05. Fastensonntag – Den inneren Goldklumpen freilegen – Jesus in mir sehen

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Die Bitte der Griechen und die Reaktion der Jünger

Jerusalem ist der Ort des Sonntagsevangeliums, der Einzug Jesu und das „Hosanna dem Sohne Davids“ sind schon erzählt. Jesus ist prominent in Jerusalem, das mag erklären, warum einige Griechen, Menschen anderen Glaubens, die sich in Jerusalem aufhalten, zu Jesu Jünger treten mit der Bitte: „Herr, wir möchten Jesus sehen.“

Das Motiv des Wunsches sei dahingestellt, ich vermute, es geht eher um ein touristisches Erlebnis als um eine religiös-spirituelle Sehnsucht, auch wenn man das gerne in diese Stelle hineinliest. Jesus hat für die Griechen wohl eher die Bedeutung eines Superstars als eines religiösen, frommen und spirituellen Sinngebers, aber man weiß ja nie. Ihn anschauen, ihm begegnen kann nichts schaden.

Das erklärt mir auch die Reaktion der Jünger, die von Ratlosigkeit zeugt. Philippus, der von den Griechen angesprochen wird, geht zu Andreas, dann gehen beide, Philippus und Andreas, zu Jesus und richten ihm den Wunsch der Griechen aus. Die Reaktion Jesu: Da ist kein Willkommen, noch nicht einmal eine Einladung oder eine Hinwendung zu den Griechen; es folgt lediglich eine lange Rede Jesu, die seine letzte öffentliche Rede im Johannesevangelium ist. Ehrlich gesagt, tun mir die Griechen leid. Jesus und seine Jünger lassen sie schlicht im Regen stehen.

Angenommen, es käme jemand zu Ihnen mit dieser Bitte…

Angenommen, es käme jemand zu Ihnen mit dieser Bitte der Griechen: „Du, ich möchte Jesus sehen.“ Dieser Fragende weiß, dass Sie mit Jesus in Kontakt sind, vielleicht sogar auf Du und Du, richtig eng. Zumindest tragen Sie Jesu Beinamen als Religionszugehörigkeit, Sie sind Christin, Sie sind Christ. Was jetzt?

Das Muster im Evangelium ist: Sie gehen erst einmal zu einem anderen und fragen um Rat, geben die Bitte weiter. Wo würden Sie hingehen können? Wer steht für Sie dafür ein, einem Fremden Jesus zeigen zu können? Wem trauen Sie es zu? Und mit wem könnten Sie dieses Projekt gemeinsam angehen? Haben Sie da jemanden? Darf ich Ihnen drei „Menschen vom Fach“ beschreiben, die eine Antwort geben könnten und die den Fragenden auf ihre eigene Weise Jesus zeigen könnten?

» Es gibt viele interessante Beispiele dafür, dass wir die Wirklichkeit nur so weit erkennen können, wie sie uns vorstellbar ist. Was außerhalb unserer Vorstellungsrahmens stattfindet, können wir nicht sehen und nicht als wahr erkennen.«
Mannschatz, Marie (2019): Vollkommen unvollkommen. Zehn Qualitäten, die das Beste in uns zum Vorschein bringen, München, 146.

Die Antwort des „Religiösen“: Schrift und Lehre

Da wird es zum einen Menschen geben, die dem Fragenden die Evangelien wie ein Bilderbuch anpreisen werden. „Willst Du Jesus sehen, schau in die Evangelien.“ Die Bilderwelt Israels zeigt Jesus, und Jesu Gleichnisse zeigt sein Denken und Lehren in einfachen Bildern. Da kannst Du Jesus sehen. Und in den Punkten, die einmal strittig waren, haben wir die Lehre, die Dogmatik. Nicht, dass Du denkst, Jesus sei dem himmlischen Vater nur wesensähnlich, nein, er ist ihm wesensgleich. Und nicht, dass Du die Jungfrauschaft Mariens vergisst! Die Lehre schärft Dir den Blick, damit Du Jesus auch richtig und authentisch siehst. – Schauen Sie sich einmal um im Kreis derer, die für Sie Kirche sind, ob Sie da solche Ansprechpartner kennen – und ob Sie sie fragen möchten.

» Die Engstirnigen müssen erst einmal lernen, dass es möglich ist, im eigenen Geist Raum zu schaffen, Raum für das Undenkbare, für das Miteinander von Gegensätzen, für Zwischentöne und den Blick über den eigenen Tellerrand. Und wie wohltuend ist es, wenn man Jahre später feststellen kann, dass sich ein verbohrter Geist wirklich zu ändern vermag.«
Mannschatz, Marie (2019): Vollkommen unvollkommen. Zehn Qualitäten, die das Beste in uns zum Vorschein bringen, München, 156.

Die Antwort des „Frommen“: Gottesdienst und Riten

Da wird es zum zweiten Menschen geben, die den Fragenden einladen, mit zur Messe, zu Gebetszeiten und anderen rituellen Zusammenkünften zu kommen. Jesus ist gegenwärtig in Brot und Wein, werden sie sagen, und in seinem Geist, mit ihm, beten wir zu dem einen himmlischen Vater. Das gemeinsame Singen, das laute und das leise Gebet in der Kirche, sie machen Jesus gegenwärtig und lassen seine Gegenwart wirksam spürbar werden. Beten, Singen, Segnen ist eine Weise, Jesus gegenwärtig zu erleben. – Auch hier: Schauen Sie sich einmal um im Kreis derer, die für Sie Kirche sind, ob Sie da solche Ansprechpartner kennen – und ob Sie sie fragen möchten.

» Veränderung beginnt immer zuerst mit der Bereitschaft, althergebrachte Überzeugungen zu lockern und Neues zu denken.«
Mannschatz, Marie (2019): Vollkommen unvollkommen. Zehn Qualitäten, die das Beste in uns zum Vorschein bringen, München, 156.

Die Antwort des „Spirituellen“: Jesus in Dir

Da wird es zum dritten Menschen geben, die den Fragenden bitten, die Augen nach innen zu richten. Neben den Werken der Kirche – es gibt mehr gute Werke als man momentan glaubt – und neben dem Auftreten und Wirken all derer, die Jesu Namen für sich beanspruchen, gibt es den Jesus in Dir. Er widerspricht nicht der Lehre, er übersteigt sie aber. Er mag die Formen der Frömmigkeit anerkennen, geht aber auch weit über sie hinaus. Er lebt in Dir als geistige Größe, die Deinem Leben Form und Ausrichtung geben will. Das, was er Dir in der Stille Deiner inneren Meditation zeigt, wird wohl wirklicher und wichtiger sein als alles, was Dir äußere Lehren und Lehrer sagen und vorhalten wollen. Dieser Jesus in Dir kann Raum schaffen für das Undenkbare. Ihm lohnt es zu folgen, nachzufolgen. Nimm Schrift und Lehre, nimm Gottesdient und Riten als Anknüpfungspunkt, und dann trau dem lebendigen Wirken Jesu in Dir. – Und ein drittes Mal: Schauen Sie sich einmal um im Kreis derer, die für Sie Kirche sind, ob Sie da solche Ansprechpartner kennen – und ob Sie sie fragen möchten.

Die Antwort der hl. Teresa

Es gibt sicher kein Nacheinander, sondern eine Gleichzeitigkeit dieser drei Wege, Jesus zu sehen. Niemals standen diese drei Wege gleichwertig nebeneinander, der Zeitgeist hat mal den einen, mal den andern Weg favorisiert. Die gegenwärtige Entwicklung zeigt, dass gegenwärtig vor allem der dritte, der spirituell-mystische Weg gesucht wird, um Jesus zu sehen, neben und mit anderen „Größen“, die einen Weg zum gelingenden Leben verheißen. Zum Abschluss möchte ich Ihnen die Antwort der hl. Teresa von Avila (1515-1582) mitgeben, die sie einer oder einem mit auf den Weg gab, der Jesus sehen wollte, der Jesus suchte:

„Suche dich, Seele, nur in Mir,
Mich aber suche tief in dir.

Seele, derart hat Liebesgewalten
dich Meiner Seele eingeprägt –
kein Maler, kundig im Gestalten,
könnte so meisterlich entfalten
das Bild, das deine Züge trägt.

Durch Liebe kamst du in die Welt,
liebreizend, schön, so schön und zier
in Meinem Innern dargestellt!
Wenn dir dein wahres Ich entfällt,
dann such, Geliebte, dich in Mir.

Und wüsstest du einmal nicht mehr,
wie du hinfinden kannst zu Mir –
taste nicht blindlings hin und her:
Bin ich in Wahrheit dein Begehr,
Seele, dann suche Mich in dir.

Bist du doch, Seele, Ruhgemach
und Heim für mich – du meine Rast!
So ruf ich immer, ruf dich wach,
wenn du einmal erinnerungsschwach
die Pforte mir verschlossen hast.

In dir – woanders such mich nicht!
Willst du Mich finden, bang nach Mir,
nichts brauchst du als ein Rufen schlicht;
und eilends komm ich zu dir, licht.
Such innig, Seele, mich in dir.“[1]

 

Sie wollen Jesus sehen?
Dann los.

Amen.

Köln 20.03.2021
Harald Klein

[1] Aus: Teresa von Avila (4. Aufl. 1985): Wege zum Gebet. Eine Textauswahl, hrsg. von Irene Behn, Reihe „Klassiker der Meditation“, Einsiedeln/Köln, 172.