Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist – nicht: man könnte ja geben!

Der Unterschied zwischen Imperativ – Indikativ – Konjunktiv

Wissen Sie, was passiert, wenn aus einem Indikativ (Befehlsform) ein Indikativ (Erzählform) oder – noch schlimmer: ein Konjunktiv (Möglichkeitsform) wird? Da gibt es das absolute Alkoholverbot, die „Null-Promille-Grenze“ für die jungen Autofahrer unter 21 Jahren. (Imperativ!). Ab 0,3 Promille ist dem Gesetz nach die „relative Fahruntüchtigkeit“ (Indikativ). erreicht. „Aber vielleicht könnte ich ja heute Abend doch noch …!?“ (Konjunktiv!). Das kann teuer werden und Punkte hageln, wenn ich aus dem Imperativ über den Umweg des Indikativs einen Konjunktiv mache.

Jesus kennt keinen Konjunktiv

Wenn Sie Jesus sprechen hören, werden ihnen kaum Konjunktive einfallen, mir zumindest nicht. Ein „Du könntest Deine Matte nehmen und gehen“ ist mir unbekannt, auch ein „Du könntest heute noch mit mir im Paradies sein!“ kenne ich nicht. Ich wage zu behaupten, dass der Konkunktiv in Jesu Verkündigung nicht vorkommt.

Den Indikativ, die Erzählform nimmt Jesus, wenn er vom Himmelreich „erzählt“: „Mit dem Himmelreich ist es wie …- Sie könnten wenigstens die vier (oder fünf)„S“ einfügen: Sämann – Senfkorn – Sauerteig – selbstwachsende Saat.

Aber wirklich mächtig ist Jesus als Sohn Gottes in seinen Imperativen: „Effata! – Öffne dich!“, oder: „Komm, folge mir nach!“, oder „‘“Nehm und esst!“ Ein erstes Zwischenergebnis: Der Konjunktiv ist der Feind des geistlichen Lebens. Mit Konjunktiven ist kein Staat, erst Recht kein Reich Gottes zu machen.

Da gibt es nun aber ein Wort Jesu, das in der „Befehlsform“ gesagt ist, und das so gar nichts mit dem Reich Gottes zu tun hat: „Gebt dem Kaiser…!“Die Pharisäer stellen ihm eine Falle. Befürwortet er die Steuer an den Kaiser, dann akzeptiert er die Herrschaft Roms – ein beweis, dass er nicht mehr auf die wirkliche Herrschaft des Messias wartet, des einzig legitimen Herrschers, den die Schriftgelehrten und die Pharisäer erwarten. Leugnet er die Steuer, so ist jedem der Zuhörenden klar: „Dieser ist des Kaisers Freund nicht!“ – wie J.S. Bach es in seinen Passionen vertont.

Jesus tappt nicht in die Falle hinein. Ihn empört die Fangfrage. Und in seiner Empörung zeigt er keine (konjunktive) Möglichkeit auf, was zu tun wäre, er erzählt auch kein (indikativisches) Gleichnis, nein, er befiehlt (imperativisch): „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist…“ und setzt dagegen: „…und gebt Gott, was Gottes ist!“ – Und jetzt nochmal die Frage von oben an uns Heutige: Was passiert und Heutigen, wenn aus diesem Imperativ Jesu ein erzählender Indikativ oder – noch schlimmer – ein Konjunktiv wird?

Der gute Geist will Fleisch werden

Es ist meinem Christsein, es ist mir als getauftem und gefirmtem Christen geschuldet, dass mir die Welt, wie sie ist, nicht gleichgültig sein kann. Dafür muss ich gar nicht den Schöpfungsglauben bemühen. Es gehört zum Wesen des guten Geistes, sagt Ignatius, dass er „Fleisch werden“, „inkarnieren“ will. Es ist eine Art und Weise, mein Christsein zu leben, wenn ich mich in die Welt einmische. Nicht um zu erzählen, nicht um Möglichkeiten abzuwägen, sondern um sie zu gestalten. Woraufhin gestalten? Auf die Bilder, die Jesus uns in seinen Gleichnissen vom Reich Gottes erzählt. Gerade vor der Streitfrage um die Steuern (Mt 22,15-22) steht noch das Gleichnis vom königlichen Hochzeitsmahl, von den Gästen, die von den Zäunen und Hecken, von den Straßen geholt werden, weil die eigentlich „Geladenen“ doch alle irgendwie verhindert sind.

Das mögen Utopien sein, könnten Sie sagten, Erzählungen, die keinen Ort in dieser Welt haben. Stimmt, aber sie können mich in Bewegung setzen, motivieren, die Welt, in der ich lebe, in diese Richtung, auf diese Bilder hin zu gestalten.

Das Bild von der Münze

Es könnte ein Anstoß zum Gebet werden, wenn Jesus Ihnen und mir das auch einmal sagte: „Zeigt mir die Münzen, (vielleicht besser die Scheine), mit denen ihr eure Steuern bezahlt.“ Haben Sie sich unser Geld schon einmal angeschaut? Im Sinne eines „Er fragte sie: Wessen Bild und Aufschrift ist das?“ Zwei „Offenbarungen“ kommen mir in der Gebetszeit zu dieser Bibelstelle:

Zum einen: Auf den meisten Geldscheinen sind Tore und Brücken aufgedruckt, fiktive, keine realen. Und häufig auch der Umriss von Europa. – Die Finanzpolitik Europas hat uns Tore und Türen füreinander geöffnet, um über den Tellerrand und die Landesgrenzen hinaus zu schauen. Der Blick steht mir offen – zur Arbeitslosigkeit von mehr als 50 % der Jugendlichen in Spanien, zur wirtschaftlichen und damit verbundenen kulturuellen Armut im Südosten und Südwesten Europas, aber auch zu gelungenen Modellen in der Frage der Energiewirtschaft etwa an den Nordseeküsten. Schaue ich hin, durch die offenen Tore und Türen? Nutze ich die fiktiven Brücken zu den anderen Ländern? Lerne ich „europäisch“ zu denken und zu empfinden, und mehr noch: weltbürgerlich? Die Grenzen unserer Welt sind nicht vom Bodensee, dem Bayrischen Wald, Aachen und Flensburg eingezäunt! Oder, um Luther abzuwandeln: „Hier stehe ich, etwa in Köln, und könnte doch auch anders! Könnte doch auch weiter – zumindest denken!

Unterscheiden, nicht trennen!

Zum anderen: Jesus ruft in seiner gleichermaßen klugen und harten Antwort auf die Fangfrage der Pharisäer, der Schriftgelehrten und der Leute des Herodes seine Gegner in eine Unterscheidung: was ist „des Kaisers“, was ist „Gottes“? Unterscheidung meint aber nicht notwendig auch Trennung! Für die Menschen damals wie für uns heute gilt: Mit dem, was „des Kaisers“ ist, kann ich auch für das eintreten, „was Gottes“ ist! Das ist unsere einfachste Weise, uns einzumischen: in und mit dem, was wir mit unserem „Vermögen“ an Geld, an Zeit, an Beziehungen, an Entscheidungen bewusst und entschieden machen. In der Weise, wie wir all das „einsetzen“, setzen wir uns der Bewertung und der Anfrage Jesu „aus“, mischen wir uns ein und mischen wir mit in der Weise, wie unsere Welt – zugegeben: oft nur im Kleinen! – gestaltet wird.

Möge es uns nicht gehen wie den Pharisäern, den Schriftgelehrten und den Leuten des Herodes. Von denen berichtet Matthäus: „Als sie das hörten, waren sie sehr überrascht, wandten sich um und gingen weg.“ (Mt 22,22)

 Harald Klein, Köln

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