Gründonnerstag – „Unsere irdischen Sterne / Brot…“

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Anm.: Der Predigt liegt die „Einführung zu den Predigten in der Heiligen Woche“ zugrunde, in der das immer wieder zitierte Gedicht „Unsere Sterne“ von Rose Ausländer vorgestellt und eingeleitet wird.

Das ist heute!

Wir beide Autoren gehen einmal davon aus, dass die wenigsten von denen, die diese Predigt lesen, an der „Messe vom Letzten Abendmahl“ teilgenommen haben – zu unsicher ist die Frage der Teilnahme wie auch die Frage der würdigen Gestaltung der gottesdienstlichen Feiern in Zeiten der Pandemie.

Und sollen wir Ihnen was sagen: Sie sind in guter Gesellschaft. Jesus selbst hat diese Messe vom Letzten Abendmahl nie gefeiert. Er hat mit einigen Jüngern sein Mahl ein letztes Mal, als letztes Mahl, gefeiert. Dessen können Sie auf vielerlei Weise auch neben der Messe vom Letzen Abendmahl gedenken, heute, morgen, letztlich Tag für Tag.

Die Religion, genauer, die Liturgie, also diejenigen, die (in aller Regel begründet) bestimmen, wie in den Gottesdiensten was zu feiern und was zu beachten ist, haben bei der Messe vom Letzen Abendmahl zwei besondere Kniffe vorgesehen: Zum einen die Fußwaschung, die in diesem Jahr wie auch im vergangenen wegen der körperlichen Nähe ausfallen muss. Zum anderen drei kleine Worte. Im eucharistischen Hochgebet beginnen die sogenannten „Einsetzungsworte“ – bezogen auf die Einsetzung, die Begründung der Eucharistiefeier – mit den Worten „Denn am Abend …“. Versuchen Sie es mal, Sie werden sie vom Hören her beinahe auswendig können, stimmt’s?

In der Messe vom Letzen Abendmahl heißt es: „Denn am Abend, als er verraten wurde und sich aus freiem Willen dem Leiden unterwarf – das ist heute-, nahm er das Brot und sagte Dank, brach es, reichte es seinen Jüngern und sprach: Nehmet und esset alle davon, das ist mein Leib, der für Euch hingegeben wird.“ Oder in einem anderen Hochgebet: „Denn in der Nacht, da er verraten wurde – das ist heute -, nahm er das Brot und sagte Dank, reichte es seinen Jüngern und sprach: Nehmet und esset alle davon, das ist mein Leib, der für Euch hingegeben wird.“

» Du hast uns heute Nacht
in dieses 'Café Claire de Lune' geführt.
Du wolltest dort du selbst sein,
für ein paar Stunden der Nacht.
Durch unsere armselige Erscheinung,
durch unsere kurzsichtigen Augen,
durch unsere liebeleeren Herzen
wolltest du all diesen Leuten begegnen,
die gekommen sind, die Zeit totzuschlagen.«
aus: Madeleine Delbrêl: Die Liturgie der Außenseiter, in: dies.: Gott einen Ort sichern, hg. von Annette Schlenker, Kevelaer 2007, 134ff.

Ein Zeichen für das, was immer Geltung hat

Eines ist klar: Wenn wir das Kirchenjahr feiern und dem Leben Jesu an verschiedenen Tagen gedenken, dann stimmt es zu sagen: Heute ist der Gedenktag des Letzten Abendmahles, und deswegen stimmt das „und das ist heute“ zeitlich. Dann ist es eingeordnet in etwas Übergreifenderes, in einen – etwas bösartig gesagt – liturgisch abzufeierndes und wiederkehrendes Konstrukt. Und dann gehört es ausschließlich in diese Messe.

Aber: Wenn Sie von der Gegenwart Christi und seiner Ihnen zugewandten Liebe ausgehen, dann gilt dieses „und das ist heute“ eben nicht nur heute, es galt gestern und wird morgen wieder gelten. Dasselbe gilt vice versa auch für die Fußwaschung. Natürlich „gehört“ liturgisch die Fußwaschung an den Gründonnerstag und in die Messe vom Letzten Abendmahl, und das ist heute – aber als innere Haltung und äußeres Geschehen durfte sie auch gestern nicht fehlen und wird für morgen erhofft. Da wird die Liturgie der Heiligen Messe nicht mitmachen, aber in der „Liturgie der Außenseiter“, wie Madeleine Delbrêl sie entwirft, da ist es so.

Die Religion, hier genauer: die Liturgie, also diejenigen, die (in aller Regel begründet) bestimmen, wie in den Gottesdiensten was zu feiern und was zu beachten ist, gibt in den Gottesdiensten den Ton an. Die Frömmigkeit regelt die Riten in den Gottesdiensten, gewöhnlich ist „heute“ z.B. Zeit und Raum für Kelchkommunion neben der Brotkommunion. Die Spiritualität, die nach dem Geist dahinter fragt, macht das beides im Alltag! Wenn Sie die Messe vom Letzen Abendmahl nicht haben mitfeiern können – feiern Sie im Geist dieses Mahles zu Hause, mit Familie, mit Gefährtinnen und Gefährten, mit Freundinnen und Freunden. Leben Sie und feiern Sie im Geist der Fußwaschung und der Mahlfeier – vielleicht sind Sie so „näher dran“ als in einem Gottesdienst.

» Das Café ist nun kein profaner Ort mehr,
dieses Stückchen Erde,
das dir den Rücken zu kehren schien.
Wir wissen, dass wir durch dich
ein Scharnier aus Fleisch geworden sind,
ein Scharnier der Gnade,
die diesen Fleck Erde dazu bringt,
sich mitten in der Nacht,
fast wider Willen,
dem Vater allen Lebens zuzuwenden.
In uns vollzieht sich das Sakrament deiner Liebe. «
aus: Madeleine Delbrêl: Die Liturgie der Außenseiter, in: dies.: Gott einen Ort sichern, hg. von Annette Schlenker, Kevelaer 2007, 134ff.

„Namenlose erleuchtete Sterne“

Hier kommt Rose Ausländers Gedicht ins Spiel -. Zugegeben nach einem langen Anweg. „Unsere Sterne“ beginnt mit „Um den Atemmond / namenlose erleuchtete Sterne“. Wenn Sie die Predigt vom Palmsonntag kennen: Wäre das nicht ein Bild für einen Stadtgottesdienst – z.B. in Groß St. Martin in Köln zu stehen als einer neben anderen für mich „namenlosen erleuchteten Sternen“? Da denke ich schon gut vom Nachbarn – „erleuchteter Stern“, aber er bleibt „namenlos“. Oder im Dorf: Natürlich kennt man die Namen, aber kennt man den Menschen? In der Routine des Dorfes ist man verdächtig, wenn sich eine „Erleuchtung“ anbahnt.

„Gehen oder Bleiben“ war der Titel einer Studie zu den Gründen von Kirchenaustritten des Bistums Essen aus dem Jahr 2017. Entfremdung von Kirche, fehlende Bindung und eine als nicht mehr zeitgemäß wahrgenommene Haltung zu verschiedensten Fragen der Gesellschaft und des individuellen Lebens stehen da als wichtigste Austrittsgründe. Hier spiegelt sich der Anfang von Rose Ausländers Gedicht: „Um den Atemmond / namenlose erleuchtete Sterne“. Der Begriff des Atemmondes und der Hinweis auf die Namenlosigkeit lässt das Licht der Sterne kalt erscheinen, oder?

» Wenn einige die Welt verlassen müssen,
um sie zu finden,
so müssen andre in die Welt hineintauchen,
um sich emporzuschwingen
mit ihr
zum gleichen Himmel. «
aus: Madeleine Delbrêl: Die Liturgie der Außenseiter, in: dies.: Gott einen Ort sichern, hg. von Annette Schlenker, Kevelaer 2007, 134ff.

Unsere irdischen Sterne / Brot…

Wie anders ist es – und da kommt unser Gefährtenkreis oder vielleicht auch Ihre Familie ins Spiel -, wenn wir gemeinsam am Tisch sitzen? Das „namenlos“ ist hier überwunden. Im anderen das „erleuchtet“ ahnen, es benennen, ihn oder sie bestärken – und selbst bestärkt werden in dem, was andere in mir sehen: Das bekommt das Bild von den „Sternen“ eine Funktion, die mit Orientierung, Wegweisung, Führung zu tun hat. Allein schon in diesem Bestärken schimmert die Fußwaschung durch, mehr noch im Ahnen, dass da jemand ist, wenn ich ihn, wenn ich sie brauche – wie auch ich dann da sein werde. Man mag liturgisch die Fußwaschung in der Messe vom Letzen Abendmahl nachspielen, ihr Sitz im Leben sieht anders aus. Fußwaschung – das ist die Bereitschaft zum Dienen und die dankbare Freude daran, sich auch bedienen zu lassen. Zur Fußwaschung gehören immer Zwei! So wird ein Fest daraus.

Und neben dem Dienst – das Mahl! Wie dankbar sind wir beide Autoren für unsere irdischen Sterne, die uns Rose Ausländer an die Hand gibt. Der erste in ihrem Gedicht: Brot! Ich höre schon die Religiosen, die Liturgen und ihre vielen Hinweise auf das Korn, das in die Erde fällt und stirbt und so Frucht bringt; ich sehe die vielen Anweisungen, wie denn da eucharistische Brot zu verehren sei und was es denn nun mit der Transsubstantiation auf sich habe, derentwegen wir ja auch keine volle Abendmahlsgemeinschaft mit der evangelischen Kirche hinbekommen … – und verweise auf die Essener Studie.

„Unsere Sterne / Brot…“! Wir beide freuen uns über die Kerze am Tisch, das wirklich gute Körnerbrot, den Wein, den Käse, die Gespräche mit den anderen, nach vier Stunden Wandern noch mal mindestens die gleiche Zeit als Festzeit am Tisch. Hier wird der Hunger des Leibes und der Seele satt. Wir lernen und wissen voneinander, was uns nährt, woran wir wachsen, was uns Kraft gibt in diesem Kreis der Gefährten. Wir haben über einige Jahre hinweg eine Kultur des Zuhörens und Redens, eine große Offenheit und Vertrautheit, und wenn wir auch nie Verschwiegenheit gelobten, ist sie doch in uns zu Hause.

Haben Sie eine Ahnung, wie schön es ist und sein kann, dann sagen zu können: „und das ist heute!“ Für die, die es so deuten wollen, ist Christus da auch mit am Tisch, in dem, der mir gegenüber sitzt genauso wie in mir selbst. Das war gestern so, und das wird morgen auch so sein. Es sind nicht „namenlose erleuchtete Sterne“, die sich „um den Atemmond“ gruppieren. Das sind wir – das sind Sie und die Ihren. Und statt um den Atemmond sammeln wir uns um die Kerze am Tisch, die für den einen oder anderen eine „Christuskerze“ ist, sie brennt oder leuchtet so, dass ihr Licht auf uns und auf Sie und die Ihren fällt. Man kann Christus erkennen auf dem Gesicht des anderen, und wenn ich mit ihm Brot teile, dann sicher nicht, um ihn zu verraten.

„Unsere Sterne / Brot …“: Das Brot ist auch hier Sakrament, wirkmächtiges Zeichen der Gegenwart Jesu Christi, aber eingebettet in einen Lebenszusammenhang. Anders als in der Essener Studie hat sich eine Gruppe aus der Entfremdung gefunden, hat sich mit- und aneinander gebunden und tauscht sich aus über verschiedenste Frage, die Gesellschaft oder die individuelle Lebensführung betreffend. Das zuerst! Und dann, erst dann hat sich der Platz am Tisch entwickelt, haben wir, religiös gesprochen, das Brot miteinander gebrochen, haben den Kelch geteilt. Liturgie um ihrer selbst willen feiern mag dahin gehen, Liturgien entwickeln, um miteinander die Gegenwart Jesu zu feiern, um Brot zu sein und um Brot zu finden, um es sich schenken zu lassen – das bleibt.

Für die, die das so deuten wollen und können, ist das mehr und tiefer „Letztes Abendmahl“ als es jeder Gottesdienst vermag. Das liturgische An-Denken mag dabei verloren gehen – die spirituelle An-Dacht und das spirituelle Erleben liegen auf einer anderen und wohl existenzielleren Ebene.

Köln 26.03.2021
Harald Klein/Lukas Nieß