Christkönigssonntag – Christus bei den Grünen?!

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Eine Welt, die zerbricht

„O tempora, o mores“: “Oh, Zeiten, oh Sitten”, so könnte man das lateinische Bonmot übersetzen, oder auch „Oh, was für Zeiten, oh, was für Sitten“. Als Papst Pius XI. 1925 das Hochfest zu Ehren Christus, des Königs, einsetzte, lag die Kirche in Deutschland ziemlich am Boden. Ihre politische Macht wurde durch die Auflösung des Kirchenstaates 1870 nahezu gegen Null gesetzt. in Deutschland rangen wenige Jahrzehnte vorher Bismarck und die Kirche im Kulturkampf miteinander darum, wer im öffentlichen Leben das Sagen habe. Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg und in der Zeit der Weimarer Republik herrschte Chaos und Gehalt. Nicht mehr die kirchlichen, sondern die kommunistischen, demokratischen und faschistischen Kräfte hatten das Sagen.[1]

„O tempora, o mores“: „Oh Zeiten, oh Sitten”, so könnte man die gegenwärtige Situation einer am Boden liegenden Kirche und einer ver-rückten Welt (im Sinne von weg-gerückten/ab-gerückten Welt) beschreiben. Der Verlust der politischen Macht der Kirche ist offensichtlich, der Verlust ihrer Relevanz und ihrer Autorität ebenso. Zu dem, was auf den Straßen und in den Verwaltungs- und Regierungsgebäuden geschieht, darf (!) die Kirche vielleicht gerade noch als geladener Gast das fromme Mäntelchen mit Weihwasser, Weihrauch und frommen Lieder und Gebeten beitragen. Von wirklicher Relevanz des Kirchlichen kann und will ich nicht mehr reden.

» 'Vertrauen wird also weniger durch institutionelle Legitimationsverfahren garantiert, etwa durch das Ablegen von Prüfungen und Erlangen von Titeln, als vielmehr durch persönliche Authentizität?' - 'Genau. Die Währung des Vertrauens ist das vermeintlich Echte und nicht das Repräsentierte.' «
Bahr, Petra (2020): Die Fäden der Macht, in: Philosophiemagazin 01/2021, Berlin, 61.

Christus, der König?

Es scheint „aus der Zeit gefallen“[2], dass in dieser am Boden liegenden Kirche und in dieser ver-rückten Welt (im Sinne von weg-gerückten/ab-gerückten Welt) in den 20er Jahren der Papst ein Hochfest zu Ehren Christus, des Königs, einsetzt. Die Stoßrichtung des Festes war klar: Christus hat das Sagen, nichts und niemand sonst. Nur seineHerrschaft, anders: nur sein „Königtum“ kann die schon zerfallene und noch mehr die noch zerfallende Welt „kitten“, nur in seinem „Königtum“ liegt die Rettung.

Die Bilder, die das Kommen diese Königs Illustrieren, sind der Apokalyptik entnommen: Da ist die Rede vom Menschensohn, der auf den Wolken des Himmels daherkommt und dessen Herrschaft ewig und unvergänglich ist, dessen Reich niemals untergeht (vgl. Dan 7,2a.13a-14). Da ist die Rede vom Herrscher über die Könige der Erde, dem die Herrlichkeit und die Macht in alle Ewigkeit gegeben ist und der das Alpha und das Omega ist (vgl. Offb 1,5a-8). Und da ist die Rede vom freimütig redenden Christus, der dem Pilatus auf den Kopf zu sagt, er sei doch ein König, aber einer, dessen Reich nicht von dieser Welt sei (vgl. Joh 18,33B-37).

Christus, der König? Ein Mahnmal? Ein Anführer? Ein Wunschbild? Ehrlich gesagt, kann ich mir in der gegenwärtigen Situation einer am Boden liegenden Kirche und einer ver-rückten Welt (im Sinne von weg-gerückten/ab-gerückten Welt) Christus als „König“ nur vorstellen wie einen selbst ernannten Führer der Reichsbürger. Der Anspruch, der da behauptet wird, ist nur für „Eingeweihte“ des innersten Kreises sichtbar und annehmbar, dieser Kreis selbst aber wird eher müde belächelt oder gefürchtet. Christus als König ist eher war für die „Illuminati“, die besonders Erleuchteten.

» Es ist dir gesagt worden, Mensch, was gut ist und was der Herr von Dir erwartet: Nichts anderes als dies: Güte und Treue lieben, in Ehrfurcht den Weg gehen mit deinem Gott. «
Micha 6,8

Christus – bei den Grünen?

Mir kommt eher der in den Blick, der auf einem Eselsfohlen in Jerusalem Einzug hält. So ganz anders als der König, der auf den Wolken des Himmels einher zieht.

Ich stelle mir in meiner Welt, in der ich oft genug am Boden liege und die selbst oft genug am Boden liegt, ich stelle mir in dieser Welt, die oft genug ver-rückte, weg-gerückte und ab-gerückte Welt ist, einen „Christus in mir“ vor, in mein Leben eingezogen als Mitspieler in meinem Inneren Team. Ich stelle ihn mir in der ver-rückten, weg-gerückten und ab-gerückten Welt außerhalb meiner als Mitspieler im gesellschaftlichen, ökologischen, ökonomischen und politischen Treiben vor.

Ein Satz aus der prophetischen Literatur ist mir dabei wichtig: „Es ist dir gesagt worden, Mensch, was gut ist und was der Herr von Dir erwartet: Nichts anderes als dies: Güte und Treue lieben, in Ehrfurcht den Weg gehen mit deinem Gott“ (Mi 6,8). Es ist Dir, es ist mir gesagt worden! Für was braucht es dann noch einen „König“? Für was braucht es dann noch den „Priester“, den „Bischof“, den „Papst“?  Lesen Sie es bitte als Sachfrage, die für die Ohren der Welt zu beantworten ist – und nicht zuerst und so sehr als Kritik!

Viel lieber, mir viel näher und vor allem mir viel sympathischer als der Menschensohn auf den Wolken des Himmels ist mir der in mir wohnende Christus, der mich immer wieder an die Worte des Propheten Micha erinnert. Und viel lieber, mir viel näher und vor allem mir viel sympathischer als ein die Schlachten des Lebens bestreitender Führer Christus ist mir der Grüne, ist mir die die Kapitänin eines Rettungsschiffes für Geflohene, sind mir die jungen Menschen, die in Sachen Klimapolitik uns alte an den „Generationenvertrag“ erinnern, sind mir die, die sich gerade jetzt um die Kranken und die Sterbenden sorgen.

» Der Küchentisch, der Konferenztisch oder sogar der gemeinsam genutzte Bildschirm, oder das Wohnzimmer, das Altenheim, das Klassenzimmer, die Bushaltestelle. Alles das sind heute transitorische Orte, die plötzlich verschwinden können, durch eine Flutwelle, eine Pandemie, eine Unternehmensinsolvenz.
Was bleibt, das sind aber, im Idealfall, die Beziehungen, die an diesen wechselnden Orten und im Kontext dieser vergänglichen Objekte entstanden sind.
Was bleibt, das ist auch die sich hieraus ergebene Bereitschaft, immer wieder neu in Beziehung zur Welt zu treten.
Diese Beziehungen können Fremdheit sich selbst und der Welt gegenüber in Vertrautheit verwandeln. «
Reinhard, Rebekka / Vasek, Thomas: Im Wandel zu Hause, in: Hohe Luft 6/2021, 15.

Das Königliche suchen – das Königliche sehen

„O tempora, o mores“: “Oh, Zeiten, oh Sitten”, wie oben gesagt: so könnte man das lateinische Bonmot übersetzen, oder auch „oh, was für Zeiten, oh, was für Sitten“. Die Zeiten wie auch die Sitten schaffen sich selbst das Würdelose, das Unmenschliche, keine Frage. Aber die Zeiten wie die Sitten erwecken auch die würdevollen, Würde schenkenden und heilenden Gegenkräfte.

Was für ein Geschenk, Christus sehen zu können in einem grünen Politiker, in der Kapitänin eines Rettungsschiffes für Geflohene, in den jungen Menschen, die mahnend im Kampf gegen den Klimawandel eintreten und in so vielen anderen Menschen und Diensten, die wahrhaft eines Königs und einer Königin würdig sind.

Achten Sie doch mal drauf, an diesem Christkönigsfest.

Amen.

Köln 19.11.2021
Harald Klein

[1] vgl.[online] https://www.katholisch.de/artikel/168-jesus-als-herrscher [19.11.2021]

[2] ebd.