Die Liebe – Ein Stückwerk

Das Puzzle

Es ist vielleicht etwas ungehörig, ein Hochzeitsgeschenk noch vor der Eheschließung zu überreichen, noch dazu im Traugottesdienst, aber die Auswahl der beiden Texte aus dem Ersten Korintherbrief und dem Johannesevangelium machen es notwendig. Und von daher bitte ich um Verständnis, wenn ich mein Päckchen den beiden jetzt gebe, damit sie gemeinsam erraten, was es wohl sein könnte.

Es ist noch verpackt, aber man kann es leicht erraten, wenn man kräftig schüttelt. Es ist ein Puzzle, und da Bild vom Puzzle kam mir, als ich mir die beiden bekannten Texte für die Hochzeitspredigt von Anji und Alex vorgenommen habe. Und gerne sage ich Euch und Ihnen, warum.

Der Rahmen

Diejenigen von Euch, die einmal ein Puzzle gelegt haben, wissen: Es geht am leichtesten, wenn man mit dem Rahmen anfängt. Man hat schon einmal eine Ahnung von der Größe, man ahnt, welches Teil in welche Ecke gehören könnte, und es erwächst die Leidenschaft, die Hoffnung, diesen Rahmen so zu füllen, dass ein fertiges Bild entsteht. Wie mag Euer beider Rahmen ausgesehen haben, den Ihr doch schon über einige Jahre gesteckt habt? Was waren die Eckteile, die da erst einmal auseinander gelegen haben und die dann zusammengefügt worden sind? Im Puzzle gibt es genau vier solcher Eckteile, von denen das Puzzle eine neue Richtung nimmt? Könnt Ihr die erinnern oder benennen? Ob da manche Teile ganz flott angelegt werden konnten, oder ob bei anderen hin und her überlegen wurde, wo und wie sie passen könnten? Oder wenn Ihr den Rahmenteilen Namen gebe könntet: Welche Namen tauchen da auf, die Eurer Freundschaft und Eurer Liebe einen Rahmen gaben? Das wäre eine Überlegung nach der Hochzeit wert, mal den Rahmen zu betrachten, der Ihr jetzt mit Eurer Ehe füllen werdet und der Euch sicher manchmal auch gefüllt werden darf.

Die kleinen Motive

Das Zweite, was zumindest ich beim Puzzle mache: ich sortiere nach kleinen Motiven. Den Himmel rauslegen, oder den Berg, oder das Gebäude, das Schiff, je nachdem, wie das fertige Bild aussehen soll. Sortieren, das steht beim Puzzle an, und das steht in der Partnerschaft, in der Ehe an. Welche Teile gehören wohin, wer baut an dem einen, wer an dem anderen, und was legt man zusammen? Und jetzt kommt der Korintherbrief ins Spiel: „Stückwerk ist unser Erkennen!“ Man ist mit dem Puzzle nicht fertig, wenn der Himmel steht! Es mag hart klingen, aber wenn wir heute Hochzeit feiern, ist das „Stückwerk“. Ein festliches und frohes Motiv im Bild des Puzzles Eurer Ehe – aber eben Stückwerk. Ihr mögt es in die Mitte Eures Rahmens legen können, Ihr dürft Euch riesig freuen, und wir alle mit Euch – aber das Puzzle ist noch nicht fertig.

Die passenden Teile suchen

Kompliziert und oft von Ungeduld begleitet ist dann die Suche nach den Teilen, die die einzelnen Motive verbinden. Da kann man wieder gut dem Paulus zuhören: „Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig. Sie ereifert sich nicht, sie prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf. Sie handelt nicht ungehörig, sucht nicht ihren Vorteil, lässt sich nicht zum Zorn reizen, trägt das Böse nicht nach.“ Es braucht Geduld, es braucht oft Langmut und Mut, wenn man das richtige, das passende Teil nicht findet; und es braucht Worte und Gesten der Anerkennung und der Wertschätzung, wenn der andere es entdeckt hat.

Das Chaos, der Ärger ist perfekt, wenn man es nicht findet. Manchmal muss man es suchen, außerhalb des Rahmens. Vielleicht ist es schlicht heruntergefallen, wurde unter den Teppich gekehrt. Wieder Paulus: „Die Liebe erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem stand. Die Liebe hört niemals auf.“ Dass Ihr manches ertragen könnt, auch wenn es schwerfällt, dass Ihr den Glauben aneinander nicht verliert, auch wenn mal ein Teil verschwunden zu sein scheint, dass Ihr dann standhalten könnt, das steht in der Lesung, die Ihr Euch ausgesucht habt. Und vertraut darauf: Das Puzzle ist auch dann noch gelungen und schön, wenn mal ein Teil fehlt. Der Wert des Puzzles liegt zuerst im Tun.

Die Vorlage

Das Wichtigste habe ich mir für den Schluss aufgehoben: Die Schachtel! Es ist ungemein hilfreich, die Puzzleschachtel auf dem Tisch zu haben, die Vorlage. Die gibt Euch eine Idee, wie das Puzzle am Ende aussehen soll. Johannes schreibt im Evangelium „Bleib in meiner Liebe!“ – auf das Bild vom Puzzle angewendet: Bleibt bei der Schachtel, bleibt bei der Vorlage, bleibt an Christus dran. Da mag es manche alten Schachteln geben, man nennt sie „Dogmatik“. Mit „Vorlage“ meine ich nicht den Christus der Dogmen, nicht das „unvermischt, unveränderlich, ungeteilt und ungetrennt“ des Konzils von Chalcedon; ich meine auch nicht den Christus, der in die Worte des Credos eingepasst wird. Das wäre möglicherweise leicht, aber auch ziemlich tot, sich dieser Vorlage anzunähern und nur mit den Teilen ein Lebenspuzzle legen zu wollen, die Ihr von anderen – möglicherweise sogar „von amtlicher Seite“ – vorgelegt bekommt.

Ich meine den Gott Eures Lebens, die Ahnung vom lebensspendenden Geist Jesu, den Ihr oft genug erfahren habt. Den Geist, der Euch in allen Teilen Eures Lebenspuzzles mit Freude, mit Hoffnung, mit Dankbarkeit erfüllt. Bleibt in ihm, bleibt an ihm dran, dann bleibt er in Euch. Das wir schwierig, denn letztlich habt Ihr nur Teile, die Ihr zu einem fertigen Puzzle legen sollt, ohne dass Euch eine bildliche Vorlage gegeben ist. Sucht die Teile, die zueinander passen, und lasst Euch überraschen, welches lebendige, farbige und lebensfrohe Bild dann entsteht.

Euer Jawort

Bleibt in seiner Liebe – wenn Ihr Euch gleich gegenseitig das Jawort zusagt, dann drückt Ihr die Bereitschaft aus, miteinander zu puzzeln, mit all den Teilen, die Euch das Leben zuspielt oder die Ihr wählt. Die Schachtel mit dem fertigen Bild fehlt, aber anhand der kleinen Motive, die schon passen, ahnt Ihr, wie das fertige Bild aussehen könnte. Einen Rahmen habt Ihr schon gesteckt, jetzt gilt es, ihn zu füllen – das kann lange dauern, „die Liebe hört niemals auf“. Lasst Euch leiten vom Geist dessen, von dem wir sagen, er sei die Liebe. Und glaubt in allem Suchen nach den passenden Teilen dem Paulus und dem Schluss des Hoheliedes der Liebe aus 1 Kor 13: „Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei. Doch am größten unter ihnen ist die Liebe.“

Amen.

Köln, 27.05.2019
Harald Klein

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