Fest der Hl. Familie – oder: Dem Wunder die Hand hinhalten

Ehelosigkeit des Priesters, in Klausur lebende Schwestern – und das Reden von Familie?

Wenn ein ehelos lebender Priester in einem Konvent ehelos lebender Schwestern am Fest der Heiligen Familie predigen soll, hat das auf den ersten Blick ja schon etwas Schräges. Aber Achtung: es geht nicht um Ehe und eheliches Leben, es geht um Familie und familiäres Leben. Und wenn man die soziologischen Untersuchungen der vergangenen Jahre ernst nimmt, dann haben sowohl der ehelos lebende Pfarrer als auch die in Klausur lebenden Schwestern einiges zum Thema „Familie“ zu sagen.

Familien sehen

Ein kleines Gedankenspiel: Stellen Sie sich drei Stellwände vor, die man beschriften kann. Auf der mittleren Wand steht „Meine Herkunftsfamilie“ – und jetzt können Sie in Gedanken einen Stift in die Hand nehmen und aufschreiben, was Ihnen dazu einfällt. Ein Großteil von Ihnen, ich zähle mich dazu, stammt sicher aus der sog. bürgerlichen Normalfamilie. Um die zu verstehen, müssen Sie sich die erste Stellwand anschauen, die Auskunft über die Familie von „früher“ – wann auch immer das war – gibt. Das „ganze Haus“ der späten Neuzeit: der Hof mit Bauern, Handwerkern, Knechten, Mägden, Frauen und Kinder, die „unter einem Dach“ wohnten und lebten, und die als „Familie“ bezeichnet wurden. Oder die Entwicklung der bürgerlichen Familie – auf einmal werden Arbeitsplatz und Wohnort in der Industrialisierung getrennt, der Mann entwickelt sich zum Verdiener und Ernährer, die Frau zur Hausfrau und Mutter, die Wohnung wird privater Rückzugsort. Dieses Bild prägt unser Familienbild – bis in die 60er Jahre hinein ging eine ausgelernte Schülerin nur in der Übergangzeit von Schulabschluss und Mutterschaft voll arbeiten, ansonsten ist in vielerlei Vorstellung diese bürgerliche Normalfamilie das Bild geblieben, das im Kopf vorherrscht, wenn wir von „Heiliger Familie“ sprechen. Das Tagesgebet betont Frömmigkeit, Eintracht, Verbundenheit in Liebe.

Ich muss Ihnen nicht sagen, dass das so nicht mehr ist, vielleicht auch so niemals war. Und ich möchte die These wagen, dass Familie zuerst nicht etwas ist, was „ist“, sondern zuerst etwas ist, was sich „ereignet“. Wenn man es in Englisch sagt, klingt es schöner: Es gilt nicht „Being Family“, sondern „Doing Family“.

» Familie ist eine besondere generationenübergreifende Gemeinschaft, in deren Zentrum eine emotionale, persönliche und verlässliche Bindung steht. «
vgl.http://www.doingfamily.ch/familie-im-wandel [28.12.2019]

Was Familie heute ausmacht

Sie haben noch die drei Stellwände im Kopf? Die erste Stellwand mit dem Thema “Wie war Familie früher?“, die zweite Stellwand mit dem Thema „Wie steht es um meine Herkunftsfamilie?“ und die jetzt kommt die dritte Stellwand: „Was macht Familie heute aus?“ Denken Sie sich wieder den Stift in Ihrer Hand und versuchen Sie einmal aufzuschreiben, wie Sie „Familie“ definieren würden, heute. Die eine von Ihnen würde vielleicht biologisch beginnen, mit der Gemeinschaft von Mann und Frau, ergänzt – sozial – durch die gemeinsamen Kinder und deren Erziehung. Andere würde rechtlich beginnen, über geregeltes Zusammenleben und Bestimmungen über Trennung oder Tod hinaus, wieder andere würden beim Zusammenleben verschiedener Generationen oder Verwandtschaftsordnungen ansetzen. Reden Sie mal mit jungen, mit mittelalten und mit alten Menschen über das Thema „Was ist Familie?“ Ich vermute, die dritte Stellwand wird voll.

Eine ganz weit gefasste soziologische Definition von „Familie“ gefällt mir sehr gut. Sie lautet: „Familie ist eine besondere generationenübergreifende Gemeinschaft, in deren Zentrum eine emotionale, persönliche und verlässliche Bindung steht.“ [1] Bei „Familie“ klingt die Generation übergreifende, emotionale, persönliche und verlässliche Bildung mit. Sie hat mit Beziehungen, mit Zugehörigkeit und mit Identität zu tun. Es geht um Fragen wie „Wer gehört zu uns?“, „Wie wollen wir leben?“, „Was ist uns wichtig?“, „Wer übernimmt welche Aufgaben?“ und „Wie organisieren wir uns?“ Im soziologischen Sinne ist „Familie“ nicht abhängig von Ehe und Hochzeit oder von Blutsverwandtschaft. Sie besteht nicht aufgrund eines Vertrages i.S.v. „Being Family“, sondern sie muss immer wieder neu hergestellt werden im Zusammenspiel der Familienmitglieder i.S.v. „Doing Family“. Dazu gehören der Familie eigene Werte und Normen, dazu gehören Rituale und Regeln, dazu gehört die Praxis des Alltagsgeschehens und das gemeinsame Meistern von Krisen. Es erübrigt sich fast, darauf hinzuweisen, dass all das im Leben Jesu, wie es die Evangelien berichten, seinen Platz hat.

Leben im Doing-Family-Ansatz

Wenn Sie sich jetzt die drei Stellwände im Geiste anschauen, dann werden Sie meine These zu Beginn der Predigt gut verstehen können. Sowohl der ehelos lebende Priester als auch die in Klausur lebenden Schwestern haben einiges zum Thema Familie – zumindest im Doing-Family-Ansatz – zu sagen. Von Familie kann gesprochen werden, wenn es um auch Generationen übergreifende Beziehung, um Zugehörigkeit und um Identität geht. Wenn Fragen wie „Wer gehört zu uns?“, „Wie wollen wir leben?“, „Was ist uns wichtig?“, „Wer übernimmt welche Aufgaben?“ und „Wie organisieren wir uns?“ das gemeinsame Leben bestimmen. Wenn gemeinsame Werte und Normen geteilt werden, wenn Rituale und Regeln vorhanden sind, wenn sowohl das Alltagsgeschehen als auch die Krisen im Alltag ihren Platz haben. Als Priester lebe ich ehelos, das heißt aber noch lange nicht, dass ich nicht familiär leben kann – eben auf diese Weise des „Doing-Family-Ansatzes“, in dem sich das Familiäre ereignet, nicht im „Being-Family-Ansatz“, der eine Familie rechtlich postuliert und errichtet. Ich erinnere an den Satz Jesu in Mt 12,50, der hier Pate stehen könnte: „Wer den Willen meines himmlischen Vaters erfüllt, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter.

Hilde Domin: Nicht müde werden

In den Advents- und Weihnachtsgottesdiensten lasse ich in diesem Jahr Hilde Domin zu Wort kommen. Ein kurzes Gedicht von ihr mag dieses immer wieder neu herzustellende Geschehen von Familie gut umschreiben, das Gedicht trägt den Titel „Nicht müde werden“:

» Nicht müde werden
sondern dem Wunder
leise
wie einem Vogel
die Hand hinhalten «
Hilde Domin (*1909 +2006)

Ich überlasse es Ihrer Meditation, zu sehen, wie in der Heiligen Familie Maria oder Josef ihrem Kind diese Hand hinhalten. Ich überlasse es Ihrer Erinnerung, wie das Ihre Familie bei Ihnen getan hat, um immer Familie sich ereignen zu lassen. Und ich überlasse es Ihrem liebenden Herzen, auf Ihre Klosterfamilie zu schauen und immer wieder diesem Wunder der Familie wie einem Vogel von neuem die Hand hinzuhalten. „Nicht müde werden /sondern dem Wunder / leise / wie einem Vogel / die Hand hinhalten.“

Amen.

Köln 29.12.2019
Harald Klein

[1] Vgl. für das Folgende http://www.doingfamily.ch/familie-im-wandel [28.12.2019]

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