Ein Haus für Gott bauen?

Was Claudia sich (hoffentlich) auch mit 50 nicht traut…

Liebe Ermels, liebe Böhms,
liebe Verwandte, Freundinnen und Freude von Claudia,
vor allem aber: liebe Claudia,

wie schön, jetzt mal reden zu können, ohne dass gleich Widerspruch oder Zwischenrufe kommen wie so oft am Küchentisch oder auf der Terrasse bei Euch zu Hause, denn das wirst Du Dich während einer Predigt im Gottesdienst auch mit 50 Jahren nicht trauen, vielleicht noch nicht trauen – aber vielleicht vertue ich mich ja auch.

Du hast mir die Auswahl der Texte überlassen – ans Bein gebunden könnt man auch sagen. Ich habe es sehr gerne gemacht und bin auch gleich bei meiner ersten Idee hängen geblieben: beim Bild vom Mann – in Deinem Fall von der Frau, die Ihr Haus nicht auf Sand, sondern auf Felsen baut. Und ich habe da gleich meinen Bruder Matthias im Blick und eines seiner Lieblingslieder: „Wer nur den lieben Gott lässt walten“, und darin die dritte Strophe: „Wer Gott, dem Allerhöchsten traut, der hat auf keinen Sand gebaut.“

Aber jetzt der Reihe nach

Die König-David-Kraft: Dem Herrn ein Haus bauen wollen

Es gibt etwas, was dich, Claudia, mit dem König David verbindet. Der hatte eine unglaubliche Schaffenskraft, und sein Ziel war es, dem Herrn, den er als mitgehenden und ihn begleitenden Gott erfuhr, ein Haus bauen zu wollen. Dass Gott eine feste Bleibe habe, gleich neben, am besten sogar in seinem Palast, das war sein Ziel – und das ist auch seit ich Dich kenne (und das sind jetzt mehr als dreißig Jahre) Dein Ziel. Dass Gott in Deinem Leben, Haus wohnen möge, dass er einen Platz haben möge, das haben Dir Deine Eltern schon in die Wiege gelegt, und sie machen es ja bis heute so.

Diese „König- David-Kraft“ in Dir spüre ich immer wieder, wenn ich bei Dir, bei Euch zu Gast bin – obwohl: „Gast“ sicher das falsche Wort ist. Und diese „König-David-Kraft“ spüren auch die anderen aus Deiner Familie. Ich habe sie gebeten, mal in ein bis zwei Sätzen zu sagen, wie sie das Haus sehen und erleben, das Du mit Deinem Leben bis jetzt für sie gebaut hast. Das Haus Gottes in Deinem Lebenshaus hat viele Farben. Und ich bitte Matthias, Mätzi, Thomas, Clarissa und Andreas, mal von en Farben und Facetten zu berichten, die sie in diesem Haus sehen!

(Jetzt kommen Matthias, Mätzi, Thomas, Clarissa und Andreas zu Wort.)

Die Kraft Gottes: Der Herr wird Dir ein Haus bauen

Ich finde es auf den ersten Blick verstörend, dann aber sehr tröstend, dass Gott über diese König-David-Kraft ein wenig empört ist, sogar spottet. Der erste Eindruck ist doch, dass Gott dankbar sein müsste, weil Du ihm über 50 Jahre hinweg so ein schönes Haus gebaut hast. Aber die Empörung Gottes, sein „Du willst mir ein Haus bauen…“ begründet er ja sehr schön, und diese Gründe sollen mein Geschenk zu Deinem 50. Geburtstag sein.

Der erste Grund: Gott ist ein umherziehender Gott

Gott erinnert: den Natan, damit er es dem David weitersage

„Seit dem Tag, als ich die Israeliten aus Ägypten heraufgeführt habe, habe ich bis heute nie in einem Haus gewohnt, sondern bin in einer Zeltwohnung umhergezogen.“

Man kann Gott nicht festhalten, es sei denn, er schenkt seine Gegenwart. Dafür steht unser „Tabernakel“ – das Wort ist aus dem Lateinischen; „Ecce, tabernaculum Dei inter homines“ meint „Siehe, die Wohnung Gottes unter den Menschen.“ Gott ist einer, der seine Gegenwart schenkt, und das Verrückte: man muss ihn noch nicht einmal darum bitten, dieses Geschenk macht sein Wesen aus. Wie oft haben wir schon das „Komm, Herr Jesus, sei Du unser Gast“ gebetet – das ist immer mehr eine Erinnerung an uns, dass er unser Gast sein will, als eine Bitte an ihn, dass er doch kommen möge! Gott zieht umher, zieht mit uns, mit Dir, auch durch 50 Jahre und weit darüber hinaus. Es liegt an uns, ihm einen Platz am Tisch unseres Lebens zu bereiten.

Der zweite Grund: Gott fordert nicht ein

Gott fragt ganz rhetorisch den Natan, damit er den David frage:

 „Habe ich in der Zeit, als ich bei den Israeliten von Ort zu Ort zog, jemals zu einem der Richter Israels, die ich als Hirten über mein Volk Israel eingesetzt hatte, ein Wort gesagt und sie gefragt: Warum habt Ihr mir kein Haus aus Zedernholz gebaut?“

Das ist das Ringen um das Gottesbild, und wie viel ist da bei Dir passiert in den 50 Jahren! Wir sind groß geworden mit der Suche nach dem „Willen Gottes“. Da war, auch vermittelt durch die vielen Regelungen des Katechismus als dem großen kirchlichen „Benimm-Buch“, dem „Kirchen-Knigge“, immer ganz klar, was denn Gott von unswill. Wichtiger als das, was Gott von unswill, ist doch, was er für unswill. Wo sagt er denn das Sonntagsgebot in der Bibel, wo sagt er denn, dass man nüchtern zum Gottesdienst kommen soll, wo sagt er denn, dass Scheitern in der Ehe, in der Arbeit, im Leben keinen Platz haben darf? Gott fordert nicht ein! Aber: er bietet einen, nein, seinenGeist an, er bietet in Jesus Christus sich selbstan, ein Leben zu führen, dass lebenswürdig und liebenswürdig ist. Es geht immer und immer wieder darum, sich diesem Geist, dem „Gott mit uns“, zu öffnen, das hört auch mit 50 nicht auf.

Der dritte Grund: Gott will Dir ein Haus bauen

Am Ende steht Gottes Botschaft durch Natan an David:

„Ich will meinem Volk Israel einen Platz zuweisen und es einpflanzen, damit es an  seinem Ort (sicher) wohnen kann und sich nicht mehr ängstigen muss und schlechte Menschen es nicht mehr unterdrücken wie früherund auch von dem Tag an, an dem     ich Richter in meinem Volk Israel eingesetzt habe. Ich verschaffe Dir Ruhe vor allen Deinen Feinden. Nun verkündet Dir der Herr, dass der Herr Dir ein Haus bauen wird.“

Das ist vielleicht der schönste Satz, den ich Dir aus der Geschichte Gottes mit den Menschen heute weitergeben darf: „Nun verkündet Dir der Herr, dass der Herr Dir ein Haus bauen wird.“ Mit 50 Jahren geht der Sommer des Lebens langsam in den Herbst, in die Erntezeit hinüber. Es ist spannend, dass Du bald Oma wirst – wenn es mich auch verstört, dass Du dann mit einem Opa verheiratet sein wirst. Herbst, das ist Erntezeit. Dass Deine König-David-Kraft sich immer mehr wandeln kann in die Freude darüber zu entdecken, dass Gott eine Kraft gibt, allen Feinden des Lebens zu widerstehen, so sagt er es zumindest dem Natan, dass Dir immer mehr die Größe Deines Lebens aufgehe dass Du Dich nicht ängstigen musst – all das steckt in dieser Verheißung Gottes an Natan für David, die heute Dir gelten mag.

„Herr, es ist Zeit…“

Gott ist ein umherziehender, ein mitgehender Gott; er fordert nicht ein, es ist seine Freude, sein Wesen, Dir und uns ein „Haus“ zu bauen. Einer meiner liebsten Dichter, Rainer Maria Rilke, weiß darum, und in einem seiner schönsten Gedichte bedauert er die Menschen, die das nicht haben. Es heißt „Herbsttag“:

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gib innen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Mit 50 Jahren darf man das sagen: „Herr, es ist Zeit…“. Mit 50 Jahren darf man immer noch auf Früchte hoffen, die voll sein mögen, darf man auf Vollendung hoffen, drängen, sich ausstrecken. Mit 50 Jahren darf man auf eine letzte Süße auch im schweren Wein bauen. Aber vor der letzten Strophe brauchst Du Dich nicht zu fürchten: „Wer jetzt kein Haus hat…“. Du hast in fünfzig Jahren Dein Haus gebaut, oder besser: Gott hat es Dir gebaut mit denen, die zu Dir gehören – auch Du wirst wachen, lesen, vielleicht nicht so oft lange Briefe schreien, aber eines musst Du nicht tun: Du wirst und Du brauchst nicht in den Allen hin und her unruhig zu wandern, wenn die Blätter treiben. Wir gehen mit, und Gott geht mit.

Amen.

Köln, 01.09.2018
Harald Klein

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