Gebrochenes Brot und gebrochenes Leben

In Gebrochenheit gehen…

Es sei zu Beginn Ihrer Fantasie überlassen, sich einmal auszumalen, was die kanaanäische Frau im Evangelium nicht alles versucht haben mag, bis sie den Weg zu Jesus, dem ihr Fremden, gesucht hat. Sie lebt in einer gebrochenen Situation, ihr Leben ist zerbrochen. Die Nachbarn zeigen mit den Fingern auf sie, deren Tochter von einem Dämon besessen ist. Oder sie bemitleiden sie, im Herzen froh, dass es diese Frau und nicht sie selbst ereilt hat, sogar, wenn sie sich für diese Art der Herzensfreude schämen. Oder sie stehen ihr tatkräftig bei, um sie in ihrem Elend nicht allein zu lassen, dankbar, dass sie dann doch wieder nach Hause gehen können, wo doch alles in Ordnung zu sein scheint.

Erfahrungen gebrochenen Lebens

Was für die kanaanäische Frau gilt, das gilt für alle Situationen des gebrochenen Lebens. Für Beziehungen und Ehen, die auseinandergehen; für die Situation der Arbeitslosigkeit, die einen Menschen, verschuldet oder unverschuldet, treffen kann; für das Aushalten von Krankheiten, die einem Menschen die Kraft und den Willen zum Weitergehen auf dem bisherigen Weg unmöglich machen, oder für andere Situationen der Gebrochenheit, die Sie vielleicht kennen und die jetzt da sind: manche zeigen mit dem Finger auf diesen Menschen, manche bemitleiden sie, manche helfen tatkräftig – erschrocken vielleicht, auch oft ohne Verständnis, immer in gewisser Weise froh, dass es einen anderen getroffen hat.

Im Evangelium zeigt Jesus erst mal mit dem Finger auf die kanaanäische Frau: „Es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den Hunden vorzuwerfen!“ Aber die Frau stimmt ihn um! „Ja, du hast Recht, Herr! Aber selbst die Hunde bekommen von den Brotresten, die vom Tisch des Herrn fallen.“ Und darauf Jesus: „Frau, Dein Glaube ist groß. Was du willst, soll geschehen.“ – Und von dieser Stunde an war ihre Tochter geheilt.

Gebrochenheit(en) bejahen

Was im Evangelium – und im Leben – zu einem heilsamen Umgang mit Gebrochenheit hilft, was die Situation wendet, ist das „Ja, du hast Recht!“ Der erste Schritt auf einem Heilungsweg ist das eigene Anerkennen der Situation des Gebrochenseins, das eigene und persönliche Eingeständnis. Und dann das Eingeständnis vor denen, mit denen ich eng zusammenlebe. Das sind die Gespräche, in denen das Leben zwar dunkel, aber deutlich spürbar ist. Bei Personen des öffentlichen Lebens geschieht das über ein „Proklamandum“. Es wird gelesen, gezeigt, wie das gebrochene Brot in der Eucharistiefeier gezeigt wird, dass von der Gebrochenheit Jesu Zeugnis gibt.

Jesus die Hand hinhalten

Und jetzt könnten all die beschriebenen Situationen einsetzen: der Finger, der auf den Gebrochenen zeigt, das Mitleid, die tatkräftige Hilfe. In der Eucharistiefeier geschieht etwas Anderes. Das gebrochene Brot, das Zeichen des gebrochenen Lebens, wird geteilt. Die Gläubigen treten hinzu nehmen es auf, machen es zu einem Teil ihrer selbst – und lassen alle glorifizierenden Bilder von Jesus hinter sich, relativieren sie, ordnen sie ein. Die Gebrochenheit hat einen Platz im Leben Jesu. Das gebrochene Brot, die Gebrochenheit Jesu, hat Platz im Gesamt dessen, was ich von Jesus verstehe. So wie die Gebrochenheit der kanaanäischen Frau Platz hat im Leben und in der Sendung Jesu.

Das ist der zweite Schritt auf einem Heilungsweg eines Menschen in seinen Brüchen. Dass Menschen in diesem Geist Jesu, in seiner Sendung zu diesem Menschen hinzutreten, mögen sie auch der Versuchung erliegen, erst mit dem auf ihn Finger zeigen, ihn zu bemitleiden oder ihm tatkräftig helfen zu wollen. Allemal aber so, dass spätestens danach, im Hinzutreten, das Bild von ihm zwar andere Farben bekommt, aber vollständiger, ehrlicher wir. So wie in der Eucharistie im gebrochenen Brot auch das gebrochene Leben Jesu andere Farben bekommt, aber vollständiger, ehrlicher wird – und Aufnahme findet in eigenen Leben.

Mit diesem Evangelium, und mit dem Proklamandum, das wir gehört haben, betet es sich heute in der Eucharistie sehr lebensnah: „Seht, im gebrochenen Brot – gebrochenes Leben, im geteilten Brot – geteiltes Leben: Christus, das Lamm Gottes, es nimmt hinweg die Sünde der Welt.“ – Und unser Antwortgebet bekommt einen ganz eigentümlichen Klang: „Herr, ich bin nicht würdig, dass du, der Gerochene, eingehst unter mein Dach, aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund!“

Lassen Sie uns heute beten, für uns selbst in unseren Gebrochenheiten, und für alle die, die uns heute in ihren Gebrochenheiten besonders am Herzen sind.

Amen.

Harald Klein, Köln

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ich akzeptiere