an das „Ihr werdet Kraft erfahren, wenn der Heilige Geist auf Euch herabkommt“, oder sie lassen sich „anfixen“ von den beiden Männern und ihrem „Was steht Ihr da und schaut Ihr zum Himmel empor?“ Vielleicht hören die Apostel den „unerhörten“ Satz: „Nehmt stattdessen die Erde unter die Füße!“ Aber das sagt keiner dem Beckmann, wie auch, wenn er tausend sibirische Nächte hinter sich hat und sein Zuhause „Draußen vor der Tür“ ist.

» Spirituelle Intelligenz kann beschrieben werden als die Fähigkeit, (1) veränderte Bewusstseinszustände zu erfahren; (2) die alltägliche Erfahrung zu einer heiligen zu machen; (3) spirituelle Ressourcen zur Problemlösung einzusetzen; (4) Entscheidungen und Handlungen wertorientiert vorzunehmen. «
vgl. Utsch, Michael u.a. (2014): Psychotherapie und Spiritualität. Mit existenziellen Konflikten und Transzendenzerfahrung professionell umgehen, Berlin/Heidelberg, 33.

Resonanz erfahren?

Zu Beginn stand die Frage, ob denn Christi Himmelfahrt (oder auch das Himmelfahrtskommando des Beckmann) Abbruch oder Aufbruch sei. Dem folgte die Frage, was Sie, was mich einen Abbruch als Aufbruch erleben lässt. Die Antwort, so scheint mir,  hängt davon ab, welche Resonanz das Erleben in mir, in Ihnen, in Beckmann, in den Aposteln auslöst.

Amen.

Köln 22.05.2021
Harald Klein

[1] Borchert, Wolfgang (2018): Draußen vor der Tür, als E-Book hrsg. von Gerald Hermann Monnheim, veröffentlich bei Epubli, 51f.

[2] a.a.O., 56.

[3] Rosa, Hartmut (22016): Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung, Berlin, 298.