Dritter Adventssonntag: Ein Gesicht leuchten machen

Das Monopol der Süßigkeiten

Geben Sie doch mal bei YouTube „Werbespot Weihnachten 2019“ ein. Sie werden beim Entrecote von Edeka landen, weihnachtlich eingepackt, bei der Frage „Wie viel Weihnachten darf es sein“ – in der Gemüse- und Obstabteilung eines Supermarktes. Bärenmarke wirbt statt mit „Nichts geht über Bärenmarke“ mit „Nichts geht über Frohe Weihnachten“, und Märklin lässt rund um eine Tortenschlacht das Abtauchen von Großvater und Enkel in den Keller, um dort nicht die Post, aber die Bahn abgehen zu lassen. Eines zeigen die Werbespots immer, eines ist ihnen um Weihnachten herum wesentlich: die leuchtenden Gesichter der Kinder, und die leuchtenden Gesichter derer, die sich das Kindsein bewahren konnten. Es scheint, als hätten die Süßigkeiten, als hätte die Reklame und der Konsum ein Monopol auf leuchtende Gesichter.

Die Wüste und das trockene Land sollen sich freuen

Der Prophet Jesaja würde dieses Monopol aufbrechen. Es sind nicht Fleisch, Gemüse, Lebensmittel, Tortenschlachten oder Spielzeug, die er im Blick hat, wenn er von leuchtenden Gesichtern spricht. Die Not, die er vor Augen hat, geht tiefer. Er spricht von der Wüste und vom trockenen Land, das sich freuen soll, von der Steppe, die jubeln und blühen soll, von erschlafften Händen, die wieder gestärkt und von wankenden Knien, die wieder fest werden sollen. Den Verzagten soll Mut zugesprochen werden, den Blinden sollen die Augen und den Tauben die Ohren geöffnet werden. Der Lahme werde springen wie der Hirsch, und die Zunge des Tauben werde aufjauchzen.

Hier wird eine Hoffnung, besser: eine Überzeugung von leuchtenden Gesichtern beschrieben in einer ganz anderen Form von Not, von Verzweiflung, von Schuld und von Depression, als es die Werbespots tun. Wenn Sie möchten, halten Sie sich einen Menschen vor Augen, der Ihnen in den Worten des Jesaja begegnet, oder bleiben Sie einen Moment bei sich selbst, bei Ihrer Wüste, Ihrer Steppe, bei Ihrer Lahmheit, Ihrer Stummheit und Ihrer Taubheit. Mehr als die Werbespots sagt Ihnen Jesaja: Sei nicht hoffnungslos! Hab Hoffnung, hab Mut!

„Bist Du der, der kommen soll, …“

Das Evangelium stellt uns Johannes den Täufer vor Augen, als den, auf den im Gefängnis all das zutrifft. Den Herrscher Herodes bloßzustellen – das hat er jetzt davon: Gefängnis, den Tod vor Augen. Er setzt seine Hoffnung auf Jesus, schickt seine Jünger zu ihm mit der Frage: Bist Du es, der da kommen soll, oder müssen wir auf einen anderen warten? Und Jesus verweist auf das, was geschieht: Blinde sehen wieder, Lahme gehen, Aussätzige werden rein, Taube höre, Tote stehen auf, und den Armen wird das Evangelium verkündet. Mit anderen Worten: Da, wo Jesus ist, sind leuchtende Gesichter! Ob das dem Johannes im Gefängnis ein Trost sein kann? Oder uns, heute? Ein spannendes Kriterium der Echtheit von Verkündigung und kirchlichem Leben: Wo Jesus ist, sind leuchtende Gesichter!

» Ich bin ein Dennoch-Mensch, ganz sicher, [...] mein Glaube ist, dass ein Dennoch immer möglich ist! «
Hilde Domin, in:Scheidgen, Ilka (2018): Hilde Domin. Dichterin des Dennoch, 2. Auflage, Lahr, 222.

“… oder müssen wir auf einen anderen warten?“

Ein Trost mag allemal sein, dass Menschen, in denen und durch die Jesus wirkt, leuchtende Gesichter zu schaffen vermögen. „Vielleicht wird nichts verlangt von uns, als ein Gesicht leuchten zu machen, bis es durchsichtig wird“, schreibt Hilde Domin in ihrem Gedicht „Indischer Falter“. Und das gerade in den Situationen der Wüste und der trockenen Steppe, in Zeiten der erschlafften Hände, des Verstummens und Erlahmens, der Blindheit und der Taubheit.

Hilde Domin hat sich einmal als ein „Mensch des Dennoch“ bezeichnet. Das macht die Freude an diesem dritten Adventssonntag aus, dass das Dennoch stärker ist als alle Wüsten und Steppen zusammen. Ihr Gedicht lehrt einen adventlichen Weg.

Der erste Adventssonntag zeigt: Es braucht keine neuen, keine besonderen Wege, es braucht eine Wachsamkeit und eine neue Aufmerksamkeit auf den alten, den gewohnten wegen, um adventlich zu leben, es braucht Schalen, um den Augenblick zu schöpfen. Der zweite Adventssonntag lenkt den Blick, gibt ihm eine Ordnung: Nicht das Sterben und seine Notwendigkeit angstvoll betrachten, sondern Aushalten und Ausharren bei der Schönheit des Schmetterlings, um genau diese Schönheit wirken zu lassen. Und der dritte Adventssonntag stiftet dazu an, auf die Schönheit am Weg hinzuweisen und in den Widrigkeiten des Lebens auf diese Schönheit zu hoffen, so, dass ein Gesicht leuchten gemacht wird. Wer Christus und seinen Geist in sich trägt, dem mag dies gelingen. Und umgekehrt. Wem dies gelingt, der trägt Christus und seinen Geist in sich, in dem ist Christus Mensch geworden.

Amen.

Köln, 13. Dezember 2019
Harald Klein

 

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