Durchwehte Welt

Ein Liedtext – zu Ende gedacht

Zugegeben, das Pfingstfest ist unter den großen Festen der Kirche das mir liebste. Nicht, weil es da vieles Rührselige gäbe wie an Weihnachten, oder eine Liturgie, die sich über drei Tage hinzieht wie in den Kar- und Ostertagen, sondern schlicht wegen eines Liedes, das mir das liebste Lied im Gotteslob ist. Es geht um das Lied „Der Geist des Herrn erfüllt das All“, in unserem Gotteslob unter Nr. 347 zu finden. Dieses Lied macht Glaube und Kirche herrlich weit.

Bei der Schöpfung ansetzen

„Der Geist des Herrn erfüllt das All, mit Sturm und Feuersgluten / er krönt mit Jubel Berg und Tal, er lässt die Wasser Fluten. / Ganz überströmt von Glanz und Licht / erhebt die Schöpfung ihr Gesicht, / frohlockend: Halleluja.“

Wenn die vergangenen Sonntage zur Achtsamkeit eingeladen haben, so gilt das am heutigen Pfingstfest um so mehr. Wahrnehmen, was um mich herum wächst, blüht und gedeiht – nicht nur an Pflanzen, auch an Beziehungen und Begegnungen. Gottes Geist lässt sich nicht verwalten, er schenkt sich überreich. Er ist nicht im Verborgenen, er will sich entdecken, sehen aufnehmen lassen. Es liegt an uns, genau diese Sichtweise einzuüben und ihn in der Schöpfung zu entdecken. Es wäre ein falscher Ansatz zu glauben, wir müssten ihn nicht dem Geschaffenen hinzufügen.

Die Seher und Propheten ernstnehmen

„Der Geist des Herrn erweckt den Geist / in Sehern und Propheten, / der das Erbarmen Gottes weist / und Heil in tiefsten Nöten. / Seht, aus der Nacht Verheißung blüht; / die Hoffnung hebt sich wie ein Lied / und jubelt: Halleluja.“

Zur Achtsamkeit der vergangenen Sonntage passt auch diese zweite Strophe. Es geht um das Hinhören und Hinschauen auf die, die im Lied „Sehr und Propheten“ genannt werden. Gottes Geist bleibt ja nicht „im eigenen Saft“, schon in der Lesung der Apostelgeschichte können auch die Juden vor dem Obergemach die vielen Sprachen verstehen, hören die anderen in ihrer eigenen Sprache reden. Und Paulus spricht im Römerbrief vom Geist selber, der unserem Geist bezeugt, dass wir Kinder Gottes sind. Es mag viele „Seher und Propheten“ in den eigenen christlichen Reihen geben, aber Gottes Geist geht weiter! Wenn Gottes Geist in mir mit Gottes Geist in Dir zusammentrifft, übersteigt das die eigene Konfession und die eigene Religion, übersteigt das auch Sprache und Kultur. Wieder: Es liegt an uns, diese Sichtweise einzuüben und auf den Geist zu hören, in uns selbst und bei anderen. Es wäre ein falscher Ansatz zu glauben, wir besäßen ihn – und andere nicht.

Den aufbrechenden Keim sehen

„Der Geist des Herrn treibt Gottes Sohn, / die Erde zu erlösen. / Er stirbt, erhöht am Kreuzesthron, / und bricht die Macht des Bösen. / Als Sieger fährt er jauchzend heim, / und ruft den Geist, dass jeder Keim / aufbreche: Halleluja.“

Hier fasst das Pfingstlied noch einmal das ganze Ostergeschehen zusammen; die Rede ist von Jesu Leben, Leiden, Tod und Auferstehen. Die Weite des Pfingstfestes sehe ich im Ruf nach dem Geist. Der „Sieger“, der Auferstandene ruft den Geist, dass jeder Keim aufbreche. Wie vermessen wäre es, diesen Ruf nach dem aufgehenden Keim auf den Raum der Kirche zu beschränken. Es geht um das sich aufmachen, das Fruchtbringen und darum, dass diese Frucht bleibt. Für die Kirche ist das ein zeichenhafter Auftrag, der Ruf des Auferstandenen gilt aber wieder jedem Keim! Da, wo etwas aufbricht zwischen Menschen, zwischen Sprachen und Kulturen, zwischen den Religionen, da ist dieser eine Geist Gottes am Werk. Ein drittes Mal wieder der Impuls zum Einüben dieser Sichtweise – wahrnehmen, wo Leben fruchtbar wird, wo etwas wächst, durch das oder in dem Erlösung spürbar wird. Es wäre der falsche Ansatz zu glauben, wir seien als Christen oder als Kirche der alleinige „Verwalter“ eines erlösten oder erlösenden Lebens.

Die durchwehte Welt glauben

„Der Geist des Herrn durchweht die Welt / gewaltig und unbändig; / wohin sein Feueratem fällt, / wird Gottes Reich lebendig.“ Da schreitet Christus durch die Zeit / in seiner Kirche Pilgerkleid, / Gott lobend: Halleluja.“

Den Höhepunkt erreicht das Pfingstlied in seiner letzten Strophe. Da ist zum einen das Bild von Christus, der durch die Zeit schreitet – christlicher Glaube ist nicht bloß ein Erinnern an etwas oder jemanden Vergangenen, sondern meint das Suchen dachen, wie dieser Auferstandene sich in der heutigen Zeit zeigt. Und noch mehr rührt mich der Beginn der Strophe: Der Geist des Herrn durchweht die Welt. Pfingsten sei der Geburtstag der Kirche, habe ich als Kind gelernt. Und es stimmt natürlich: in der Kirche zeigt sich nach Ostern Gottes Geist. Aber das Zweite stimmt auch! Der Geist des Herrn durchweht die Welt! Und es ist eine der schönsten Aufgabe der Kirche, in dieser Welt die Spuren des Heiligen Geistes in dieser Welt zu suchen und zu entdecken. Und mehr noch: Da, wo Gottes Geist die Welt durchweht, wird diese Welt zur Kirche. Die Präsenz des Geistes ist der Nachweis, wes Geistes Kind man ist – beinahe möchte ich sagen, die Taufe sei dem nachgeordnet. Ein letztes Mal gilt es, eine Sichtweise nach Pfingsten einzuüben: Hinschauen und Hingehen, wo Gottes Reich lebendig ist, weil Gottes Geist dort spürbar ist. Es wäre der falsche Ansatz zu glauben, das können nur hinter Kirchenmauern und in christlichen Gemeinden geschehen.

»Die Welt ist Gottes so voll. Aus allen Poren der Dinge quillt er gleichsam uns entgegen. Wir aber sind oft blind. Wir bleiben in den schönen und in den bösen Stunden hängen und erleben sie nicht durch bis an den Brunnenpunkt, an dem sie aus Gott herausströmen. Das gilt für alles Schöne und auch für das Elend. In allem will Gott Begegnung feiern und fragt und will die anbetende, hingebende Antwort. Dann wird das Leben frei in der Freiheit, die wir oft gesucht haben.«
P. Alfred Delp SJ (in den Tagebüchern im November 1944, auf seinen Prozess wartend)

„Die Welt ist Gottes so voll…“

Alfred Delp SJ hat einmal geschrieben: „Die Welt ist Gottes so voll. Aus allen Poren der Dinge quillt er gleichsam uns entgegen. Wir aber sind oft blind. Wir bleiben in den schönen und in den bösen Stunden hängen und erleben sie nicht durch bis an den Brunnenpunkt, an dem sie aus Gott herausströmen. Das gilt für alles Schöne und auch für das Elend. In allem will Gott Begegnung feiern und fragt und will die anbetende, hingebende Antwort. Dann wird das Leben frei in der Freiheit, die wir oft gesucht haben.“

Dahin soll die „pfingstliche Achtsamkeit“ gehen: die Schöpfung als Geschenk des Geistes wahrnehmen, eine Offenheit für die Seher und Propheten des Geistes auch über die Kirche hinaus zulassen, so leben, das Leben fruchtbar wird und alles keimende Leben aufblühen kann und in der Welt um uns herum Begegnung mit Gott suchen, weil sie voll, durchtränkt von ihm ist.

Amen.

Köln, 10.06.2019
Harald Klein

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