Dein ist mein ganzes Herz…

Ein generationenübergreifendes Bild

Liebe Schwestern,

es zeichnet den Konvent hier in Köln ja aus, dass hier Schwestern von gefühlt drei Generationen zusammenleben. Wie das sich im Zusammenleben auswirkt, sei meiner Phantasie überlassen, aber eines weiß ich: Wenn ich Sie nach dem Lied „Dein ist mein ganzes Herz“ frage, dann haben die einen, und zwar die älteren Schwestern, Franz Lehars „Land des Lächelns“ und Fritz Wunderlich vor Augen der singt:

„Dein ist mein ganzes Herz! Wo du nicht bist, kann ich nicht sein.
So, wie die Blume welkt, wenn sie nicht küsst der Sonnenschein!
Dein ist mein schönstes Lied, weil es allein aus der Liebe erblüht.
Sag mir noch einmal, mein einzig Lieb,
oh sag noch einmal mir: Ich hab dich lieb!“

Und die jüngeren Schwestern denken sicher eher an Heinz Rudolf Kunze

„Dein ist mein ganzes Herz, Du bist mein Reim auf Schmerz.
Wir werden wie Riesen sein, uns wird die Welt zu klein.“

An diesem Herz-Jesu-Fest möchte ich neben Fritz Wunderlich oder Heinz Rodolf Kunze einmal Christus dieses Lied singen lassen. Was singt Ihnen, was singt uns Christus zu, wenn er sein Lied anstimmt: „Dein ist mein ganzes Herz“?

»Ein Mann und eine Frau treten da aus ganz verschiedenen Lebensbereichen auf uns zu, ein relativ Behüteter und eine relativ Arme, - soziale Gegensätze, die von zwei Seiten her die gesamte Fülle menschlicher Erfahrungen zusammenführen sollen in einem einzigen Vergleichspunkt: der Suche nach dem Verlorenen, und zu einer einzigen Botschaft: der Unvorstellbarkeit, das Gott einen Menschen verloren gäbe.«.
Drewermann, Eugen (2009): Das Lukasevangelium, Band 2, Düsseldorf, 219f - zu Lk 15,1-10.

Verlorenes suchen, Vertriebenes zurückbringen, Verletztes verbinden

Da ist zuerst die „Hirtensorge“ Gottes, die Mensch wurde in Jesus dem Christus. Wir haben die Lesung aus Ezechiel gehört. Sich Christus vorstellen als den, der Verlorenes sucht, Vertriebenes zurückbringt, Verletztes verbindet – alles Weisen, die ausdrücken: „Dein ist mein ganzes Herz!“ Und das Unvorstellbare dabei ist, dass er all unserem Beten, Arbeiten und Tun zuvorkommt. Nicht weil wir so viel Gutes getan, unsere Gebete verrichtet, unsere – um es in Westerwälder Sprache zu sagen – Milch gegeben haben, sucht er nach uns, bringt er uns zurück und verbindet unsere Wunden, sondern weil es sein Wesen ist, dies zu tun – weil er es von Herzen tut: Dein ist mein ganzes Herz. Im Blick auf das Gleichnis vom verlorenen Schaf und von der verlorenen Drachme zeigt Eugen Drewermann einen Wesenszug des Herzens Jesu, des Herzens Gottes auf: „Ein Mann und eine Frau treten da aus ganz verschiedenen Lebensbereichen auf uns zu, ein relativ Behüteter und eine relativ Arme, – soziale Gegensätze, die von zwei Seiten her die gesamte Fülle menschlicher Erfahrungen zusammenführen sollen in einem einzigen Vergleichspunkt: der Suche nach dem Verlorenen, und zu einer einzigen Botschaft: der Unvorstellbarkeit, das Gott einen Menschen verloren gäbe.“[1]Dein ist mein ganzes Herz – ich gebe Dich nicht verloren, Dich nicht, und Dich auch nicht!

»Es gibt zwei Arten von Gesetzesübertretungen, solche, die unter, und solche, die oberhalb des Leitseils der Verordnungen geschehen. Gesetze kann man übertreten, weil man sie ganz bewusst missachtet, - weil man sie unterschreitet oder unterläuft. Man kann Gesetze aber auch im Einzelfalle übertreten, sie in Richtung eines neuen Ziels zu überschreiten, - und das tut Jesus.«
Drewermann, Eugen (2009): Das Lukasevangelium, Band 2, Düsseldorf, 221.

Die Vorleistung Gottes: „… als wir noch Sünder waren“

Ein zweites, was uns Jesus in den Worten des Paulus singt, wenn er sein „Dein ist mein ganzes Herz anstimmt: „Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sündern waren.“ Das ist für die Profis in Sachen Religion, für die Schriftgelehrten und die Pharisäer, heute vielleicht für die Theologen und die Kampfkatholiken eine wirkliche Provokation: Christus ist für uns gestorben, hat sich sein Herz aufreißen lassen, als wir noch Sünder waren. Und vorher waren die Sünder, die Zöllner, die leichten Mädchen und alle Verstoßenen, Verlorenen und Aussätzigen sein „Augenblick“.

Die Auseinandersetzungen, die er dann mit den Schriftgelehrten und den Pharisäern hat, hängen daran, dass er im Umgang mit diesen Menschen von Herzen wider das Gesetz handelt. Eugen Drewermann hält fest: „Es gibt zwei Arten von Gesetzesübertretungen, solche, die unter, und solche, die oberhalb des Leitseils der Verordnungen geschehen. Gesetze kann man übertreten, weil man sie ganz bewusst missachtet, – weil man sie unterschreitet oder unterläuft. Man kann Gesetze aber auch im Einzelfalle übertreten sie in Richtung eines neuen Ziels zu überschreiten, – und das tut Jesus.“[2]Ein Übertreten der Gesetze, aus Liebe, mit vollem Herzen.

»Was gerade ein Schuldiggewordener lebensnotwendig braucht, ist nicht der erhobene Zeigefinger, sondern die ausgestreckte Hand. Und die zu sein war Jesu ganzes Anliegen.«
Drewermann, Eugen (2009): Das Lukasevangelium, Band 2, Düsseldorf, 223.

Die Freude des Himmels

Und dann die dritte Strophe von Jesu „Dein ist mein ganzes Herz“: Die Geschichte vom wiedergefundenen Schaf und das Wort von der Freude im Himmel: „Ebenso wird im Himmel mehr Freude herrschen über einen Sünder, der umkehrt, als über 99 Gerechte, die keine Umkehr nötig haben.“ Wieder ist es Eugen Drewermann, der mit Blick auf die Freude im Himmel über den umkehrenden Sünder ein bemerkenswertes Wort schreibt: „Was gerade ein Schuldiggewordener lebensnotwendig braucht, ist nicht der erhobene Zeigefinger, sondern die ausgestreckte Hand. Und die zu sein war Jesu ganzes Anliegen.“[3]

Mein „Dein ist mein ganzes Herz“

Wenn Sie Herz-Jesu-Figuren anschauen, werden Sie dieses „Dein ist mein ganzes Herz“ Jesu schön ausgedrückt finden. Das Herz liegt offen, Jesus zeigt Herz; die linke Hand weist auf dieses offene Herz hin, die rechte ist ausgerichtet – mein Herz, für Dich.

Sie feiern heute dieses Geschenk Jesu. Sie lassen sich sagen: „Ich gebe Dich nicht verloren!“ – „Für Dich übersteige ich Gesetze und Regeln auf ein neues Ziel hin.“ – „Für Dich meine ausgestreckte Hand und mein Herz, nicht der erhobene Zeigefinger.“

Wie mag Ihre Antwort aussehen an diesem Tag? Sie haben Ihr Officium, das ist ja schon mal was. Ich würde gerne dazulegen: Denken Sie n Fritz Wunderlich und Lehars „Land des Lächelns“, denken Sie an Heinz Rudolf Kunze und sein „Wir werden wie Riesen sein, uns wird die Welt zu klein“. Und zwischendrin summen, singen oder pfeifen Sie das mal so, als würden sie es für Christus summen, singen oder pfeifen.

Er hat es verdient, dieses „Dein ist mein ganzes Herz“, von uns für ihn gesummt, gesungen oder gepfiffen.

Amen.

Köln, 28.06.2019
Harald Klein

[1]Drewermann, Eugen (2009): Das Lukasevangelium, Band 2, Düsseldorf, 219f.

[2]Drewermann, Eugen (2009): Das Lukasevangelium, Band 2, Düsseldorf, 221.

[3]Drewermann, Eugen (2009): Das Lukasevangelium, Band 2, Düsseldorf, 223.

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