Die Liebe kannst du nicht „haben“…

Eine kleine Vorlesung über „Wenn ich die Liebe nicht hätte…“

Sich einen Priester auszusuchen, der hauptsächlich an einer Hochschule lehrt, ist schon mutig. Man muss damit rechnen, dass die Predigt eher eine Vorlesung als eine Ansammlung erbaulicher oder frommer Worte wird – ja, und so ist es dann auch geworden. Von daher möchte ich eine kleine Vorlesung in Sachen „Wenn ich die Liebe nicht hätte“ beginnen, heute besonders mit Blick auf A. und M.

Erich Fromm – Haben oder Sein

Beginnen möchte ich mit dem „haben“. Ihr habt Katzen zu Hause, das habe ich beim Besuch gesehen, ihr habt einen großen Garten, ihr habt heute vermutlich darin ein großes Zelt. Ihr habt die Wohnung frei zum Renovieren, und ihr habt die Eltern bzw. die Schwiegereltern im Ort wohnen, die ab und an mit anpacken – so habt ihr es mir erzählt.

Aber – habt ihr die Liebe? „Die Liebe haben…“ – wie soll das gehen?

1976 – da wart ihr beide noch in der Planung – har der deutsch-amerikanische Philosoph Erich Fromm ein kleines Buch geschrieben, das den Titel „Haben oder Sein“ trägt. Er beschreibt darin zwei Lebensentwürfe, zwei Existenzweisen. Den einen Stil nennt er sinngemäß den „Haben-Modus“. Das ist gut vergleichbar mit der alten Sparkassen-Werbung: Mein Haus, mein Boot, meine Bücher, mein Konto, – man könnte ergänzen: mein Mann, meine Frau. So stellen wir uns oft vor bei gesellschaftlichen Anlässen: M. G., und das ist meine Frau A. – und umgekehrt: Ich bin A.G., und das ist mein Mann M.

Wenn Menschen im Lebensentwurf des Habens leben, hat das nach Fromm drei Konsequenzen: Ansammlung – Gewalt – Rebellion. Es geht immer um ein quantitatives „Mehr“, um ein „Weiter“, „Größer“ „Höher“ – wenn es sein muss, mit Gewalt. Und das Haben des einen ruft – aus einem Freiheitsdrang des anderen – die Rebellion hervor. Ich möchte mehr sein als „deine Frau“, als „dein Mann“. Und damit landen wir beim zweiten Wort des Büchleins: Ich möchte mehr „sein“ als nur „gehabt zu werden“. Ich möchte deine Frau, dein Mann „sein“! Das ist kein quantitatives, das ist ein qualitatives „Mehr“.

Die Liebe haben?

Scheinbar macht Paulus da im Korintherbrief einen Denkfehler. Erzählt so vieles auf, was man haben kann: eine gute Stimme, Überzeugungskraft, Freigiebigkeit – und dann hängt er an: „…hätte aber die Liebe nicht, wäre ich nichts.“ Liebe, das ist nichts wie ein Liter Milch, den ich habe und in den Kühlschrank zu all dem anderen gebe. Liebe haben, das ist nicht wie eine Katze, einen Garten und ein Auto haben.

Liebe kann man nur haben, indem man sie – jetzt kommt deutsche Grammatik – in einer Partizipialverbindung besitzt. Liebe kann man nur haben, wenn man Liebender oder Liebende ist. Ich muss Liebender, muss Liebende sein, um Liebe haben zu können.

Erich Fromm beschreibt diesen „Seins-Modus“ in vielen Feldern. Seid ihr Liebende in allem Tätigsein miteinander und mit dem, was Euch anvertraut ist? Seid Ihr Liebende in aller Aktivität und in aller Passivität? Habt ihr den Willen zu geben, zu teilen, manchmal auch zu opfern? In der Weise, wie ihr miteinander als Ehepaar, als Familie umgeht, in der Weise, in der ihr andere in euer Leben hineinlasst und teilnehmt am Leben der anderen, zeigt sich, ob ihr Liebe „habt“ – eben weil ihr Liebende „seid“.

Die Rebe am Weinstock

Dasselbe meint auch das Wort von der Rebe am Weinstock, das ich im Evangelium vorgelesen habe. Da heißt es, die Rebe müsse am Weinstock bleiben, um Frucht bringen zu können. „Bleiben“ klingt wie ein passivisches Wort, hat etwas von Dauer, hat wenig von Veränderung. Aber gerade dann, wenn ihr Liebende „bleiben“ wollt, braucht es Aktivität. Von Dauer, von Festhalten kann kaum eine Rede sein – eher von Mitgehen, von Begleiten, von einem beweglichen „Ja“ in allem, was sich in jedem von euch verändert. Nur so kann die Liebe zweier Menschen Frucht bringen, kann der eine zum Wachsen des anderen beitragen.

Ehe als Sakrament

Wenn Ihr beide Euch heute in aller Freiheit das „Ja-Wort“ gebt, sagt ihr nicht nur „Ja“ zueinander. Ihr sprecht euch vorher mit Namen an – und hinter dem Namen steckt das, was schon war, steckt das, was genau jetzt ist, und steckt das, was noch kommen wird. Als alleinlebender Mensch habe ich große Hochachtung vor diesem Wort. Es nimmt jeden einzelnen von euch dem anderen gegenüber in Pflicht – und ist auch ein Versprechen an sich selbst: Ihr sagt nicht nur: „Du, ich meine das ernst.“ Ihr sagt auch zu euch selbst: „Ich, ich meine das ernst.“ Das ist ein sichtbares Zeichen des Ja-Wortes Gottes zum Menschen – im Gelingen und im Versuch, manches Scheitern unter dem Aspekt der Vergebung und des Neuanfanges zu sehen, ist die ehe dann ein Sakrament, ein Spiegelbild und ein Abbild dieser Liebe Gottes. Das ist kein Auftrag, keine Auflage, das ist ein Zuspruch – Menschen können das, wenn sie weniger aus dem Geist dessen leben, was sie „haben“, und mehr aus dem Geist dessen, was sie „sind“: Gottes geliebte Kinder, in denen und aus denen sein Geist lebt und wirkt. Deswegen werde ich euch nach dem Jawort die Stola um die gereichten Hände legen, deswegen werde ich den Segen nach der Trauung über euch sprechen.

Was bleibt?

So bleibt mir zum Ende dieser kleinen Vorlesung nicht viel als eine kleine Zusammenfassung: Freut euch über das, was ihr habt, ertragt, was fehlt. Nutzt das, was ihr habt, um zu sein. Versucht und lernt immer neu, Liebende zu sein, bleibt an dem, der der Leben gibt, bleib an dem, was das Leben gibt, und tragt Frucht. Und mit Johannes im Evangelium möchte ich enden: „Dies trage ich euch auf: Liebt einander.“

Amen.

Harald Klein, Köln
Samstag, 09.06.2018

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