Einmal umgedreht: „Deine Zeit steht in meinen Händen…“

Meine Zeit steht in Deinen Händen – und umgekehrt

Meine Zeit steht in deinen Händen“ – kein Jahreswechsel bei den Jungen Erwachsenen der GCL, kein Wochenende der GCL, welcher Art auch immer, und kein Schlussgottesdienst bei den Cusanern, bei dem dieses Lied bei den Gottesdiensten nicht zumindest in die engere Auswahl käme.

Und doch ist der Titel für dieses „Praktisch umgesetzt“ genau umgedreht: Gottes Zeit steht in meinen Händen“. Gerne gebe ich Ihnen einen Ablauf für ein Gruppetreffen an die Hand, der sich dieser Sichtweise annimmt.

Das Treffen kann mit dem Singen dieses Liedes beginnen, den Text finden Sie (in der Downloadversion) links abgedruckt.  Und für die Ankommrunde und die Zeit der Stille, die davor angeboten wird, legen Sie doch einige Begriffe aus diesem Lied – samt der Gegenbegriffe – mit Kärtchen auf dem Tisch oder dem Fußboden aus:

  • Ruhe / Unruhe
  • Geborgenheit / Verloren sein
  • festes Herz / unruhiges Herz
  • Sorgen / Unbekümmertheit
  • Mutlosigkeit / Mut
  • Hast / innere Ruhe
  • Zeitnot / Muse
  • Sinnlosigkeit /Sinnerfahrung
  • verrinnende Zeit / erfüllte Zeit

In der Ankommrunde kann zu einer oder zu zwei der Kärtchen mitgeteilt werden, was die Teilnehmenden gegenwärtig berührt, und was sie mit den Begriffen in Verbindung bringen. Es geht darum, wahrzunehmen und mitzuteilen, was jetzt da ist.

Es ist hilfreich, miteinander eine der geschilderten Situationen auszuwählen und sie im Laufe des Treffens gemeinsam zu betrachten. Dazu werden als stummer Impuls zwei weitere Kärtchen dazugelegt: auf dem einen steht eben diese Überschrift, auf dem anderen: „Gott hat in alles die Ewigkeit hineingelegt (Koh 3,11)“.

Der „innere Geschmack“ des Zeitempfindens

Eine erste Anhörrunde fragt nach dem „Geschmack“, den der Text der beiden neuen Kärtchen bei den Teilnehmenden hinterlässt. Hilfreich kann es sein, der Frage nachzugehen, welche Reaktionen dieser „Geschmack“ hervorruft, zu welchen „Bewegungen“ er verlockt.

Für die Spiritualität der Exerzitien und damit für die ignatianische Spiritualität ist es kennzeichnend, dass sie „Gott in allen Dingen“ und damit auch „zu allen Zeiten“ finden will – angesichts der verschiedenen „Zeiten“, die das 3. Kapitel des Buches Kohelet beschreibt, kann das eine wirkliche Herausforderung sein. Ein zweiter Impuls ist daher dem Exerzitienbuch entnommen. P. David Fleming SJ übersetzt das Prinzip und Fundament der Exerzitien (EB 23) wie folgt:

„Ziel unseres Lebens ist es, für immer mit Gott zu leben. Gott gab uns Leben, weil er uns liebt. Unsere eigene Antwort der Liebe ermöglicht es, dass Gottes Leben grenzenlos in uns hinein strömt. Alle Dinge dieser Welt sind Geschenke Gottes, uns angeboten, damit wir ihn leichter erkennen und uns bereitwilliger liebend zurückgeben.

Daraus folgt, dass wir alle Geschenke Gottes soweit schätzen und benutzen, als sie uns helfen, uns zu liebenden Menschen zu entwickeln. Aber wenn eine dieser Gaben Mittelpunkt unseres Lebens wird, ersetzt sie Gott und hindert unser Wachsen auf das Ziel hin.

So müssen wir uns also im Alltagsleben angesichts dieser geschaffenen Gaben im Gleichgewicht halten, insofern wir noch frei wählen können und nicht durch Verpflichtung gebunden sind.

Wir sollen unser Verlangen nicht auf Gesundheit oder Krankheit fixieren, nicht auf Wohlstand oder Armut, Erfolg oder Versagen, ein langes Leben oder ein kurzes Leben. Denn alles hat in sich die Möglichkeit, in uns eine tiefere Antwort hervorzulocken für unser Leben in Gott.

Unser einziges Verlangen und unsere einzige Wahl soll sein: ich möchte und wähle, was eher dahin führt, dass Gott sein Leben in mir vertiefen kann.“

(aus: Flemig, David <1983>: Modern Spiritual Exercises. A Contemporary Reading of the Spiritual Exercises of St. Ignatius, New York)

Gottes Zeit steht in meinen Händen – dieser Aussage und dem „Prinzip und Fundament“ in der angebotenen Übersetzung folgend,  müssen zwei Deutungen angenommen werden:

Zum einen ist jede Zeit ein Geschenk, eine Gabe Gottes, mir in die Hände gelegt, damit ich in dieser Zeit den Moment der Ewigkeit entdecke, die Gott in sie hineingelegt hat (vgl. Koh 3,11). Jede Zeit hat in sich die Möglichkeit, Gott zu erkennen und uns in genau dieser Zeit liebend an ihn zurückzugeben, ihm liebend zu antworten, und uns auf diese Weise „mehr“ zu liebenden Menschen zu entwickeln. Es gilt, dies immer wieder gegenwärtig zu haben.

Und zum anderen wird die Aufgabe, wird das uns Aufgegebene deutlich: Ich darf nicht stehenbleiben beim „Chronos“, bei dem sich Ereignenden und dem Geschmack, den es hinterlässt. Es braucht – als Zwischenschritt und Unterbrechung in der Gegenwart – die Deutung des „Chronos“ als „Kairos“, als den Moment, in dem ich zupackend Gottes Anruf, Gottes Einladung erkenne und annehme.

Dazu dient in jedem Moment der Gegenwart die Haltung der Indifferenz, das Im-Gleichgewicht-bleiben. Es ist ein wirkliches Üben, achtsam wahrzunehmen, was jetzt ist – um nicht einfach zu reagieren, sondern um nach einem Moment oder einer Zeit des Abwägens zu agieren. Gott legt seine Zeit in unsere Hände, damit wir uns Zeit nehmen, sie zu gestalten und sie umzuformen, so, dass sie uns umformt zu einem „mehr liebenden Menschen“.

In der Gruppe geistlich auf einen Zeitraum, auf die Stimmungen und inneren Bewegungen zurückzuschauen lädt ein, anhand einiger Fragen – sie sind links aufnotiert – auf den in ihm sich zeigenden gegenwärtigen Herrn aufmerksam zu werden. Diese Rückschau kann auch helfen, der Einladung zum geistlichen Wachstum hin auf den „mehr liebenden Menschen“ aufmerksam zu werden. Der „Kairos“ des Gegenwärtigen besteht darin, in den Ereignissen des vergangenen „Chronos“ Gottes Angebot der Ewigkeit ganz gegenwärtig herauszulesen und dem eigenen „Aion“, der eigenen Ewigkeit auf die Spur zu kommen.

Gottes Zeit steht in unseren Händen. Es geht um ein Deutungsangebot, um ein Verstehen-wollen, um ein Erkennen auf Gott und seine Gegenwart hin. Die Gruppe kann dazu eine entscheidende Hilfe sein.

Alfred Delps „Brunnenpunkt“

Der Ewigkeit, die Gott in unsere Gegenwart hinein gelegt hat, auf die Spur kommen – dazu helfen mag auch ein kurzer Text von P. Alfred Delp SJ. Er schrieb ihn auf einem Kassiber im November 1944 mit gefesselten Händen, der aus dem Gefängnis in Berlin-Plötzensee herausgeschmuggelt wurde. Delp spricht vom „Brunnenpunkt“, aus dem alle Zeit und alles Geschehen aus Gott herausströmen.

Die Gegenwart und dieses Hinspüren zum „Brunnenpunkt“ können den Chronos zum Kairos werden lassen, zum Aufscheinen der Ewigkeit, des Aion Gottes im gegenwärtigen Leben. Gott legt seine Zeit in unsere Hände, damit wir sie drehen und wenden, damit wir sie deuten und gestalten, bis seine Ewigkeit für uns sichtbar wird. In allem Schönen ist das augenscheinlich, in allem Schweren ist es eine Zumutung. Und doch gilt: in allem will Gott Begegnung feiern.

Mit einer Gebetsrunde kann das Treffen enden, Bitte und Dank können gemeinsam vor Gott gebracht werden. Und ganz am Ende mag das „Meine Zeit steht in Deinen Händen“ noch einmal gesungen werden – ob es jetzt wohl einen anderen Klang hat als zu Beginn?

Harald Klein, Köln

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