Heller, Birgit (2014): Spiritualität vs. Religiosität – Skript

Cover

Inhalt:

„Dieses facettenreiche Buch führt in die Grundlagen und Schlüssel-Themen von Spiritual Care ein. Es umreißt und beleuchtet dieses komplexe Feld menschlicher Begegnung aus unterschiedlichen Perspektiven. Spiritual Care beinhaltet eine existenzielle Auseinandersetzung, die jenseits von Schmerztherapie und Symptomkontrolle Sinn und Bedeutung des Todes für das menschliche Leben thematisiert. Dabei ist sie nicht auf die Sterbephase beschränkt, sondern auch bei Krankheit und in anderen kritischen Lebenssituationen bedeutsam. Sie ist eine Form (professioneller) menschlicher und gesellschaftlicher Partizipation, die Leiden und Tod in der Realität der Gemeinschaft neu verortet. Spiritual Care macht beides zu einem sichtbaren und spürbaren Teil des Lebenszyklus, gibt Sorgebedürftigen und Sorgenden Würde und Wertschätzung.

Ein klar gedachtes, klug geschriebenes und sensibel illustriertes Buch zu einer wichtigen Aufgabe und Tätigkeit der pflegenden und sorgebedürftigen Menschen, zur Essenz des Lebens und zur Schärfung des Bewusstseins, wenn Gesundheit und Leben auf dem Spiel stehen.“

Quelle: https://www.amazon.de/Spiritualität-Spiritual-Care-Orientierungen-Impulse/dp/3456853521[14.02.2019|

 Alltagsverständnis und Begriffsdebatte

Der Begriff Spiritualität „schwankt […] zwischen konfessionellen, transkonfessionellen, religiösen, anthropologischen und existenziell-psychologischen Perspektiven. Spiritualität wird als Basisqualität des Menschen aufgefasst – als eine Dimension, die allen Menschen eigen ist.“ (47)

„In der Frage nach der Beziehung zwischen Spiritualität und Religion/Religiosität spaltet sich die aktuelle Begriffsdiskussion. In ihr spiegelt sich die Selbsteinschätzung eines repräsentativen Anteils der Bevölkerung in Europa und in den USA hinsichtlich Religiosität bzw. Spiritualität.“ (47)

Religiös und/oder spirituell oder keins von beiden

In den 1990er Jahren gab es erstmals Umfragen in USA und Europa, die in ihren Fragestellungen zwischen Religion und Spiritualität differenziert haben.

„Demnach betrachtet sich ein Teil der Befragten als religiös undspirituell zugleich […]. Wer sich selbst als religiös und spirituell bezeichnet, verfügt prinzipiell über verschiedene Möglichkeiten, das Verhältnis von Religiosität und Spiritualität näher zu bestimmen: Den Begriffen kann die gleiche Bedeutung zugeschrieben werden, sie können einander überschneidend verwendet oder einer dem anderen untergeordnet werden. Ein großer Teil der Europäerinnen stuft sich als wederreligiös nochals spirituell ein – die Zahlenangaben schwanken hier zwischen 35% und fast 50%. In den USA hingegen zählt sich nur eine kleine Minderheit zu dieser Kategorie. Der Rest der Befragten teilt sich in diejenigen, die sich als religiös, aber (eher) nicht spirituell und umgekehrt in diejenigen, die sich als spirituell, aber (eher) nichtals religiös bezeichnen. Für diese Menschen haben Religiosität und Spiritualität also wenig bis nichts miteinander zu tun – sie bezeichnen sich selbst als religiös odereben als spirituell. […] Aus allen empirischen Untersuchungen (erg.: ist) klar ersichtlich, dass sowohl Religiosität als auch Spiritualität heute für viele Menschen wichtige Kategorien der Selbstbezeichnungen sind, wobei die Bezeichnung ‚religiös‘ (noch?) deutlich häufiger verwendet wird. Spiritualität wird sowohl auf Religiosität bezogen als auch davon abgegrenzt. Aber nur eine Minderheit trennt de facto scharf zwischen Religiosität und Spiritualität, und zwar deshalb, um sich von christlich-kirchlicher Religiosität abzugrenzen.“ (47f)

Verschiedene Verhältnisbestimmungen von Religion/Religiosität und Spiritualität

  • Integrierendes und überschneidendes Verständnis: Spiritualität als Synonym für Religion bzw. Religiosität Zusammenschluss von verschiedenen etablierten religiösen Traditionen als auch Formen individualisierter Spiritualität; Religiosität und Spiritualität beziehen sich auf eine transzendente, metaphysische Dimension der Wirklichkeit;
  • Spiritualität als Unterform der Religiosität;
  • Spiritualität als die Religiosität weitender Begriff: als eine zentrale sinnstiftende Lebenseinstellung, die sich sowohl auf eine überweltliche (göttliche) Dimension als auch auf nichtmaterielle Dimensionen (wie Humanismus, Familie, Freundschaft, Natur, Kunst, Arbeit, Selbstentfaltung) die die empirische Wirklichkeit nicht transzendieren müssen, beziehen kann. (vgl. 49)

„Manche bemühen sich darum, Spiritualität und Religion/Religiosität deutlich voneinander abzugrenzen. Während Religion meist als System betrachtet bzw. an eine Glaubensgemeinschaft gebunden wird, gilt Religiosität als die subjektive Dimension von Religion. Spiritualität tritt neben die Religion und wird als Gegensatz oder Alternative zu religiösen Organisationsformen (vor allem Kirchen) gesehen. Spiritualität gilt als modern, offen, erfahrungsorientiert und authentisch – Religion hingegen als rückständig, einengend, formal und dogmatisch.“ (49)

„Im Rahmen von psychologischen Forschungen zur Lebensqualität umfasst der Begriff der Spiritualität schließlich schlicht personale Ressourcen, die das subjektive Wohlbefinden stärken, das als spirituelles Wohlbefinden bezeichnet wird […]. Von diesem Standpunkt aus ist es eigentlich nur ein kleiner Schritt zum Ersatz des spirituellen Wohlbefindens durch das existenzielle Wohlbefinden, wenn die so genannten ‚religiösen Anteile‘ der Spiritualität als unwesentlich oder sogar kontraproduktiv erachtet werden […]. Übrig bleiben Sinn, Werte und Würde. Im Grunde ein logisches Unterfangen, das sich in die Gleichung bringen lässt: Spiritualität minus Religion gleich Existenz. Diese kritische Abgrenzung von Religion ist für die Begriffsdebatte hilfreich und klärend, weil sie aufzeigt, dass die Trennung von Spiritualität und Religion in eine Sackgasse führen muss. Spiritualität verdunstet, wenn sie sich nicht von anthropologischer Existenzialität unterscheidet.“ (49)

Spiritualität: ein offener, schwammiger Begriff

Spiritualität – einerseits ein offener Begriff als Religiosität, andererseits ein Sammelbehälter für eine Fülle disparater Inhalte.

„Das eigentliche Problem der terminologischen Unbestimmtheit besteht aber doch darin, dass Spiritualität teilweise so weit gefasst wird, dass darunter nur mehr eine vage Sinnsuche oder eine existenzielle Lebenseinstellung verstanden wird.“ (50)

Heller fragt danach, wozu die Verknüpfung bzw. die Trennung von Religion/Religiosität und Spiritualität diene, wem sie nütze, welche Erkenntnis sie ermögliche und welche Praxis sie begründe. (vgl. 50)

Was ist Spiritualität?

„Das lateinische Wort spiritualis bezeichnete im christlich geprägten europäischen Mittelalter geistliche Dinge im Unterschied zu weltlichen, materiellen und körperlichen Dingen und wurde häufig auf das Mönchtum bezogen. Noch weiter zurück in die Geschichte führt das Wort spiritus,das die lateinische Übersetzung des hebräischen bzw. griechischen Wortes für den Geist Gottes, den Heiligen Geist, ist. Das Wort Spiritualität wird in der christlichen Ordenstheologie in Frankreich seit dem Ende des 19. Jahrhunderts verwendet und meint hier vor allem Frömmigkeit, Askese und Mystik. Um 1940 tritt es erstmals in deutscher Sprache auf und wird im Rahmen des katholischen und dann des evangelischen Christentums zu einer umfassenden Kategorie des christlichen Glaubenslebens.“ (51)

„Spiritualität ist wohl als der eigentliche Kern jeder religiösen Tradition zu betrachten. Alle bekannten Religionen beziehen sich auf die religiösen Erfahrungen, das lebendige religiöse Erleben von Stifterfiguren, auf visionäre Persönlichkeiten, auf Propheten und Prophetinnen, auf Mystiker und Mystikerinnen. Lehren, Dogmen, Riten entwickeln sich im Prozess der Tradition und Institutionalisierung. Nimmt die Formalisierung überhand, kann das Pendel wieder in stärkere Erfahrungsorientierung ausschlagen.“ (51)

„Spiritualität bedeutet soviel wie persönliche Religiosität, die auf der Einübung und Reflexion religiöser Erfahrung basiert und die Gestaltung des Lebens prägt.“ (52)

„Im Kontext der Moderne haben sich die traditionellen religiösen Strukturen und Bindungen stark aufgelöst (Stichwort: Entkirchlichung), wider Erwarten ist damit aber nicht das Phänomen Religion verschwunden. […] Erst der Vergleich verschiedener Religionen und Kulturen lässt erkennen, dass Modernisierung nicht zwangsläufig mit Säkularisierung und Religionsverlust gekoppelt sein muss. […] Gegenwärtig werden die seit den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts beobachtbaren Transformationsprozesse im religiösen Feld meist als Entsäkularisierung, Wiederkehr der Religion bzw. Respiritualisierung gedeutet. Einerseits haben religiöse Traditionen weltweit an Bedeutung gewonnen, wie sich beispielsweise an der Ausbreitung des Islam, am politisch radikalisierten Hinduismus, am Aufleben des Buddhismus in China oder an den Zuwachsraten der christlichen Pfingstbewegung und er charismatischen Bewegung (vor allem außerhalb Europas) zeigt. Andererseits ist eine facettenreiche Spiritualitätskultur entstanden, die zwar unkirchlich aber nicht unreligiös ist. […] Spiritualität wird synonym mit traditionsübergreifender Religion verwendet oder auch als höhere Stufe von Religion betrachtet. Charakteristisch ist die Behauptung, dass es einen universalen, die Kulturen übergreifenden Kern der Religionen gibt, auf den sich die Spiritualität des einzelnen Menschen unabhängig von den etablierten religiösen Traditionen bezieht.“ (52-54)

„Religion ist in den modernen Gesellschaften unbestritten zur Angelegenheit des Individuums geworden. Moderne Spiritualität ist einerseits unter dem Vorzeichen der Individualisierung und der damit verbundenen Bedeutungssteigerung des Subjekts zu verstehen, andererseits steht sie aber auch im Rahmen einer Demokratisierungsbewegung mystischer Religiosität. […] Mystik bzw. Spiritualität steht immer in einer gewissen Spannung zur institutionalisierten Form der Religion.“ (54)

„Viele Menschen tun sich heute schwer mit dem Begriff der Religion. Religion wird in Europa – trotz der interkulturellen und damit such interreligiösen Entwicklungen – meist mit den christlichen Kirchen gleichgesetzt. Da die Kirchen mit Institutionen, Dogma, Hierarchie, Starrheit und, schlimmer noch, Gewalt und Missbrauch verknüpft sind, ist Spiritualität – in Europa – für einen Teil der Menschen zu einem Gegenbegriff zu Religion geworden.“ (55)

„Religiosität und Spiritualität lassen sich nicht voneinander abgrenzen. Spiritualität ist einerseits ein wesentlicher Bestandteil jeder religiösen Tradition und kann andererseits als Synonym für das moderne religiöse Feld dienen. Die moderne Spiritualität repräsentiert einen Typ von Religiosität, der antidogmatisch, antiinstitutionell, erfahrungsorientiert, subjektiv und teilweise, aber nicht zwangsläufig privat ist.“ (57)

Gibt es eine nichtreligiöse Spiritualität?

„Viele Religionssoziologen vertreten die Auffassung, dass zeitgenössische Religiosität dazu tendiert, den Raum des Religiösen prinzipiell zu erweitern. Wenn die Bezugnahme auf eine Dimension, die die empirische Alltagswirklichkeit transzendiert, völlig fehlt, erscheint Religion als ein Phänomen der populären Kultur, das über herkömmliche Definitionsgrenzen hinausgeht und immer schwerer greifbar wird. Religiöse Äquivalente werden in sämtlichen Lebensbereichen entdeckt: Die Bereiche Wellness, Medizin, Sport, Wirtschaft, Politik, Medien, Popmusik usw. sind religiös aufgeladen. […] Die Diagnose lautet, dass sich das religiöse Feld so weit ausdehnt, dass seine Grenzen verschwimmen oder sich gar auflösen. Gleichzeitig wird beobachtet, dass der Inhalt des Alltagsverständnisses von Religion abnimmt. […] Was früher als religiös galt, wird heute verbreitet als spirituell bezeichnet. Spiritualität ist offenbar für viele Menschen zu einem Alternativ- oder gar Gegenbegriff zu Religion geworden. Religion wird häufig auf eine organisierte religiöse Tradition, nämlich die Institutionsform der christlichen Kirchen reduziert.“ (57f)

Wie ist der Versuch eines inklusiven Verständnisses von Spiritualität zu bewerten, das religiöse und so genannte nichtreligiöse bzw. humanistische Spiritualität verbinden möchte?

„Nach der US-amerikanischen Psychologin Susan McFadden[1][…] bezieht sich die derzeit größte Kontroverse darauf, ob Spiritualität ein transzendentes Objekt beinhalten muss oder ob es eine humanistische Spiritualität gibt. McFadden selbst definiert Spiritualität als Konstrukt, das die Suche nach sinnhafter Verbundenheit mit dem Heiligen beschreibt (ebd.). Nichts anderes liegt aber dem traditionellen christlichen Verständnis des Begriffs religio (Rückbindung) zugrunde. In den konkreten Definitionsversuchen werden de facto weitgehend klassische Religionsdefinitionen gegeben. An der Wurzel des Paradoxes, so genannte nichtreligiöse Spiritualität religiös zu definieren, liegt meist ein völlig verkürztes Verständnis von Religion: Religion wird meist gleichgesetzt mit der formalen, kultischen, organisierten Tradition – zu den religiösen Bedürfnissen zählen Gebet, Gottesdienst, Rituale, Beichte usw. -, bei den spirituellen Bedürfnissen soll es hingegen um die ‚großen‘ Fragen des Lebens gehen: um Sinn, Vergebung, Transzendenz, Wert des Lebens, Gott, Weiterleben usw. Diese Fragen berühren jedoch seit jeher die eigentlich wichtigen religiösen Themen.

Was zum Feld der Religion gehört, hängt letztlich davon ab, wie Religion definiert wird. Die Definition von Religion ist nämlich alles andere als klar und eindeutig […]. Angesichts der historischen und kulturellen Vielfalt religiöser Erscheinungsformen, ist es aus religionswissenschaftlicher Perspektive jedoch überhaupt nicht sinnvoll. […] Religionen gelten […] etwa als umfassendes Sinngebungssystem mit Transzendenzbezug, der über die empirische Alltagswelt hinausweist.“ (58f)

„Der Begriff Transzendenz meint Selbstüberschreitun oder besser Ich-Überschreitung.“ (59)

Heller unterscheidet „kleine Transzendenzen“ (z.B. Kauf eines Autos oder Bau eines Hauses) von „Großen Transzendenzen“ (mit den fundamentalen Lebensfragen nach dem Woher, dem Wohin und dem Warum verbunden).

„In den Versuchen zur Unterscheidung von Religion und Spiritualität werden der Religion die großen Transzendenzen zugeordnet, für die moderne Spiritualität hingegen wird eine Ausdehnung in Richtung kleine Transzendenzen konstatiert. Interessant ist es, zu beobachten, wie sich am Begriff der Spiritualität dieselben Fragen wiederholen, die bis vor kurzem am Begriff Religion durchgespielt wurden. Die Frage etwa, wie weit der Begriff gefasst werden sollte:

  • Umfasst der Begriff (Religion) Spiritualität jede Weltanschauung?
  • Sind beispielsweise der Kommunismus, der Faschismus, der Nationalsozialismus (Religion) Spiritualität?
  • Und wie steht es mit dem Materialismus?
  • Wenn Spiritualität ganz weit und neutral (um möglichst alle Menschen integrieren zu können) mit Weltanschauung geleichgesetzt wird, ist dann auch der Materialismus eine Form von Spiritualität?

Spiritualität ist im öffentlichen Sprachgebrauch teilweise zu einem inflationären und ausdruckslosen Begriff geworden, zu einer Worthülse, die alles und nichts bedeuten kann. Vage Rückerinnerungen an den Wortursprung spiritus/spiritualis, also Geist/geistlich, sind noch vorhanden, wenn der Mannschaftsgeist, der Geist des Kapitalismus oder des Sozialismus beschworen wird. Es wäre hilfreich, den Begriff der Spiritualität auf eine geistige Dimension zu beziehen, die die empirische Alltagswelt transzendiert. Fehlt jeder Bezug auf eine große Transzendenz, die sich natürlich auch im großen Kosmos, in der Natur, anderen Menschen und nicht zuletzt im selbst erschließen kann, so handelt es sich auch nicht um Spiritualität.“ (59f)

Moderne oder postmoderne Spiritualität?

„Als typisches Kennzeichen der Postmoderne gilt die Praxis, eine Vielfalt von Perspektiven und Wahrheitsansprüchen gleichberechtigt nebeneinander zu stellen. Ausgehend von der Einschätzung, dass sich die Einzelperson ihren Glauben in der Manier postmoderner Beliebigkeit aus dem reichhaltigen Angebot des religiösen Supermarktes zusammenstellt, wird von postmoderner Spiritualität gesprochen.

Konsens besteht darüber, dass die zeitgenössische Spiritualität individualisiert ist und auf der persönlichen Erfahrung des einzelnen Menschen beruht. Damit ist jedenfalls eine Bedeutungssteigerung des Subjekts verbunden. Vorläufer der neuen Spiritualität sind – im Rahmen des europäischen Christentums – Mystik (die seit der frühchristlichen Zeit in verschiedenen Formen auftritt) und Protestantismus und deshalb ist sie kein Produkt der Postmoderne. Der (unter anderem auch) spirituelle Emanzipationsprozess des modernen Menschen kann als Prozess der Selbstermächtigung des religiösen Subjekts […], als Generalisierung des Charismas […] oder, in abgewandelter Begrifflichkeit, auch als Demokratisierung von Mystik gedeutet werden.“ (61f)

„Aus europäischer Sicht postmodern ist die moderne Spiritualität insofern, als sie die Logik der Eindeutigkeit, das Entweder-oder-Modell, durch die Logik der Mehrdeutigkeit, das Sowohl-als-auch-Modell, ersetzt. Das Attribut ‚postmodern‘ ist jedoch nur eingeschränkt brauchbar, weil die mehrdeutige Logik nicht neu ist, sondern in vielen Kulturen seit jeher das Denken dominiert. In diesem Rahmen wurden auch die Grenzen zwischen den Religionen nie vergleichbar rigid gezogen. Die alt-neue Grundhaltung des Einschließens, der Integration, die festgelegte Grenzen überwindet, schafft eine wesentliche Voraussetzung für die ganzheitliche Ausrichtung (post)moderner Spiritualität.“ (62)

„Während sich die christliche Religion seit der europäischen Neuzeit in erster Linie auf die seelisch-geistige Dimension des Menschen bezieht, versteht sich (post)moderne Spiritualität in den westlichen Gesellschaften umfassend. Sie will Mensch und Kosmos, Rationalität und Intuition, Materie und Geist verbinden und ganzheitlich sein. Ganzheitlichkeit ist ein charakteristisches Merkmal der heute verbreiteten Spiritualität. Aus soziologischer Perspektive wird diese Ganzheitlichkeit hergestellt, indem die einzelnen Lebensbereiche aufeinander bezogen werden und der ‚ganze‘ Mensch in der Verknüpfung von Psyche, Körper, Gesundheit, Sozialbeziehungen, Politik angesprochen wird. […] Die zeitgenössische Wende zur Ganzheitlichkeit ist jedoch keine neue Modewelle, sondern kann auch als Ausdruck des Leidens an der Aufspaltung des Menschen am Beginn der Moderne gedeutet werden.“ (62)

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Abb.: Hellers Modell eines integrativen Verständnisses von Religion und Spiritualität (vgl. 61):

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Spiritualität als Ausdruck moderner Selbstbezogenheit?

„Die Trennung des Religiösen oder Sakralen von den ‚profanen‘ Bereichen der Kultur ist eigentlich ein Sonderfall der Religionsgeschichte. In den meisten Kulturen lässt sich die religiöse Orientierung von den anderen Lebensfeldern nicht abgrenzen.“ (64)

„Übereinstimmend lautet die religionssoziologische Diagnose, dass das neue religiöse Feld die Qualität von Religion verändert, die eine stärker persönlich-subjektive, erlebnis- und erfahrungsbezogene Form annimmt. In diesem Zusammenhang wird auch von einer ‚Schrumpfung der Transzendenz‘ […] oder von einem ‚Sinken der Transzendenzspannweite des Religiösen‘ […] gesprochen, weil sich so genannte große Transzendenzen wie Gott, eine göttliche Kraft, die absolute Wirklichkeit, nur noch schwer ohne herstellbare Bezüge zur Erlebniswelt des Einzelnen herstellen lassen. Maßgeblich ist die jeweils eigene spirituelle Erfahrung.“ (64)

„Betonte Körper- oder Gesundheitsorientierung moderner Spiritualität (erg.: erscheinen) sofort in einem anderen Licht, wenn sie als Reflex auf das Defizit der christlichen Tradition, die den Einbezug des Körpers in das Heilsgeschehen vernachlässigt hat, verstanden werden. Der griechische Begriff Therapie zeigt übrigens, dass medizinische Behandlung und religiöse Praxis einmal als zusammengehörig betrachtet wurden, weil er sowohl den Gottesdienst als auch den Krankendienst bezeichnen kann – dem Schlagwort ‚Therapiegesellschaft‘ kann daher eine durchaus positive Bedeutung zukommen, weil ihre Mitglieder nicht prinzipiell um sich selbst kreisen.“ (65f)

„In der näheren Auseinandersetzung mit moderner Spiritualität wird deutlich, dass Individualisierung nicht zwangsläufig mit selbstbezogener Innerlichkeit und Ignoranz der sinnlich-endlichen Welt einher gehen muss. Gegenläufig zu dem verbreiteten Trend, die subjektive und multiple Bastelreligion zu bespötteln, entdeckt Ulrich Beck[2][…] in den neuen Glaubensformen einen weltreligiösen Kosmopolitismus. Dessen Kennzeichen sind durchlässige Grenzen, und zwar nicht primär im globalen Außen, sondern im Inneren, in der eigenen Biographie und Identität. Religiöse Andersheit wird als bereichernd erlebt und in die eigene Religiosität einbezogen. Dadurch besitzt diese ‚zweitmoderne‘ Form der Religion/Spiritualität das Potenzial, die öffentliche Rolle der Religion neu auszuüben und zu gestalten. Beck sieht in der modernen, Religionsgrenzen überschreitenden ‚Melange-Religiosität‘[3][…] eine Chance für den Umgang mit drängenden gesellschaftlichen Problemen. Konkrete Daten aus jüngster Zeit belegen für die moderne spirituelle Szene – entgegen der Annahme der Selbstbezogenheit – ein überdurchschnittliches ökologisches Bewusstsein und sozialpolitisches Engagement.[4]“ (66f)

Sind alle Menschen spirituell?

„Auf der Grundlage empirischer Untersuchungen jüngeren Datums muss die Annahme, dass alle Menschen spirituell (bzw. religiös, das sollte im folgenden immer mitbedacht werden) sind, zurückgewiesen werden. Es ist davon auszugehen, dass sich im Schnitt mindestens ein Drittel, wenn nicht die Hälfte der Europäer und Europäerinnen selbst als weder religiös nochals spirituell einschätzt. Diese Ergebnisse hängen natürlich auch vom jeweiligen Verständnis von Religion und Spiritualität ab.“ (67)

„Aber auch wenn dieser Faktor mitbedacht wird, ist davon auszugehen, dass sich etwa ein Viertel der EuropäerInnen von Religiosität und Spiritualität abgrenzt. Angesichts der weitverbreiteten These, dass alle Menschen spirituell sind, müsste er Schluss gezogen werden, dass diese Menschen selbst nicht wissen, dass sie eigentlich spirituell sind. Der Respekt gegenüber einer individuellen, einzigartigen Person erfordert, dass das jeweilige Selbstverständnis anerkannt wird, auch wenn es vielleicht nicht mehr mit der eigenen Weltanschauung übereinstimmt.“ (68)

„Auch wenn jeder Mensch potenziell Zugang zu einer geistigen Dimension hat, muss das nicht zur Folge haben, dass er Spiritualität und eine spirituelle Praxis entwickelt, also spirituell istund als spirituell bezeichnet werden möchte. Es kann nicht sein, dass einerseits die religiöse oder spirituelle Selbsteinschätzung zu bestimmten Prognosen oder gar zur Legitimation von religiösen bzw. spirituellen Angeboten in Institutionen führt, andererseits das Selbstverständnis nichtreligiös/nichtspirituell heruntergespielt bzw. uminterpretiert wird, indem ein ‚säkularer Humanismus‘ zu einer Spielart von Spiritualität erklärt wird.“

[1]Vgl. Kreutzner, Gabriele (2007): Nachgefragt. Interview mit Prof. Susan McFadden. DcSS orientiert: Spiritualität – Ein Thema für die Pflege von Menschen mit Demenz2/07, 51-55, hier: 52f.

[2]Beck Ulrich (2008): Der eigene Gott. Von der Friedensfähigkeit und dem Gewaltpotential der Religionen, Frankfurt/Main, 89-113.

[3]a.a.O., 174f.

[4]Höllinger, Franz/Tripold, Thomas (2012): Ganzheitliches Leben. Das holisitsche Milieu zwischen neuer Spiritualität und postmoderner Wellness-Kultur, Bielefeld, 205-222.