Drei Fragen und drei Antworten – Eugen Drewermann zum Gleichnis vom barmherzigen Samariter

So sakrilegisch diese Samariter auch denken mögen, so sicher ist doch, dass sie die ganze Idee von dem judäischen Kult- und Ritualgott nicht wie ein Brett vor dem Kopf vor sich herumtragen; und diese Freiheit  von der Autorität der Priester und der Schriftgelehrten macht es ihnen allererst möglich, nicht nur ihre Augen zu öffnen, sondern ihr Herz, ihre Hand: Auch der Samariter sah den Verletzten – und ward von Mitleid gerührt“ (10,33). Auf wirklich vorbildliche Weise tut er alles, was er kann: Nicht nur, dass er am Ort dem Verletzten Erste Hilfe leistet, er sorgt auch auf eigene Kosten für eine mehrtägige Unterbringung des ausgeplünderten Kranken in einer Herberge; und einem Mann wie diesem Samariter schenkt sogar der Wirt Vertrauen: wenn er zurückkommt, wird er ihm ganz sicher die bis dahin angefallenen Zusatzkosten erstatten (die der Wirt, genauso sicher, recht großzügig zu seinen Gunsten verrechnen wird).

Drei Fragen gleichzeitig sind damit beantwortet:

Zum ersten: Wie verhalten sich Menschenliebe und Gottesliebe zueinander?

Die Antwort kennen wir bereits, finden sie in diesem Gleichnis aber eindrucksvoll bestätigt: Beide sind untrennbar eins; es gibt keine Gottesliebe auf Kosten der Menschenliebe; und wer die Befolgung eines Gebotes, das auf Gott zurückgeführt wird, höherstellt als das Gebot der Menschlichkeit, der missversteht Gott, der schädigt die Religion, der schändet sich selbst.

Und zum zweiten: Wenn Du fragst: ‚Wie finde ich Gott?…,

…. so höre nicht auf die Autoritäten der verfassten Religion, auf die Priester und Theologen; folge vielmehr Deinem eigenen Herzen. Du wirst Gott nicht finden, wo sie ihn als Gefangenen halten, Du findest Ihn einzig dort, wo ein Mensch mit Mitleid hinübergeht in das Leid eines anderen Menschen.

Und zum dritten: Du fragst: „Wer ist denn mein Nächster?“ …

und willst damit den Kreis Deiner Verantwortung auf Dein eigenes Volk beschränken und dann noch einmal innerhalb Deines Volkes einen möglichst engen Radius schlagen. Aber so geht es nicht. Gott ist überall dort, wo Menschen leiden und wo Menschen mit Menschlichkeit darauf antworten. Welcher ethnischen oder religiösen Herkunft diese Menschen sind, spielt dabei absolut keine Rolle. Gott ist der „Vater“ aller Menschen, und Er ist so weit, wie der Himmel, der sich unterschiedslos über alle wölbt. Jedes Volk mag seine Religion, seine Tradition und seine Konventionen haben, doch Gott ist weder ein „Volksgott“ noch ein Voodoogeist. Er ist auch nicht die Unantastbarkeit bestimmter überkommener Gewohnheiten, noch die Sakrosanktheit vermeintlich „heiliger“ Beschlussfassungen in der Gegenwart. Er ist die sanfte Stimme, die Du hören kannst, wenn Du ganz Deinem Herzen folgst. Ein würdigerer, wahrerer Gottesdienst lässt sich in alle Zeit nicht denken als das einfache „Gebot“ der Menschlichkeit. Und sie ist möglich einem jeden, eben – weil er Mensch ist. Wie nahe Du ihm kommst in seiner Not, das macht Dich selbst zum „Nächsten“ dieses Menschen.

Quelle:
Drewermann, Eugen (2009): Das Lukasevangelium, Bd. 1, Düsseldorf, 775-777.

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