„Freude und Hoffnung, Trauer und Angst…“ (GS 1)

Zeichen der Verbundenheit setzen

Die ersten Worte der Pastoralkonstitution aus dem II. Vatikanischen Konzil sind Ihnen sicher vertraut, oft wurden und werden sie zitiert. An Aktualität haben sie nichts verloren, und es ist nur gut, an diese Worte in allem kirchlichen Tun, in aller Seelsorge und im Gesamt des geistlichen Lebens immer wieder an sie zu erinnern. Die ersten beiden Sätze der Konstitution gehen weiter: „Ist doch ihre eigene Gemeinschaft (also die Gemeinschaft der Jünger, der Glaubenden, H.K.) aus Menschen gebildet, die, in Christus geeint, vom Heiligen Geist auf ihrer Pilgerschaft zum Reich des Vaters geleitet werden und eine Heilsbotschaft empfangen haben, die allen auszurichten ist. Darum erfährt diese Gemeinschaft sich mit der Menschheit und ihrer Geschichte wirklich engstens verbunden.“ (GS 1)

Es sind sicher die vielen Zeichen dieser Verbundenheit mit der ganzen Menschheit, die das Pontifikat von Papst Franziskus so leuchten lassen, und es ist sicher sein zutiefst menschliches Wesen, das Papst Franzskus als eine wahre Lichtgestalt der gegenwärtigen Kirche erscheinen lässt. Ihm nimmt „man“ es ab, dass Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschheit in seinem Herzen einen Widerhall findet. Er lässt Freude und Hoffnung, Trauer und Angst des einzelnen Menschen, verschiedenster Gruppen und Gruppierungen und ganzer Völker und Kulturen nah an sich heran und nimmt sich ihrer an. Das kann in der persönlichen Begegnung geschehen, in Predigen und Ansprachen, sei es am Petersplatz oder vor der UNO, in seinen Schreiben und Enzykliken.

Zwei von ihm geprägte Begriffe können das Thema „Dimensionen des Christseins: Nähe“ in zwei Gruppenabenden aufgreifen und „praktisch umsetzen“: zum einen soll die Rede sein von der „Globalisierung der Gleichgültigkeit“, zum anderen aber von der „Globalisierung der Barmherzigkeit“. Hier geht es zunächst um Wahrnehmungen. Ein dritter Abend kann sich dann mit Hilfe eines Textes des Kapuziners Anton Rotzetter mit einer Spiritualität der Nähe beschäftigen.

Die „Globalisierung der Gleichgültigkeit“

Papst Franziskus’ erste Reise führte ihn am 08. Juli 2013 auf die Insel Lampedusa, die zum Sinnbild des Elends der Geflohenen geworden ist. Es ginge ihm, so schreibt P. Andreas Batlogg SJ, um ein Zeichen der Solidarität, er sei gekommen, um zu weinen mitdenen, die auf der Insel gelandet seien, um all die über 10.000 Menschen, die es nie bis auf diese Insel der Geflohenen geschafft hätten, weil sie unterwegs umkamen. Und in einem im Oktober 2013 stattgefundenen „Bußgottesdienst“ beklagt er dann die „Globalisierung der Gleichgültigkeit“: sie habe uns Christen im Blick auf die unzähligen Namenlosen, die es nie bis Lampedusa geschafft hatten, die Fähigkeit zu weinen genommen, wir Christen hätten uns durch diese Globalisierung der Gleichgültigkeit weltweit an diese Situationen, Schicksale und Bilder gewöhnt.

Sie können sich zu Recht – persönlich und in der Gruppe – fragen, welche Macht diese Globalisierung der Gleichgültigkeit auf Sie hat Inwieweit erliegen Sie ihr, ohne es wahrzunehmen? Haben die Bilder und die Botschaften noch die Kraft, Ihnen nahe zu gehen? Und finden Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Geflohenen noch irgendeinen Widerhall in Ihrem Herzen? Nicht dass es hier um einen moralischen Zeigefinger ginge, nein, es geht um das Wahrnehmen dessen, was mitten in unserer Gesellschaft geschieht. Erst einmal nur um das Wahrnehmen!

Es kann einen ganzen Gruppenabend füllen, den Psalm 142 gemeinsam dreimal zu beten: zuerst als Ihr persönliches Gebet – Situationen vor Augen habend, in denen Sie selbst „mit lauter Stimme zum Herrn“ gerufen haben. Und sich dann der Hilfen erinnern, die Ihnen der Herr hat zukommen lassen, wie auch immer Sie Ihren Weg aus dieser Klage herausgefunden haben, oder wie es Ihnen gelungen ist, trotz und mit dem, worüber Sie klagen, weiter zu leben. Als Zweites in der Perspektive eines anderen Menschen in Not, vielleicht aus der Perspektive eines Geflohenen – um dabei die Schlingen am Weg, die fehlende Zuflucht, die Klage um mangelnde Beachtung an Sie herankommen zu lassen. Um die Klage über das Fehlen eines Menschen Ihnen nah zu spüren, der nach dem Leben fragt, nach dem „Namen“, wie man es auch übersetzen könnte. – Und als Drittes können Sie den Psalm so beten, als sei er an Sie selbst gerichtet: „Mit lauter Stimme schreie ich zu Dir…“. Wieder gilt: Tun Sie es nicht unter einem moralischen Zeigefinger, es geht um das Wahrnehmen dessen, was sich Ihnen betend zeigt. Erst einmal nur um das Wahrnehmen!

Die „Globalisierung der Barmherzigkeit“

Diesen Gegenbegriff zur „Globalisierung der Gleichgültigkeit“ prägte Papst Franziskus im seiner Botschaft zum Welttag der Migranten und Flüchtlinge am 03. September 2014. Genauer ist von der „Globalisierung der Nächstenliebe“ die Rede. Es mag genügen, mit diesem Text (den Link dazu finden Sie am Ende des Beitrags) einen zweiten Gruppenabend zu gestalten. Wieder können Sie mit den Worten des Papstes in dreifacher Weise betend umgehen und diese Worte Ihnen nahekommen lassen, und wieder geht es erst einmal nur um das Wahrnehmen!

Wieder zuerst die persönliche Sichtweise: wo, wie erleben Sie die „Kirche ohne Grenzen“ – und wo nicht? Was zeigt sich Ihnen? Kennen Sie – und die anderen in der Gruppe – die Erfahrung der gewagten Reise der Hoffnung mit dem Gepäck voller Sehnsüchte und Ängste, auf der Suche nach menschlicheren Lebensbedingungen? Was zeigt sich Ihnen wie in einem betenden Austausch? Als Zweites dann die Perspektive des anderen, der aufgebrochen ist und – das ist jetzt anders als beim ersten Abend – der Ihnen nahe ist. Wie war das, als Ihr Kind ins Studium oder vielleicht in ein Auslandsjahr aufbrach? Als Ihre Eltern ins Heim gingen oder vielleicht gehen mussten? Als gute Freunde und Freundinnen wegzogen? Was wünschten Sie Ihnen, was gaben Sie Ihnen mit, wie begleiteten Sie deren Aufbruch? – Und als Drittes: Lassen Sie den Text einmal nahe an sich heran und lesen Sie diesen kleinen Textauszug doch einmal so, als würde ein „Fremder“ Sie mit diesen Worten ansprechen, schreiben Sie ihn um: „Du gehörst doch zu einer Kirche ohne Grenzen. Du stehst doch ein dafür, dass diese Kirche die Mutter aller ist, die eine Kultur der Aufnahme und der Solidarität lebt…“. Oder: „In einer Zeit so umfangreicher Migration habe ich…“ Und immer geht es nicht um den moralischen Zeigefinger, sondern um das Wahrnehmen dessen, was sich Ihnen zeigt. Erst einmal nur um das Wahrnehmen!

Freude und Hoffnung, Trauer und Angst nicht nur der Menschen, sondern der Schöpfung…

Der dritte Abend kann von der Wahrnehmung ins Handeln gehen. Wieder ist es Papst Franziskus, der einen Impuls dafür setzt. In seiner Enzyklika „Laudato Si`“ vom Mai 2015 weitet er Freude und Hoffnung, Trauer und Angst aus und deutet diese Worte nicht nur auf das eine oder andere in der Schöpfung, spondern auf das Gesamt der Schöpfung selbst. Der Kapuzinerpater Anton Rotzetter verfasste im Anschluss an die Enzyklika des Papstes Schritte für eine Schöpfungstheologie 2015 als Weg, auf das „Evangelium der Schöpfung“ (Laudato Si`, Art. 62ff) zu hören und es im Tun zu verkünden. Er schrieb 10 „Postulate der Schöpfungstheologie“, die so etwas wie ethische Leitsätze darstellen, der Schöpfung – und darin auch der Freude und Hoffnung, Trauer und Angst derer, die Sie nahe an sich herankommen lassen – zu begegnen.

Ein dritter Abend kann sich auf der Grundlage dessen, was Sie an den beiden anderen Abenden festgehalten haben, auch ausschließlich mit diesen Postulaten beschäftigen. Ich bin sicher, dass diese Postulate mit Blick auf Ihre Lebenswelt und auf die Menschen darin Impulse geben können, die zu einem nächsten Schritt führen. Sie können den Blick weiten auf Menschen, die Sie bisher noch nicht wahrgenommen haben. Sie können das Gesamt der Schöpfung um sie herum Ihnen nahe werden lassen. Und ich bin sicher, dass Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen und der ganzen Schöpfung dann neu und anders Widerhall finden in Ihren Herzen. Viel Freude und Wage-Mut beim Entdecken!

Harald Klein, Köln

Quellen:

Hier finden Sie die Zitate von P. Andreas Batlogg SJ aus seinem Aufsatz in den „Stimmen der Zeit“.

Hier finden Sie die Botschaft von Papst Franziskus zum Tag der Migranten und Flüchtlinge 2015.

Hier finden Sie den Text von Anton Rotzetter über das Martyrium der Schöpfung.

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