„Der Wunsch, verschont zu bleiben, taugt nicht …“

Jesu Abschiedsmahl und die Fußwaschung

In der Bereitung des Schauplatzes für das Evangelium des Gründonnerstags sehe ich Jesus vor mir, der schon die eine oder andere „Beule“ abbekommen hat – um das Bild von Papst Franziskus von der „verbeulten Kirche“ zu benutzen. Er ist eingetaucht in die Welt und in das Reich der Pharisäer und der Schriftgelehrten. Die Auseinandersetzungen in Jerusalem waren hart. Er hat die Wasser der Sintflut am eigenen Leib gespürt.

Um so stärker wird seine Sehnsucht gewesen sein, mit den Seinen, mit den Vertrauten und den Weggefährten das Mahl am Paschafest zu halten. Ich kann mich gut in diese Sehnsucht hineinspüren. In all den Streitereien und Konflikten um ihn herum jetzt endlich der eine Abend im vertrauten Kreis. Und es kommt seine Ahnung, sein Wissen dazu: es wird das letzte Mal – und das letzte Mahl – sein. Kein Wunder also, dass sich an diesem Abend noch einmal all das konzentriert, was diesem Jesus wichtig ist.

Um diese Sehnsucht Jesu wissend, klingen die Worte tiefer, ernster: „Das ist mein Leib, das ist mein Blut.“ Um diese Sehnsucht Jesu wissend, wird sein Tun, die Fußwaschung eindringlicher, und klingt sein Wort beinahe wie ein Testament: „Ein Beispiel habe ich Euch gegeben. Liebt einander, wie ich Euch geliebt habe.“

Das Gebet in Gethsemane

Aus dieser Sehnsucht heraus, aus dem Kreis der Vertrauten dann zum einsamen Gebet aufzubrechen, wie schwer mag das sein! Seine engsten Vertrauten nimmt Jesus mit: Petrus, Jakobus, Johannes. Ihr Einschlafen deute ich als Gefühl der Seligkeit, dies alles erleben zu dürfen, zu wissen, dass sie eine Rolle spielen für Jesus, auszukosten, was er für sie getan hat und was er für sie bedeutet. Es ist ein Schlaf der Seligen, wohl mit einem beseelten Lächeln auf den Lippen, währenddessen Jesus mit sich, mit seiner Bestimmung, mit seinem Gott ringt.

»Der Wunsch nach der Landschaft diesseits der Tränengrenze taugt nicht, der Wunsch, den Blumenfrühling zu halten, der Wunsch, verschont zu bleiben, taugt nicht.«
aus: Hilde Domin, Bitte

„Vater, wenn Du willst, nimm diesen Kelch von mir. Aber nicht mein, sondern Dein Wille soll geschehen.“ – Hilde Domins schreibt in ihrem Gedicht „Bitte“: „Der Wunsch nach der Landschaft diesseits der Tränengrenze taugt nicht, der Wunsch, den Blumenfrühling zu halten, der Wunsch, verschont zu bleiben, taugt nicht.“ Man muss dazu wohl kaum mehr etwas sagen. Jesus bittet nicht um das Verharren in der Landschaft diesseits der Tränengrenze, auch den galiläischen Blumenfrühling und den Sommer, den er mit den Seinen durchlebt hat, lässt er hinter sich. Und den Wunsch, verschont zu bleiben, gibt er ganz ab in die Hände seines himmlischen Vaters.

Den Gründonnerstag leben

Ich ändere den Schauplatz und nehme das Geschehen in mein eigenes Leben auf. Ich betrachte Situationen des Abschieds, des Loslassens, aus welchen Gründen auch immer. Ich schaue auf die, die mir vertraut sind, mit denen ich durchs Leben gezogen bin. In konzentrierter Form spreche ich noch einmal aus oder zeige es in Gesten und im Schweigen, was mir im Miteinander wichtig und wesentlich ist. Aber irgendwann kommt der Moment des Aufbruchs, des Abschieds, den ich alleine gehe. Wie werde ich gehen? Vielleicht mit den Worten Jesu: „Vater, nicht mein, sondern Dein Wille möge geschehen.“ Vielleicht – und eher – in der Haltung, die Hilde Domin beschreibt: Wissend um die Landschaft diesseits der Tränengrenze, wissend um den Blumenfrühling und den schonenden, liebenden Umgang miteinander aufbrechen in der Ahnung: „Der Wunsch nach der Landschaft diesseits der Tränengrenze taugt nicht, der Wunsch, den Blumenfrühling zu halten, der Wunsch, verschont zu bleiben, taugt nicht.“ – Ostern, das ist zuerst die Annahme, dass ich die Landschaft diesseits der Tränengrenzen verlassen muss, dass ich den Blumenfrühling nicht zu halten vermag und dass ich nicht verschont bleiben werde, von was auch immer. Ostern, das ist aber auch die Hoffnung auf ein Dahinter, auf ein Darüber-hinaus.

„Nicht mein, sondern Dein Wille möge geschehen“ – denen, die das Mahl feiern zu seinem Gedächtnis und die sich im Geist der Fußwaschung begegnen, die selig einschlafen im Wissen, was Jesus für sie tut, kann diese Bitte Jesu leichter – wenn auch nicht leicht – von den Lippen kommen.

Amen.

Kiedrich/Rheingau, 18.04.2019
Harald Klein

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