„Die Wahrheit ist symphonisch“ (Hans Urs von Balthasar)

Die Wahrheit nicht hören wollen

„Ich will die Wahrheit nicht hören!“ – Können Sie sich Situationen vorstellen, in denen diese Worte gesprochen werden? Eine Frau vielleicht, die vom Fremdgehen Ihres Mannes nichts hören will. Ältere Kinder, die nach der Vergangenheit ihrer Eltern fragen. Ein Patient im Krankenhaus, der im Gesicht des Arztes ablesen kann, wie seine Diagnose aussieht. Wenn die Wahrheit die bestehenden Umstände bedroht, mag das gelten: „Ich will die Wahrheit nicht hören!“ Man muss manchmal stark sein, die Wahrheit hören zu wollen – aber umgekehrt gilt auch: wer die Wahrheit hört, der bekommt ungeahnte Kräfte, dem wandelt sich die Welt, der bricht noch einmal auf, innerlich und äußerlich, wenn er sie hört – und wenn er sie richtig versteht.

Die Wahrheit hören – und verstehen – können

Ähnlich muss es an diesem ersten Pfingsttag gewesen sein. Die Apostelgeschichte erzählt – eine Herausforderung für jeden Lektoren und jede Lektorin: „Parther, Meder und Elamiter, Bewohner von Mesopotamien, Judäa und Kappadozien, von Pontus und der Provinz Asien,von Phrygien und Pamphylien, von Ägypten und dem Gebiet Libyens nach Zyrene hin, auch die Römer, die sich hier aufhalten,Juden und Proselyten, Kreter und Araber, wir hören sie in unseren Sprachen Gottes große Taten verkünden.“

Achtzehn Völker und Stämme werden hier genannt, die hören – und die verstehen: es geht um Gottes große Taten, die da aus den Aposteln herausbrechen. Sie hören nicht nur, sie verstehen auch.

Der Kanon von Pachelbel – eine Verstehenshilfe für Gottes große Taten

Ich möchte Ihnen zusammen mit unserer Organistin eine kleine Verstehenshilfe zuerst ans Ohr und dann ans Herz legen, wie Sie Gottes große Taten hören und verstehen können. Das Bild der Himmelsleiter soll uns dazu helfen, auch das des Emmausganges, der am Beginn des Osterfestes steht.

Johann Pachelbel (1653-1706) hat einen kleinen Kanon für drei Violinen und einen Bass geschrieben. Und dieser kleine Kanon mit seinen 57 Takten und seinen 28 Themavariationen kann Ihnen viel über Gottes große Taten erzählen – wenn Sie die Wahrheit hören und verstehen wollen.

Das Continuo im Bass: Gott ist gegenwärtig – und die Schöpfung ist unser

Am Anfang – die Bibel würde sagen: „Im Anfang“ – hören Sie einen tiefen Bass, die Grundlegung des Kanons. In der Wahrheit der großen Taten Gottes möchte ich diese acht Bassnoten als Gegenwart Gottes beschreiben, der einfach da ist, der das Ganze seiner Schöpfung trägt und erhält. Gott ist der, ohne den nichts ist und nichts Bestand hat. Sie werden die wenigen Takte des Continuos sicher sofort erkennen, wenn Sie sie hören – verstehen Sie es einmal als den „Grundton Gottes in seiner Schöpfung“ und als Ihre Welt, die Ihnen von Gott zu Füßen gelegt ist – als den Ort, an den Jakob seine Himmelsleiter fest in die Erde rammt, weil er Gott nahe weiß, oder als das Jerusalem, von dem aus die Emmausjünger aufbrechen, weil ihnen Gott unerreichbar geworden ist.

< Continuo einspielen>

Die erste Violine: Christen nehmen Gottes Melodie in sich auf

Aber Gott sucht sich ein Gegenüber – von Beginn an in der Schöpfung, bis heute, hier, am Pfingstfest in St. Agnes. Im Pachelbel-Kanon ist die 1. Violine dieses Gegenüber. Sie macht ab dem 3. Takt das, was Irenäus von Antiochien um 107 n.Chr. seiner Gemeinde schrieb: „Nehmt Gottes Melodie in euch auf.“ Und weiter: „So werdet ihr alle zusammen zu einem Chor, und in eurer Eintracht und zusammenklingender Liebe ertönt durch euch das Lied Jesu Christi. Das ist das Lied, das Gott, der Vater, hört – und so erkennt er euch als die, die zu Christus gehören.“[1]Das wäre so etwas wie Taufe und Firmung: Gottes Melodie hören, sie verstehen, in sich aufnehmen – und dann einstimmen in das Continuo Gottes, in seine bleibende Gegenwart und mitten an dem Ort seiner Schöpfung, an dem Sie gerade jetzt sind. Im Bild von der Himmelsleiter: Sie steigen Jakobs Leiter hoch und hören, was im Himmel ist – oder im Bild des Emmausganges: Jesus kommt zu den Jüngern und erläutert, was in der Schrift steht, bricht das Brot und hält Mahl mit den beiden Jüngern. Das Ganze hört sich so an:

<Continuo und erstes Violinthema einspielen>

Die zweite Violine: Weitergabe des Themas und erste Variationen

Wieder zwei Takte später setzt die zweite Violine ein. Sie übernimmt in veränderter Tonlage das Thema des Continuos und gibt das Thema der ersten Violine wieder. Kurze Zeit hört man dreistimmig das gleiche Thema – aber dann wagt die erst Violine eine Variation. Wohlgemerkt: das Continuo, der Bass, Gottes Grundgestimmtheit, ist immer gleich, und immer gilt: wir spielen auf der Schöpfung, die uns zwar immer als gleiche, und doch täglich anders, zu Füßen gelegt ist. Und ab jetzt gilt es, die Variationen zu finden, die in Harmonie mit dem Grundton Gottes und zur Schöpfung unter meinen Füßen steht. So kommt Lebendigkeit in den Kanon, so kommt Lebendigkeit in die Kirche und so kommt Lebendigkeit und Leben in die Welt, in der Sie stehen. Im Bild der Himmeleiter ist es das Umschauen im Himmel, das Wahrnehmen, was ist, und die Frage, was das heißt für den, der wieder hinabsteigt – und im Bild des Emmausganges ist es das Verschwinden Jesu, ist es das brennende Herz der Jünger und die Frage, welche Variation ihr Weg nehmen soll.

<Continuo, erstes Violinthema und zweites Violinthema mit Variation einspielen>

Die dritte Violine: Die anderen Generationen, Völker, Sprachen

Und dann passiert so etwas wie Pfingsten! Die dritte Violine setzt ein, wieder das gleiche Spiel: Einstimmen und Aufnehmen der Melodie Gottes, des Continuos, sich verwurzeln in der Schöpfung Gottes, da, wo sie ist. Die zweite Violine nimmt das Thema der ersten auf, aber die erste Violine findet schon wieder ein neues Thema, eine neue Melodie, die sich dennoch harmonisch dem ständig bleibenden Grundton Gottes anpasst und ihn variiert. Im Blick auf die Pfingstgeschichte könnte man von mindestens vier Sprachen reden, die jetzt zu hören und zu verstehen sind, und die alle Gottes große Taten verkünden. Alle Themen orientieren sich an diesem Grundton Gottes, an der Schöpfung, die ihnen – an der Orgel wortwörtlich – zu Füßen liegt. Im Bild der Himmelsleiter: es genügt nicht, die Leiter hinauszusteigen, man muss wieder hinab an den Ort, wo sie in die Erde berührt. Im Bild des Emmausganges: es genügt nicht, in Emmaus zu bleiben, man muss auch zurück nach Jerusalem. Im Bild des Pfingstfestes: es genügt nicht, im Obergemach, im Gotteshaus zu bleiben, man muss wieder zurück in die Welt, in der man eingewurzelt ist.

<Continuo, erstes, zweites und drittes Violinthema mit Variation einspielen>

Der Kanon: In Gottes Geist die Welt verwandeln in Gottes Reich

Und jetzt sind wir da, wo ich eigentlich hinwollte. Ab jetzt können Sie den Kanon mit seinen – in der Originalfassung – 28 Variationen hören und pfingstlich verstehen. Sie dürfen sich freuen an all dem, was schlicht Variationen zum Grundton Gottes sind, freue an dem, was an Variationen an der Melodie Gottes aufgenommen wurde in den Herzen der vielen Menschen, Kulturen, Sprachen und Lebensweisen derer, die auf diesem Grundton aufbauen. Sie dürfen sich freuen daran, dass Sie „Ihr“ Thema gefunden haben, wissend, dass das Ganze erst zum Klingen kommt, wenn Sie die anderen Themen zulassen und sich zum Teil darin wiederfinden können. Und Sie haben ein Kriterium an der Hand, Misstöne zu erkennen – sie werden an dem Grundton Gottes gemessen, nicht an ihrem eigenen Thema.

Hans Urs von Balthasar (1905-1988) bringt es auf den Punkt. Er hat eine kleine Schrift verfasst, die den Titel trägt: „Die Wahrheit ist symphonisch.“ Das zeigt sich in der Kirche, das zeigt sich in der Welt. Die vielen Spiritualitäten in der Kirche, die vielen Weisen, die Welt im Grundton Gottes als Gottes Reich zu erkennen, legen Zeugnis davon ab. Und jeder Versuch, die eine Wahrheit, den einen Grundton nur in einem einzigen Thema auszudrücken, greift zu kurz, ist ein Verrat an der symphonischen Wahrheit Gottes.

Von daher: Hören Sie in sich hinein, wie Sie Gottes Melodie in sich erspüren. Schauen Sie sich den Ort in der Schöpfung an, auf dem Sie stehen. Nehmen Sie Gottes Melodie in sich auf und spielen Sie es in der Variation, die Ihnen entspricht. Nur: haben Sie im Blick, dass es auf dem Grundton Gottes aufliegt und sich zu den anderen Themen so verhält, dass im gemeinsamen Chor das Lied Jesu Christi erklingt, um noch einmal Ignatius von Antiochien zu bemühen. Im Bild der Himmelsleiter: steigen Sie hinauf – und vergessen sie das Hinuntersteigen nicht. Im Bild des Emmausganges: Entfliehen Sie ab und an mal Ihrem Jerusalem, lassen Sie sich Gottes Wort erschließen, feiern Sie Mahl mit dem Herrn – und kehren Sie dann zurück. Der Welt tut es gut, wenn Menschen in vielerlei Variationen Gottes Melodie aufnehmen und ihr als zeigen, dass Gottes Reich schon mitten in ihr ist.

Sie wissen es längst – das klingt gut! Und deswegen haben wir uns jetzt den ganzen Pachelbel-Kanon verdient.

Amen.

<Den ganzen Pachelbel-Kanon einspielen>

Hier können Sie den „Kanon“ von Johann Pachelbel anhören.

Hier finden Sie die Noten des „Kanon“ von Pachelbel.

[1]zitiert nach Bours, Johannes (61985): Nehmt Gottes Melodie in euch auf. Worte für das tägliche Leben, Freiburg, 40.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ich akzeptiere