Gründonnerstag – „Wie einer, der dient…“

Weiterdenken – Wer ist der Mensch und was vermag er?

Sie erinnern sich an die drei Fragen von Leonardo Boff: „Wer ist Gott, und was vermag er? Wer ist der Mensch, und was vermag er? Was ist das Verhalten Gottes angesichts des menschlichen Verhaltens?“[1] An Palmsonntag ging es um die Frage nach dem Menschen – wer bin ich, wer sind Sie im Evangelium vom Einzug in Jerusalem? Finde ich, finden Sie sich wieder in der erwartungsvollen Menge? Oder bei denen, die etwas für den Herrn tun, etwas für ihn, um seinetwillen besorgt? Oder bei Jesus selbst, der nicht etwas, sondern sich selbst gibt, um Gottes Willen?

Heute geht der Blick weiter auf Jesus, auf sein menschliches Handeln, das aber das Handeln Gottes versinnbildlicht, ausdrückt, zeigt.

Fußwaschung: Im Handeln des Menschen Jesus – das Handeln Gottes

Eine der bekanntesten Erzählungen des Neuen Testaments zeigt an diesem Gründonnerstag zum einen, wie der Mensch Jesus von Nazareth handelt. Und gleichzeitig drückt diese Erzählung von der Fußwaschung aus, wie das Handeln Gottes angesichts des menschlichen Verhaltens aussieht. Und um ein Beispiel geht es darin, „damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe“ (Joh 13,15). Lassen Sie mich das in drei Momenten aus der Erzählung aufzeigen.

Ein erstes Moment: Der „Abstieg Jesu“

Vom Palmsonntag könnten Sie noch die Lesung aus dem Philipperbrief im Ohr haben: „Er war wie Gott, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein, sondern entäußerte sich, wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich.“ Die Theologie nennt das die Kenosis, den Abstieg Gottes.

Jesus beugt sich vor den Petrus hin, er geht in die Knie. Ich tue das, wir tun das, wenn wir mit einem Kind auf Augenhöhe gehen, oder wenn wir uns an ein Krankenbett setzen. Das hat etwas mit Würde zu tun, mit Anerkennung, aber auch mit der Anerkennung der eigenen Wahrheit. Es ist die Umkehr, die Abkehr vom eigenen Selbstbild, „wie Gott sein“ zu wollen. Es ist die Hinwendung, dem anderen Menschen in seinem Leben dienen zu wollen, an dessen „Menschwerdung“ und zugunsten dessen Würde als Mensch arbeiten zu wollen. Aus diesem ersten Moment des „Abstiegs“ geht an mich, an Sie die Frage: will ich dienen, oder will ich herrschen? Für das geistliche Leben des Christen ist das eine der wichtigsten Fragen, sie entscheidet darüber, ob Gott sein Leben in mir und durch mich führen kann. Will ich dienen, oder will ich herrschen – fragen Sie sich das einmal in Ihrer Rolle als Partner*in, als Vater oder Mutter, als Freund oder Freundin. Fragen Sie sich das einmal angesichts der gesellschaftlichen und der ökologischen Gegebenheiten. Und wagen Sie eine ehrliche Antwort, ich will es auch versuchen.

Ein zweites Moment: Der sich verweigernde und dann umdenkende Petrus

Und dann nehmen Sie den Petrus in den Blick. „Du, Herr, willst mir die Füße waschen?“ Hören Sie sein Erstsaunen über das Tun Jesu? Sie können aber auch das Zögern des Petrus heraushören. Er muss seine Füße entblößen – bei der Frage nach der Fußwaschung im Gottesdienst kommt das Zögern bei denen, die sich da in den Altarraum setzen, oft auch auf. Das hat was mit Entblößen, mit Sich-nackt-zeigen in ungewohntem Raum zu tun. Jesu „Wenn ich Dich nicht wasche, hast du keinen Anteil an mir“ lässt ihn umdenken. Das ist die dem Menschen gemäße Haltung Gott gegenüber – sich nicht nur in der eigenen Größe, sondern auch in aller Nacktheit und mit den eigenen Blößen zeigen zu dürfen. Und wenn Sie ehrlich sind: Das ist auch die dem Menschen gemäße Haltung dem Menschen gegenüber! Da geht unsere Sehnsucht hin – geliebt und angenommen zu werden auch dann, wenn der oder die andere meine Nacktheit, meine Blößen kennt. Das ist tiefste Erfahrung von Menschsein, geliebt zu werden wirklich trotz und wirklich in allem. Von Theodor W. Adorno gibt es ein überliefertes Zitat, zu dem mir die Quelle fehlt: „Geliebt wirst du einzig, wo du schwach dich zeigen darfst, ohne Stärke zu provozieren.“ Sie kennen die weitere Geschichte des Petrus, und Jesus ahnt sie auch. Und Petrus kennt sich – deswegen denkt er um: „Herr, dann nicht nur die Füße, sondern auch die Hände und das Haupt.“ Er gibt sich ganz hinein in diese liebende und dienende Zuwendung Jesu, die ja ein Beispiel für die liebende und dienende Zuwendung derer sein soll, die ihm nachfolgen.

Ein drittes Moment: Die Fußwaschung zeigt das Verhalten Gottes angesichts des Verhaltens des Menschen

Jetzt geht der Blick auf Boffs dritte Frage: „Wie verhält sich Gott angesichts des Verhaltens des Menschen?“ Die Antwort ist: Frei lassend! Und sie zieht sich durch die ganze Passion hindurch! Nicht nur durch die Passion Jesu, auch durch Ihre und meine eigene Lebens- und Leidensgeschichte. Es liegt immer an uns, ist unserer ganz persönlichen Freiheit überlassen, ober wir „herrschen“ oder „dienen“ wollen, über uns selbst und über die, mit denen wir leben. Es liegt immer an uns, ist unserer ganz persönlichen Freiheit überlassen, ob wir Gott an uns handeln lassen wollen, oder unser Leben lieber selbst in die Hand nehmen wollen. Es liegt immer an uns, ist unserer ganz persönlichen Freiheit überlassen, ob wir uns Gott und denen, die mit uns leben, nur mit unseren Stärken oder auch in unsere Blößen zeigen wollen. In einem dürfen wir uns sicher sein: Gott beugt sich immer zu uns hinunter, sucht den Kontakt auf Augenhöhe und will uns zu einem Mehr an Leben verhelfen, aber auch durch uns sein Leben weitergeben.

Wenn wir gleich zum Abendmahl, zur Eucharistie gehen, dann wir uns im Brot und im Wein Gott in Augenhöhe begegnen, sich uns in die unsere Hände geben, um durch uns und in uns zu leben. Das ist kein „Sonntagsgebot“, das ist ein Angebot, das jeden Werktag in einen Sonntag zu verwandeln vermag.

Möge sich mein, möge sich unser „Du, Herr, willst mir die Füße waschen?“ zu einem „Dann nicht nur die Füße, sondern auch die Hände und das Haupt!“ wandeln.

Amen.

Harald Klein, Köln

[1] Boff, Leonardo (1987), Die befreiende Botschaft, das Evangelium von Ostern, Freiburg, 76.

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