Erster Adventssonntag: „Seht!“

Einatmen. Ausatmen. Weitermachen.

Auf Augenhöhe hängt links neben meinem Schreibtisch ein Poster, das nur drei Worte zeigt: Einatmen. Ausatmen. Weitermachen. Sie sind über die eigene Geistlichen Begleitung zu mir gekommen. Ihren Ursprung haben sie in der Achtsamkeitslehre, und sie sprechen in ihrer Botschaft und über den Ort, den sie in meiner Wohnung bekommen haben, wohl für sich selbst.

Gleichzeitig sollen diese Worte zur „Brille“ werden, durch die ich in diesem Jahr auf die Advents- und die Weihnachtszeit schaue. Sie können und werden mir eine Hilfe sein, die Botschaft des Advents und der Weihnachtszeit neu zu lesen und in mein, vielleicht auch in Ihr „Heute“ zu übersetzen.

„Seht!“ – Der Lockruf des Jeremia

Das kann schon mit dem ersten Wort aus der Schrift beginnen, das in der Eucharistiefeier des 1. Advents gelesen wird: „Seht, es werden Tage kommen – Spruch des Herrn -, da erfülle ich das Heilswort, dass ich über das Haus Israel und über das Haus Juda gesprochen habe.“

„Seht!“ – Seit Freitag haben die Weihnachtsmärkte auf unseren Marktplätzen, in unseren Einkaufsstraßen und länger schon in den großen Warenhäusern geöffnet. „Seht! Weihnachten!“ ist die aufdringliche Botschaft der Lichterketten, der geschmückten Plastikbäume, der Weihnachtsmann-Mützen, die sich ganze Betriebsabteilungen an den Glühweinständen übergezogen haben. „Seht! Weihnachten!“ Bilder, die sich im Vorübergehen einprägen, ebenso wie der Geruch nach Lebkuchen, nach Glühwein, nach Waffeln und nach Knoblauchwurst. Und „Hört!“ könnte man ergänzen: all überall Melodien altbekannter, traditioneller Weihnachtslieder, Weihnachtsgospel und verjazzter Weihnachtsweisen.

Zwischen den Atemzügen – Hinsehen

Jeremias Lockruf meint ein anderes Sehen. Nicht der immer wiederkehrende leichte und erste Eindruck all dieser äußeren Bilder kündet den Advent, kündet die Ankunft Christi im Menschen an. Es geht um ein tieferes Sehen, das Zeit braucht, um in mir Wurzeln schlagen und sich einnisten zu können. Es braucht ein Stehen- oder Sitzenbleiben, es braucht das Wahrnehmen des Ein- und des Ausatmens – und es braucht vor allem die kurze Zeit dazwischen, die Ruhezeit des Atmens, um wirklich „Aufnehmen“ zu können. Nur so kann das „Seht!“ mich wirklich berühren und mich in meiner Mitte treffen.

Es werden Zeichen sichtbar…

Hier knüpft das Evangelium des Lukas an das „Seht!“ des Jeremias an. „Es werden Zeichen sichtbar werden an Sonne, Mond und Sterne, und auf der Erde werden die Völker bestürzt und ratlos sein über das Toben und Donnern des Meeres. Die Menschen werden vor Angst vergehen in der Erwartung der Dinge, die über die Erde kommen; denn die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden.“ „Seht!“, würde Jeremia sagen, das ist jetzt! Da stehen wir, und jedes Einatmen, Ausatmen, Weitermachen geschieht unter diesen Vorzeichen. Das kann mir, das kann Ihnen die Luft nehmen. Es ist zum Fortlaufen, und das größte Problem dabei ist: diese Zeichen sind zum größten Teil von Menschen gemacht!

Gott sei Dank gibt es da ein „adventliches Aber“: „Seht, was auch, was noch da ist!“, könnte der Botschaft des Jeremia entnommen werden. Er spricht von Heilsworten, die sich erfüllen, von einem gerechten Spross, der aufsprießen will, er spricht von Recht und Gerechtigkeit.

Den Blick auf die anderen Zeichen lenken

Wohin geht mein Blick im Advent? Was nimmt meinen Blick gefangen in dieser Zeit vor Weihnachten? Ich habe die Wahl. Es geht nicht darum, die bedrohlichen Zeichen der Gegenwart und in der Gegenwart auszublenden, sie quasi „über-sehen“ zu wollen oder sie überdecken zu wollen von der Botschaft des „Seht! Weihnachten!“ auf den Märkten, in den Einkaufsstraßen und in den Warenhäusern. Im Gegenteil! Es geht darum, dem etwas entgegenzustellen! Ich möchte mir Zeit nehmen, einzuatmen, auszuatmen und weiterzumachen, den Blick einzuüben auf das, was auch da ist. Den Besuch eines lieben Freundes genießen, die Zeit mit einer mir lieben Familie verkosten, der roten Amaryllis beim Aufblühen den Blick zu schenken, den Kerzen des Adventskranzes beim Leuchten zuzusehen und eine gute adventliche Musik in mir wirken zu lassen.

In den Advent hineinwachsen

Paulus schreibt einen Wunsch in seinem Brief an die Thessalonicher: „Euch aber lasse der Herr wachsen und reich werden in der Liebe zueinander und zu allen, wie auch wir Euch lieben.“ Ich glaube, dass die Sehnsucht Gottes nach dem Menschen auf dieses Wachsen und auf diesen Reichtum der Liebe zueinander abzielt. Wachstum braucht Zeit. Und in diesem Advent darf das in der Zeit zwischen Einatmen, Ausatmen und Weitermachen geschehen. Hinsehen auf das, was da ist, auf die, die da sind, auf alles, was mich wachsen und reich werden lassen kann in der Liebe zueinander, im Einatmen, Ausatmen und im Weitermachen.

Amen.

Köln, 02.12.2018
Harald Klein

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