Ein Tag mit Jesus

Eine „Tagzeitenliturgie“ Jesu

Aus einem mittlerweile in die Jahre gekommenen Erstkommunionkurs erinnere ich mich an eine Einheit mit dem Titel „Ein Tag mit Jesus“. Die Kinder bereiten mit Tüchern und anderem Legematerialien den Ort zu Mk 1,21-39: Die Synagoge, in die Jesus mit seinen ersten vier Jüngern am Sabbat geht, um zu lehren; das Haus der kranken Schwiegermutter des Petrus, darin die Haustür, vor der am Abend alle Kranken der Stadt gebracht werden, damit Jesus sie heile, und der einsame Ort, an dem Jesus sich in der Frühe des nächsten Tages zurückzog, um zu beten. Die Feier des Sabbat, die Zeiten des „Arbeitens“, des verborgenen und des öffentlichen Wirkens Jesu, die Zeit des Gebets am frühen Morgen weisen gleich zu Anfang des Markusevangeliums darauf hin, dass Jesus feste Riten und Rhythmen kannte – wie sollte er diese als gläubiger Jude auch nicht kennen?

Riten und Rhythmen Jesu: Ausdruck seiner Sendung durch den Vater

Da ist bei Mk die Zeit des Rückzugs in die Wüste (Mk 1,12f), die ihn vor Beginn seines öffentlichen Wirkens auf den Willen des Vaters ausrichten soll – und da sind die vielen „Rückzüge“ Jesu, mal alleine, mal mit einigen seiner Jünger, meist an einsame Orte (Mk 1,35; 3,13; 4,10; 9,2-10, 14,32-43 u.ö.).

Jesus kennt den Sabbat und weiß um die Gebote, ihn zu halten – über die er sich mit seiner „Umdeutung“ hinwegsetzt (Mk 2,23), er weiß um den Gang zur Synagoge (Mk 3,1), er hält sich an die Traditionen der Feier des Pascha mit seiner Wallfahrt nach Jerusalem (Mk 10,32) und der gebotenen Mahlfeier (Mk 14,12-16).

Vieles findet sich über das „Einhalten“ der Riten und Rhythmen des jüdischen Glaubens bei Jesus. Das Auffällige daran ist aber, das Jesus diese Riten und Rhythmen nutzt, um seine ganz persönliche Sendung durch den Vater, sein ganz persönliches Verhältnis zum Vater zu leben und zum Ausdruck zu bringen. Deutlich wird dieses persönliche Verhältnis im „“Nicht was ich will, sondern was Du willst“ (Mk 14,36) in seinem Gebet in der Nacht am Ölberg. Zum öffentlichen Ausdruck bringt Jesus seine Sendung durch sein Umdeuten der Gebote auf das greifbare Heil der Menschen hin: „Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat“ (Mk 2,27; deutlicher noch in den „Ich-aber-sage-euch“-Worten der Bergpredigt, vgl. Mt 5,20ff).

Jesus kennt und versteht die Riten und Rhythmen seiner Religion, er bedient sich dieser Riten und Rhythmen als Hilfen zur Klärung seiner Sendung und zur gelebten persönlichen Sendung vor dem Vater – und vor den Menschen.

Meine Riten und Rhythmen mit denen Jesu verbinden

Unser Kirchenjahr kennt diese Riten und Rhythmen, zum Teil aus der Religion Jesu übernommen, zum größeren Teil „umgewidmet“ („getauft“ nennt Richard Rohr diesen Vorgang“) oder neu geschaffen im Laufe der Geschichte des Betens. Advent, Fastenzeit, Bitttage oder Pfingstnovene als Zeiten der Vorbereitung auf die großen Feste; Segnungen im Leben der Gesamtkirche (z.B. der Seen des Johannesweines, der Osterspeisen, der Blasiussegen, die Ablässe), Segnungen im Leben des Einzelnen oder Familien (z.B. das Kreuzzeichen auf der Stirn des Gehenden, auf dem neu anzuschneidenden Brot). Unser gemeinschaftliches und privates Gebetsleben kennt feste Zeiten und feste Formen des Gebetes, vom (manchmal etwas hilflos erscheinenden) „Vaterunser“ vor der PGR-Sitzung angefangen über die „persönliche Gebetszeit“ und das „Gebet der liebenden Aufmerksamkeit“, die für unser GC kennzeichnend sind.

Zeiten des Rückzuges, Riten und Rhythmen in unserer Beziehung zu Gott: all das zielt auf ein einziges Geschehen: sich der eigenen Sendung vor Gott bewusst zu werden, sich neu auszurichten, um diese Sendung dann vor Gott und vor den Menschen zu leben.

In unserer Gemeinschaft gibt es die Zeiten des Rückzugs an einen einsamen Ort, die eigenen Exerzitien sind – wie bei Jesus – solche Zeiten. Und spätestens die immer wieder aufkommende Diskussion um den verkaufsoffenen Sonntag erinnert an die „Sonntagsruhe“, ohne die alle Tage nur noch „Werktage“ sind, in denen die Rückbesinnung auf die eigene Sendung verlorenzugehen droht, und ohne die der Rhythmus von Ruhe und Arbeit untergeht.

Riten und Rhythmen in unserer Beziehung zu Gott, in unserem Anhangen an Jesus und in unserer persönlichen Nachfolge sind – wenn wir sie mit der Weise der Riten und Rhythmen im Leben Jesu verbinden – von ihm selbst her „ausgezeichnete“ Möglichkeiten, diesem einen Ziel zu dienen. Das geht im Kleinen, im Persönlichen, in der Einhaltung und der Gestaltung der persönlichen täglichen Gebetszeit(en) los. Das setzt sich fort in der Weise, wie wir den Sonntag halten und gestalten, das umschließt auch die Gestaltung der Feste und ihrer Vorbereitung. Die Weise, wie Jesus selbst mit Riten und Rhythmen umgeht, lädt uns ein und fordert uns auf, ganz achtsam darauf zu sein, wie wir dieses wiederkehrende und vorgegebene „Strukturangebot“ nutzen.

Für das Gebet oder das Gespräch in der Gruppe:

  • Achtsamkeit ist gefragt: bin ich mir beim Beten, beim Kreuzzeichen, in der Heiligung des Tages in meiner persönlichen „Tagzeiten-Liturgie“, der Sonntagsheiligung, der Gestaltung der Kirchenfeste meines Tuns, meiner Ausrichtung bewusst – kann ich diese Ausrichtung bewusst und achtsam neu einüben?
  • Kann die Gruppe helfen, Riten und Rhythmen neu zu beleben, sodass das eigene Leben und das Lebend er Gruppe in deren Riten und Rhythmen mehr dem Ziele dienen, zu dem wir berufen sind: dem Lobe Gottes und dem Retten der eigenen Seele, wie s in EB 23, in unserem „Prinzip und Fundament“ heißt?
  • Und schließlich: wie können wir in den Gruppen, in der je größeren Gemeinschaft unsere Riten und Rhythmen und die der Kirche mehr zu dem Ziele nutzen, zu dem wir geschaffen sind (ebd.)?

Harald Klein, Köln

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