Das Ende ist da!

Bilder vom Untergang der Welt

Eine klassische Krimi-Situation: Die Kommissarin fragt den Verdächtigen: „Wo waren Sie vorgestern Nacht zwischen 22:00-23.00 Uhr?“ Könnten Sie es beantworten? Oder, wenn die Verbrechen wie bei den „Spezialisten“ weit zurückliegen: „Wo waren Sie in der Nacht vom 12. Auf den 13. April 1994?“ Da würde es auch bei Ihnen schon schwieriger. Aber wenn ich diejenigen, die 1991 und früher geboren sind, frage, wo Sie am 11. September 2001 spätnachmittags oder abends waren, das wüssten Sie sicher noch. Und auch die Gefühlslage, die an diesem Tag herrschte, ist schnell erinnert.

„9/11“ steht für Untergangsstimmung für Angst vor einem Krieg, steht als Beginn der verstärkten – und dann medial aufgeladenen – Unsicherheit, wie man „dem Fremden“ begegnen soll. „9/11“ als Formel für Angst vor Vergeltungsschlägen, vor einem atomaren Krieg. „9/11“ – zwei Zahlen, getrennt durch einen Querschnitt als modernes Zeichen für Weltuntergangsstimmung. Das Ende der Welt scheint greifbar nahe gekommen zu sein.

„9/11“ im Markusevangelium

Im Markusevangelium ist das „9/11“ anders ausgedrückt. Da ist die Rede von der Sonne, die sich verfinstert, vom Mond, der nicht mehr scheint. Die Sterne fallen vom Himmel, die Kräfte des Himmels werden erschüttert. Als Kind habe ich meine Mutter mal gefragt, wie das denn sei, das Ende der Welt, und sie antwortete mir, sie glaube, dass dann ein ganz großes Kreuz am Himmel zu sehen sei. Mehr neugierig als ängstlich habe ich dann oft nach diesem Kreuz geschaut, und manchmal habe ich es in den Wolkenformationen „entdeckt“, aber passiert ist Gott sei dank nichts. Wie dem auch sei, was Markus in seinem Evangelium beschreibt, ist ein „universales 9/11“

Ein persönliches „9/11“

Das universale „9/11“ hat noch keiner von uns erlebt, sonst säßen wir nicht hier. Aber wie steht es um das persönliche „9/11“? Da bin ich mir sicher, dass sich die Sonne in Ihrem Leben, vielleicht auch durch Ihr Leben schon mal verfinstert hat. Da bin ich mir sicher, dass Ihnenn mancher Stern, dem Sie hoffnungsvoll wie die Drei Weisen in der Kindheitsgeschichte Jesu nachgejagt sind, schon untergegangen ist. Da bin ich mir sicher, dass Sie schon manches Mal in Ihren Kräften erschüttert worden sind. Aber – und das ist das Erstaunliche – Sie sind noch hier!

„Lernt etwas aus dem Vergleich mit dem Feigenbaum!“

Mich überrascht im Evangelium der Vergleich, zu dem Jesus bei Markus aufruft: „Lernt etwas aus dem Vergleich mit dem Feigenbaum! Sobald seine Zweige saftig werden und Blätter treiben lässt, wisst ihr, dass der Sommer nahe ist.“ Vom Sommer redet er, von Licht, von Leben – wäre in diesem Zusammenhang nicht der Herbst, der Winter, die trockenen und abfallenden Blätter sinnvoller gewesen?

»Es geht nicht um das Ende der Erde oder um das Ende der Welt in äußerem Sinne, wohl aber geht es darum, sich zu fragen, was alles aufhören könnte und sollte, um ein Leben zu beginnen, das uns aufschauen lässt zu den Wolken des Himmels und uns der Vision der Menschlichkeit näherbringt.«
Drewermann, Eugen (2. Auflg. 1989): Das Markusevangelium. 2. Teil: Bilder von Erlösung, Olten, 377.

Eugen Drewermann schreibt in einer Auslegung dieser Perikope: „Alles Sprechen vom Ende der Welt in den apokalyptischen Texten des Spätjudentums und des Neuen Testaments ist (…) symbolisch zu verstehen, als eine Projektion menschlicher Vorstellungen, Ängste und Hoffnungen in die umgebende Natur, und die Frage dieser Bilder ist es, so verstanden, nicht, was in einer fernen Zukunft mit unserer Erde oder mit unserer Sonne passieren wird, sondern wie unser menschliches Leben hier und heute zwischen Heil und Unheil gestalten kann; es geht m.a.W. nicht um das Ende der Erde oder um das Ende der Welt in äußerem Sinne, wohl aber geht es darum, sich zu fragen, was alles aufhören könnte und sollte, um ein Leben zu beginnen, das uns aufschauen lässt zu den Wolken des Himmels und uns der Vision der Menschlichkeit näherbringt.“[1]

Die Gründe für ein persönliches „9/11“ – und sie sein lassen!

Wie kann es gelingen, aus seinem persönlichen „9/11“ auszubrechen und aufzubrechen zu einer Vision der Menschlichkeit für mich selbst, so, dass ich wieder aufschauen kann zu den Wolken des Himmels und mich an ihnen freuen kann?

Die Antwort christlicher Spiritualität ist einfach, aber nicht leicht! Sie lautet: „Sein lassen!“ Überzeugungen sein lassen – nur so geht es, und nicht anders. Abhängigkeiten sein lassen – ohne Dich kann ich nicht leben, ohne das will ich nicht sein. Ängste sein lassen – wenn mir das genommen wird, will ich nicht mehr leben. Gehen Sie mal Ihren Überzeugungen, Ihren Abhängigkeiten und Ihren Ängsten nach, und schauen Sie, in welche persönlichen Katastrophen Sie durch sie geführt werden. In der systemischen Psychologie nennt man dieses „sein lassen“ Refraiming: dem Erleben einen anderen Rahmen geben. Von Karl Valentin gibt es den berühmten Spruch: „Es ist so! Es könnte aber auch ganz anders sein!“

Das Ende kommt nicht, es ist schon da!

Mir ist Drewermanns Hinweis auf die Vision der Menschlichkeit sehr lieb. In welchem „Rahmen“ werde ich mehr Mensch? Welche Überzeugungen prägen mich, die ich auf ein Mehr an Menschlichkeit verändern kann? In welchen Abhängigkeiten bewege ich mich, die ich daraufhin ablegen kann? Welche Ängste haben mich im Griff, die ich auf dieses Mehr an Menschlichkeit überwinden will?

„Lernt aus dem Vergleich mit dem Feigenbaum!“ Die Freude an Gott, das Annehmen der Freundschaft mit Jesus und das Leben in und durch deren Heiligen Geist können mir helfen, zu einem Mehr an Leben zu gelangen, aufrecht zu stehen und Freude an den Wolken des Himmels zu haben. Dahinter steht die Frage, wie ernst ich Gott als Gott meines Lebens, als Freund meines Lebens sehe.

Letztlich geht es in diesem Evangelium nicht um das Ende der Welt, sondern um das Ende der Kräfte dieser Welt, die mich am Menschsein hindern: Um das Ende von Überzeugungen, von Abhängigkeiten und von Ängsten. Deren Ende ist in Jesus Christus nicht nur greifbar nah, es ist schon da. Und unser Beten, unsere Gemeinschaft, unsere Communio mit Christus hat die Kraft, dem ein Ende zu machen.

Zurück zum Anfang: Stellen Sie sich vor, die Kommissare würden Sie nicht fragen: „Wo waren Sie am…“, sondern: „Wo wollen Sie sein, mit Ihren Überzeugungen, Ihren Abhängigkeiten, Ihren Ängsten, morgen…“ – was würden Sie antworten? Wie gesagt, die Antwort der christlichen Spiritualität ist einfach, aber nicht leicht. Und sie ist lohnend.

Amen.

Köln, 18.11.2018
Harald Klein

[1]Drewermann, Eugen (21989): Das Markusevangelium. 2. Teil: Bilder von Erlösung, Olten, 377.

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