„Flut, Löwengrube und Feuerofen“ – Den eigenen Kreuzweg betrachten

Der eigene Kreuzweg in biblischen Bildern

Der Frühling ist in seiner vollen Pracht angekommen. In diesem Jahr ist der Karfreitag einer der wärmsten und der schönsten Frühjahrtage. Um ein anderes Gedicht von Hilde Domin zu Wort kommen zu lassen: „Es knospt / unter den Blättern / das nennen sie Herbst.“ Ein Tag, eine Zeit voller Widersprüche – wie kann man in „frommer Betroffenheit“ an einem solch schönen Tag das „Ecce lignum crucis“ singen oder hören, wie die Passion Christi mitverfolgen, wie das Kreuz verehren, wenn der Himmel lacht?

Eine Möglichkeit könnte sein, den Kreuzweg und mit ihm den ganzen Karfreitag einmal umzudrehen. Nicht ich begleite Jesus auf seinem Kreuzweg – das kann ich in der Kreuzfeier um 15:00 h tun -, sondern ich bitte Jesus, einmal mit mir meinen Kreuzweg zu betrachten.

In Hilde Domins „Bitte“ bietet sie drei biblische Worte an: die Flut – gemeint ist die Sintflut in der Geschichte von Noah und der Arche (Gen 6,5-7,24), die Löwengrube – im Buch Daniel wird dort Daniel den Löwen zum Fraß ausgeliefert (Dan 61-29), und der feurige Ofen – in ihm sitzen die drei Jünger, ebenfalls im Buch Daniel, die dem König von Babylon nicht nach dem Mund redeten (Dan 3,1-30). Allen Bildern von Hilde Domin ist gemeinsam, dass es ums Leben geht, und dass es dennoch gut ausgeht.

Von daher die Einladung, einmal Ihren ganz persönlichen Kreuzweg in das Gebet, in die Betrachtung zu nehmen. Ob es dazu ein solches biblisches Bild braucht, oder ob Sie den Stationen des Kreuzweges Jesu nachspüren, das sei Ihnen überlassen.

In der Flut, in der Löwengrube oder im Feuerofen stecken…

Schauen Sie sich in der Haltung des Gebetes, mit Christus an Ihrer Seite, Ihren Kreuzweg an. Eine Situation, eine Wegstrecke, vielleicht auch nur eine Begegnung oder eine Nachricht, die Ihr Leben maßgeblich geprägt, verändert haben – zum Schweren hin, mit bedrohlichem Charakter und schmerzhaften Nachgeschmack. Von den Wassern der Sintflut umgerissen, wie in der Löwengrube anderen wie zum Fraß ausgeliefert, in der bedrohlichen Hitze eines Feuerofens sich befindend. In dieser Situation sind Sie Christus auf seinem Leidensweg ganz nahe. Und vielleicht helfen die Stationen des Kreuzweges Christi, Ihren Kreuzweg neu zu sehen, anzunehmen, gehen zu können.

Da ist einmal das Schwere. Christus wird seiner Kleider beraubt, mit Dornen gekrönt, er wird zum Spott der anderen. Im eigenen Kreuzweg gibt es die Erfahrung des Nacktseins, des Entblößt-Werdens. Die eigene Blöße wird nicht nur offenbar, sie wird auch zum öffentlichen Gegenstand, wird gezeigt, verhöhnt und verspottet. Das kommt zu dem, was nun zu tragen ist, noch dazu. Kein Wunder, dass Christus krumm geht, und kein Wunder, dass die gekrümmt gehen, denen solches geschieht.

Aber daneben gibt es die, die dieses Spiel nicht mitspielen. Kennen Sie eine Veronica, die Ihnen den Schweiß von der Stirn wischt, oder einen Simon, der Ihnen hilft, das Kreuz zu tragen? Oder die, die Sie beweinen, denen Sie aber trotz und auf Ihrem Kreuzweg noch Mut zusprechen können? Nennen Sie sie beim Namen, lassen Sie Christus, der mit Ihnen auf Ihren Kreuzweg schaut, lassen Sie ihn die Namen wissen. Diese Menschen sind wirkliche Geschenke für Ihr Leben. Sie helfen nicht nur, die Last des Kreuzes zu tragen, Sie sehen Sie auch in Ihrer eigentlichen Person, nicht in dem, was zum Gespött der Menschen geworden ist.

»...und dass wir aus der Flut, dass wir aus der Löwengrube und dem feurigen Ofen immer versehrter und immer heiler stets von neuem zu uns selbst entlassen werden.«
aus: Hilde Domin, Bitte

„Der Wunsch, verschont zu bleiben, taugt nicht“

Es macht den Kreuzweg Jesu und auch Ihren persönlichen Kreuzweg aus, dass Hilde Domin ihn bis zum Ende denkt. „Der Wunsch, verschont zu bleiben, taugt nicht.“ Trotz des Simon von Cyrene, trotz der Veronica steht an Jesu Kreuzweg am Ende das Kreuz. Am Ende steht der Tod, das Sterben, das sich überlassen und das sich weggeben. Vielleicht kennen Sie das aus Ihrem persönlichen Kreuzweg. Es macht den Kreuzweg leichter (nicht: leicht!), dass Ihr „Simon“ und Ihre „Veronica“ ihn mitgehen, es macht es leichter (nicht: leicht!), dass Ihre „Maria“ und Ihr „Johannes“ unter dem Kreuz ausharren und das, was sterben will und sterben muss, begleiten. Das Beste, was Ihnen am Ende des Kreuzweges im Moment des sich Überlassens passieren kann, ist, dass Sie von der Hoffnung der anderen nehmen können und dass Sie gewiss sein dürfen, dass das, was von Ihnen nach dem Kreuzesereignis übrigbleibt, liebevoll von diesen Menschen übernommen wird.

Karfreitag im Frühling

Für mich ist es in diesem Jahr ein besonderer Karfreitag. Vom Leiden und vom Kreuz zu reden an schönsten Frühlingstag, den das Jahr bisher zu bieten hatte. Die Kunst in der Betrachtung des eigenen Kreuzweges ist es wohl, das Kreuz zu akzeptieren anzunehmen und auf sich zu nehmen – alles andere „taugt nicht“, so Hilde Domin. Und gleichzeitig im Tragen des Kreuzes zu sehen, wer noch da ist, was noch aufblüht und Frucht trägt – und davon die Kraft bekommen, durchzustehen, was nicht verändert werden kann. Normalerweise singen wir: „Im Kreuz ist Heil, im Kreuz ist Hoffnung, im Kreuz ist Leben.“ In diesem Jahr klingt es für mich besser, zu beten: „Neben dem Kreuz ist Heil, neben dem Kreuz ist Hoffnung, neben dem Kreuz ist Leben.“ Viel Mut Ihnen auf Ihrem Kreuzweg, lassen Sie Christus mit draufschauen, und nehmen Sie dankbaren Herzens wahr, wer Ihren Kreuzweg mitgeht.

Amen.

Kiedrich/Rheingau, 19.04.2019
Harald Klein

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