Das Heil suchen – und das Leben hingeben

Die Ratgeber im Bücherregal

Wenn Sie, wie ich heute früh, in der Suchfunktion von Amazon die beiden Stichworte „Ratgeber“ und „Leben“ eingeben, steht, je nach Einstellung, in der ersten Zeile: „1-16 von mehr als 50.000 Ergebnissen oder Vorschlägen.“ Ratgeber für das Leben: Die momentan gängigsten Bestseller sind „The Big five for Live: Was wirklich zählt im Leben“ von John Strelecky, gefolgt von „Why not?: Inspirationen für ein Leben ohne Wenn und Aber“ von Lars Amend, und schließlich ein besonders schöner Titel: „Am Arsch vorbei geht auch ein Weg: Wie sich mein Leben von Grund auf verändert hat, als ich mich endlich locker gemacht habe“ von Alexandra Reinwarth.

Oder anders gefragt: Wenn es doch solche Bücher gibt wie „Das Millionär-Experiment: Die einfachsten Techniken zum reich werden“ von Fabian Klein oder „Die Lizenz zum Reichwerden: Das Erfolgsrezept für Selfmademillionäre“ von Paul Misar, dann frage ich mich, warum ich so wenig Millionäre kenne.

Hand aufs Herz – wie viele Ratgeber haben Sie in Ihren Bücherregalen stehen? Die Generation derer, die hier im Gottesdienst sind, kennen eher noch „Sorge Dich nicht, lebe“ von Dale Carnegie oder vielleicht auch alle Bücher zum Enneagramm, der Lehre von den neun Gesichtern der Seele – und Hand aufs Herz, davon habe ich insgesamt 23 Bücher zu Hause.ö

»Jesus ist der Stein, der von euch Bauleuten verworfen wurde, der aber zum Eckstein geworden ist. Und in keinem anderen ist das Heil zu finden.«
Apg 4,11f

Die Sehnsucht nach dem heilen Leben

Dass diese Ratgebet-Literatur boomt, und zwar immer wieder neu, hat einen tiefen Grund: Uns Menschen ist eine tiefe Sehnsucht nach dem heilen Leben innewohnend. Wir sind von Beginn an Suchende, Karl Rahner hat das einmal das „transzendente Existenzial“ genannt. „Existenzial“ – weil es den Menschen ausmacht, weil es zum Menschen gehört – und „transzendent“, weil er es sich nicht ausgesucht hat, sondern weil es wie von außen, von etwas Höherem, von etwas anderem seiner selbst auf ihn zukommt. Rahner baut darauf nicht nur seine Sicht vom Menschen, seine Anthropologie, sondern sogar seine ganze Rede von Gott, seine Theologie darauf auf. Spüren Sie dem Gedanken selbst einmal nach: Was versuchen Sie nicht alles, was haben Sie nicht schon alles versucht, damit Sie das Leben als heil, als ganz, als „rund“ erleben? Und welche Rolle spielt Gott dabei?

Leben ist verletzlich

Diesem „transzendenten Existenzial“ der ewigen Suche nach dem heilen Leben liegt die tiefe Erfahrung zugrunde, dass jedes Leben verletzlich ist. Es helfen letztlich weder Versicherungen aller Art dagegen, dieser Verletzlichkeit auszuweichen. Und es helfen auch keinerlei Art der „Süchte“ dazu, letztlich diese Sehnsucht zu stillen. Die vielen Arten der Sucht sind ja genau deswegen den Krankheiten zuzurechnen, weil sie allesamt krankmachende Versuche sind, dieser Sehnsucht nach dem heilen Leben zu begegnen. Leben ist verletzlich, und Leben endet im Tod – damit muss ich, damit müssen Sie leben.

Dieser Verletzlichkeit des Lebens, dem Zugehen auf den Tod, mit dem Leben offensichtlich endet, tritt die christliche Botschaft entgegen, tritt besonders in der Osterzeit das Wort von der Auferstehung entgegen, dessen Wahrheit nur erfahren werden kann, wenn es Wirkung zeigt.

„In keinem anderen Namen ist das Heil zu finden…“ (Apg 4,12)

Nehmen Sie die erste Lesung. Da wird Petrus vom Volk und den Ältesten verhört, wer und wie denn ein kranker Mann geheilt worden sei. Und Petrus verweist auf Jesus, den sie gekreuzigt haben und den Gott von den Toten auferweckt habe. Durch Jesus Christus stehe dieser Mann gesund vor ihnen, und in keinem anderen sei das Heil zu finden. Wenn ich das ernst nehme, brauche ich mich meiner 23 Enneagramm- oder der drei Strelecky-Bücher nicht zu schämen. Sie können mir in verschiedenen Fragen des Lebens heilsame Begleiter sein – aber das Heil, das mein ganzes Leben und sogar mein Sterben umfasst, steht unter einem anderen Namen: Jesus Christus! Ihn als Gefährten, ihn im Rücken habend, lesen sich diese Bücher ganz anders – da ist viel Geist drin, aber die Fülle des Geistes finde ich in Jesus Christus!

„Was wir sein werden, ist noch nicht offenbar geworden…“ (1 Joh 3,2)

Meine Beschäftigung mit dem Enneagramm, die war mal. Anderes ist an seine Stelle getreten, Sie wie auch ich entwickeln uns weiter. Wir sind nicht fertig, und werden es bis zum letzten Atemzug nicht sein. Jede Begegnung, jede Beziehung, die ich zu Menschen oder zur Welt eingehe, verändert mich. Und immer bleibt die Suche nach und die Hoffnung auf das heile Leben. Was wir sein werden, ist noch nicht offenbar geworden, so drückt das der Johannesbrief aus. Aber wir werden ihm ähnlich sein, wenn er in unserm Leben offenbar wird – und das muss ja etwas mit dem Wort der Auferstehung, mit dessen Wahrheit zu tun haben, wenn sie Wirkung zeigt in meinem Leben. Aber „ihm ähnlich werden“, wie geht das?

»Wir sagen nicht, dass Christus die Fülle des Lebens ist, sondern dass dieser Inbegriff der Fülle, der sehr viele Namen hat, in der christlichen Tradition Jesus Christus genannt wird.«
Pannikar, Raimon (2006): Christophanie. Erfahrungen des Heiligen als Erscheinung Christi, Freiburg, 13.

„Ich gebe mein Leben aus freiem Willen hin…“ (Joh 10,18)

Das Evangelium vom guten Hirten bietet uns ein schönes Bild für den Weg zum heilen Leben an: die Hingabe des Lebens. Nicht bezahlter Knecht sein, dem an den Schafen und an der Welt nichts liegt, sondern guter Hirt, der die Seinen kennt, und der sein Leben hingibt für sie und für die Belange der Welt. Hingabe ist hier das Zauberwort. Vielleicht ist Hingabe die strahlendste Wirkung, die die Wahrheit des Wortes „Auferstehung“ bezeugt: dass Menschen beginnen, um des Menschen und des Lebens willen ihr Leben hinzugeben – und genau darin ihr Heil zu finden.

„Proposer la foi“ – „Den Glauben anbieten“: Ein Brief der französischen Bischöfe aus dem Jahr 2000

Noch einmal Hand aufs Herz – wie steht es um Ihre, um meine Hingabe an das Leben und an alles Lebendige? Das, was die drei Lesungen heute vorschlagen, kann im Zeitalter der Ratgeber nur als Angebot des Glaubens verstanden werden. „Den Glauben anbieten“: Im Jahr 2000 haben sich unter diesem Titel die französischen Bischöfe an die Katholiken Frankreichs gewandt. In der Vielfalt der Lebensentwürfe ist der Glaube nur ein Angebot unter vielen, die ein heiles Leben versprechen. Zwei Dinge sind mir dabei wichtig: ich möchte ansetzen können beim „transzendenten Existenzial“, bei der unbedingten Sehnsucht in jedem Menschen, heil zu werden und in seinem Leben Heil zu finden. Und ich kann nicht mehr tun, als in der Hingabe meines Lebens an das Leben selbst Zeugnis zu geben, dass der Glaube an den Auferstandenen und an die Auferstehung zumindest für mich mehr als nur ein Angebot ist.

Amen.

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