Die GCL „weit“ denken

Enge und Weite in der Regionalgemeinschaft

Die GCL „weit“ denken – zwei kleine Episoden aus der Regionalgemeinschaft Aachen-Köln, die aufzeigen kann, wie das geht, oder was das verhindert. Bei der Wahl des neuen Leitungsteams im Januar dieses Jahres wurde überlegt, ob die Wahl überhaupt stattfinden könne – gemäß unserer Statuten solle die Wahl entsprechend der Bestimmungen zur Wahl eines nationalen Leitungsteams ablaufen. Hier stellen sich die Kandiat*innen schriftlich spätestens sechs Wochen vor dem Delegiertentreffen den Wahlberechtigten vor. Dieses schriftliche Vorstellen hatten wir in der Vorbereitung nicht berücksichtigt. Und die Anfrage kam, ob so der Bitte des Leitungsteams überhaupt entsprochen werden könne, die Wahl im Vorfeld betend zu begleiten und sich in den Gruppen über ein Votum zur Wahl zu verständigen. Beim GVT wurde beschlossen, die Wahl dennoch durchzuführen, beim nächsten Mal aber den Statuten gemäß zu verfahren – auch wenn die meisten (aber eben nur die meisten) die Kandidat*innen in der kleinen Gemeinschaft doch schon kennen. Ein Zweites: beim Mitgliedertreffen eine Woche später wurden fünf neue Mitglieder aufgenommen. Die Frage wurde gestellt, wie denn das neue Leitungsteam die Aufgabe der „Formation“ angehen wolle – und einer der neu Aufgenommenen (!) antwortete spontan: „Keine Sorge, wir werden Euch schon formen!“

»Keine Sorge, wir werden Euch schon formen!«
P.H. beim Mitgliedertreffen der GCL Regionalgemeinschaft am 04.02.2018 in Hohem

Strukturen müssen dem Leben dienen, nicht Leben den Strukturen

Eine erste Überlegung, besser eine Feststellung, die diskutiert werden kann: „Strukturen“ sind dafür da, „Leben“ zu ermöglichen. Nicht das Leben und seine Lebenswirklichkeit müssen den Strukturen dienen, sondern umgekehrt: Strukturen müssen der Lebenswirklichkeit angepasst werden. Dahinter steht die Überlegung, dass „Werte“ zählen, und dass „Normen“ geschichtlich formuliert und in Strukturen „gegossen“ wurden, damit diese „Werten“ gelebt und umgesetzt werden können. Von daher stehen die „Allgemeinen Grundsätze“ der GCL über den „Allgemeinen Normen“. Und so ist es wichtig, im Blick zu behalten, dass diese Grundsätze als Werthaltungen uns „helfen sollen, uns das zu eigen zu machen, was Jesus Christus am Herzen liegt, und so durch ihn und mit ihm und in ihm an Seiner liebenden Initiative teilzunehmen, in der sich Gottes immerwährende Zusage ausdrückt“ (AG 1). Und vor allem gilt: „Unserer Gemeinschaft geht es um eine Weise christlichen Lebensvollzuges. Deshalb sind diese Grundsätze mehr nach dem Geist des Evangeliums und dem inneren Gesetz der Liebe als dem Buchstaben nach zu verstehen“ (AG 2). ES gilt: Grundsätze vor Normen!

GCL „weit“ denken kann heißen, die Lebenswelten der Menschen, die nach der Lebensweise der GCL fragen, zu beachten, kann heißen, die Unterschiede zwischen Stadt und Land, zwischen den Generationen und den Lebensentwürfen wahrzunehmen – um dann die „Strukturen“ und die darin festgeschriebenen „Normen“ lebensdienlich so anzupassen, dass die „Werte“, die der GCL zu eigen sind, in diesen Lebenswelten gelebt werden können. Hier gilt, was in den Gebetshinweisen aufgezeigt wurde: Zwischen der (angeblichen) Notwendigkeit und der (angeblichen) Beliebigkeit wohnt die (lebensdienliche) Möglichkeit! Klar ist, dass dadurch Ungleichzeitigkeiten oder auch Spannungen entstehen können. Aber dem Leben dienlicher scheint es doch, den „Allgemeinen Grundsätzen“ in ihrer Aussage zu folgen, wenn sie von der Einmaligkeit jeder persönlichen Berufung sprechen und von der Befähigung des Geistes, offen und frei, ständig für Gott verfügbar zu sein (vgl. AG 2) – und diese Einmaligkeit der Berufung bzw. diese Verfügbarkeit für Gott „wohnt“ in unserer Gemeinschaft in den „Grundsätzen“, nicht in den „Normen“. „Formation“ kann in diesem Zusammenhang nicht verstanden werden als Frage danach, wie wir das in der GCL machen und was bei uns üblich sei, sondern nur als Frage danach, wie die „Lebensmittel“ der GCL den Einzelnen helfen können, unter Achtung der Lebenswirklichkeit der Einzelnen ihre einmalige Berufung zu finden und in der eigenen Sendung die eigene Verfügbarkeit für Gott zu entdecken. Diese Frage macht GCL „weit“ – und darin auch ansprechend, manchmal auch anstrengend.

»Unsere Grundsätze und Strukturen sollen helfen, uns das zu eigen zu machen, was Jesus Christus am Herzen liegt.«
nach "Allgemeine Grundsätze der GCL", AG 1

„Formation“ bedeutet, mit Hilfe der „Lebensmittel“ der GCL sein Leben deuten zu wollen und zu können

Eine zweite Überlegung: Zu unserem Charisma gehört es, Menschen in Gemeinschaft zusammenzuführen, die immer stärker danach verlangen, ihr Leben in all seinen mit der Fülle des christlichen Glaubens in Einklang zu bringen (AG 4). Die Neurophysiologie kennt die sog. „Konsistenztheorie“. „Konsistenz“ meint hier Stimmigkeit, Verträglichkeit oder Harmonie.  Klaus Grawe (1943-2005) in Hamburg geborener und in Zürich lehrender Psychotherapeut, nennt vier psychologische Grundbedürfnisse, die befriedigt sein müssen, damit Menschen „konsistent“ leben, d.h. sich und ihr Leben als „stimmig“ erfahren: Es sind die Bedürfnisse nach Bindung und Zugehörigkeit, nach Orientierung und Kontrolle, nach Selbstwerterhöhung und Selbstwertschutz sowie nach Lustgewinn und Unlustvermeidung.

Wenn „Weite“ eine Grunddimension des Christlichen ist, und wenn sie in der GCL erfahrbar sein soll, dann kann diese Theorie uns eine wirkliche Hilfe sein, GCL „weit“ zu denken und „weit“ zu leben.

Das Grundbedürfnis nach Bindung und Zugehörigkeit

Das kann mit den vielfältigen und darin „weiten“ Formen der „Bindung“ und der „Zugehörigkeit“ beginnen. Für die einen, die seit Jahren „Gruppe“ sind, mag es unverständlich sein, wenn für die anderen etwa in der Zeit des Studiums diese „Bindung“ und diese „Zugehörigkeit“ ganz anders aussieht – aber in beiden Fällen sollen Bindung und Zugehörigkeit in dem Geist angeboten und gelebt werden, der in den „Allgemeinen Grundsätzen“ formuliert wird: in der Zeit des Zusammenseins das Leben in all seinen Dimensionen mit der Fülle des christlichen Glaubens in Einklang zu bringen. Gruppe ist Mittel, nicht Ziel! Die Frage nach „Mitgliedschaft“, nach „Bindung“, die in den Allgemeinen Normen beschriebenen Vorgaben auf dem Weg zur Mitgliedschaft oder zur Bindung wirken eher „eng“, und die Frage mag erlaubt sein, wem sie letztlich dienen. Wieder gilt: Zwischen dem (angeblich) Notwendigen und dem (angeblich) beliebigen wohnt die Möglichkeit. In der Frage von Bindung und Zugehörigkeit spielerisch, kommunikativ und gestaltend umgehen – das verleiht der GCL Weite!

Das Grundbedürfnis nach Orientierung und Selbstkontrolle

Oder das zweite Grundbedürfniss: Das Bedürfnis nach Orientierung und (Selbst-) Kontrolle. Hier hat die GCL ein großes „Pfund“! Sowohl in der Weise des Austauschs in der Gruppe als auch im Angebot der vielfältigen Formen der Begleitung und der Exerzitien geht es genau darum, dass sich die/der Einzelne durch den Dienst der Gruppe bzw. im Austausch mit einer Begleitung Orientierung für sein/ihr Leben verschafft und selbstwirksam, aus eigenem Antrieb oder eigener Motivation Schritte auf die selbst erkannte Sendung hin geht. Hier ist GCL schon „weit“ – im doppelten Sinne des Wortes. Auftrag an die Menschen in der GCL wird es sein, diese Weite nicht nur auszuhalten, sondern als eines ihrer innersten Momente und Lebensvollzüge zu bejahen und zu fördern.

Das Grundbedürfnis nach Selbstwerterhöhung und Selbstwertschutz

Grawe nennt als drittes Grundbedürfnis die Selbstwerterhöhung und den Selbstwertschutz. Auch hier ist unsere Gemeinschaft „weit“. Gerade Gruppe und Begleitung als „geschützter Raum“ spielen eine Rolle. Der Blick auf die Charismen der einzelnen in der Gruppe, die Suche nach deren Ressourcen und Möglichkeiten, das gemeinsame Tragen von Schwerem, von Leid und auch Schuld lässt diejenigen, die in der GCL nach Zugehörigkeit und Bindung fragen, in ihrem Selbstwert „groß“ dastehen. Auftrag an die GCL und alle die, die in ihr verbunden sind, wird es sein, den anderen und die andere zu „lassen“, ihn/sie zu unterstützen in dieser Frage des Selbstwertschutzes und der Selbstwerterhöhung – es geht um ein Mitgehen, ein Zeuge/Zeugin werden, nicht um ein Belehren!

Das Grundbedürfnis nach Lustgewinn und Unlustvermeidung

Und schließlich das letzte der vier Grundbedürfnisse: Lustgewinn und Unlustvermeidung. Vielleicht eine der wichtigsten Fragen in unserer Gruppenbegleitung: macht es mir Lust, tiefere innere Freude und Zufriedenheit, mit den anderen mich dem zu stellen, was Aufgabe, vielleicht besser: Charisma, Ziel der Gruppe ist? Was macht es mir mit den anderen schwer, was macht es den anderen mit mir schwer? GCL wird „weit“, wenn sich die, die in ihr versammelt sind, auf diese Fragen Antwort geben können, sie wird schon weit, wenn man sich traut, diese Fragen zu stellen. Lustgewinn kann in diesem Zusammenhang heißen, dass die/der Einzelne in der Gruppe und durch die Gruppe „Wachstum“ erfährt, dass sie/er innerlich freier, „weiter“, liebesfähiger wird – und dass gerade darin die anderen Grundbedürfnisse befriedigt werden.

Zur Reflektion des einzelnen, der Gruppe oder auch in der größeren Gemeinschaft

Aus all dem können für die Betrachtung des/der Einzelnen in der GCL, für Gruppen, aber auch für manche Diözesan- oder Regionalgemeinschaft einige Fragen hilfreich sein, die darüber Auskunft geben, wie „weit“ GCL erfahrbar ist oder erfahrbar gemacht werden kann. Sie sollen dem Nachspüren dessen dienen, wie „weit“ oder auch wie „eng“ unsere Gemeinschaft selbst erfahren wird oder nach außen hin erscheint.

Fragen zur Reflektion:

  • Was aus den Allgemeinen Grundsätzen ist mir/uns beson-ders wichtig? Wo/wie erlebe ich in der Gemeinschaft die „Wahrheit“ dessen, was mir/uns wichtig ist? Was ist aus meiner/ unserer Sicht dem hinderlich?
  • Wo/wie/wann erlebe ich die „Allgemeinen Normen“ als hilfreich, wo als hinderlich der Lebenswirklichkeit derer, die in unserer Gemeinschaft (als Gruppe, in der Diözese, in der Regionalgemeinschaft) zusammenkommen? Welche „Weite“ wäre hilfreich?
  • Wie drückt sich in meinem/ unserem Erleben Bindung und Zugehörigkeit aus, was wird gesucht, was ist „weiterführend“?
  • Erfahre/n ich/wir die Gruppen und die größere Gemeinschaft dienlich in der Frage nach Orientierung und Selbstkontrolle für das eigene Handeln? Was dient, auf dieses Bedürfnis hin GCL „weit“ zu denken, vorzustellen, „weiter“ zu erleben?
  • Was aus den Lebensmitteln der GCL, wessen Lebensweise von Menschen, die sie ausmachen, macht mir/uns mehr „Lust“ (oder eher „Unlust“), einen Weg in und mit der GCL zu gehen?

Harald Klein, Köln

Zum Weiterlesen:

Hier finden Sie die Allgemeinen Grundsätze und die Allgemeinen Normen  der GCL in Deutschland.

Grawe, Klaus (2004), Neuropsychotherapie, Göttingen.

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