„Ich aber und mein Haus, wir wollen dem Herrn dienen“ (Jos 24,15)

„Es war einmal…“

Ihnen werden diese Worte aus der Kindheit vertraut sein – so beginnen die meisten Kinder- und Hausmärchen, die die Gebrüder Grimm gesammelt haben. „Es war einmal…“ – das könnte auch gut über die beiden Lesungen und über das Evangelium gesagt werden, die zum heutigen Sonntag gehören. „Es war einmal…“ – da ist aber nicht vom „Froschkönig“ die Rede, sondern von Josua, dem Nachfolger des Mose, der das Volk Israel nach Kanaan führt. „Es war einmal…“ – da ist nicht vom „Fischer und seiner Frau“ die Rede, sondern von einer Hausordnung, die versucht zu beschreiben, wie die frühen Christen miteinander leben sollen, wie sie sich gegenseitig, aber vor allem gemeinsam dann Christus unterordnen sollen. „Es war einmal…“ – da ist nicht die Rede vom Apfelbaum oder vom Backofen, der dem jüngsten Sohn Worte des Lebens und Überlebens mit auf den Weg gibt, sondern von Jesus, von dem Petrus sagt, er habe Worte ewigen Lebens.

Josua und Konstantin: Einer, der für alle sprechen kann

Nur eine Stelle, und nur einen Satz möchte ich mit Ihnen näher anschauen. Mir ist Josua ein sehr lieber geistlicher Wegbegleiter. Nach dem Tod des Mose führt er Israel ins götterreiche Kanaan, Götter, die denen, die ihnen folgen und sie verehren, Glück und Wohlstand verheißen. Nach vielen Kämpfen und Auseinandersetzungen, die die Stämme Israels unter Josua und unter anderen Stammesführern zu bestehen hat, gibt Josua nun seine Rolle ab. Er hält beim sogenannten „Landtag zu Sichem“ eine politische Rede. Zu wem wollen sich die Stämme bekehren, wem wollen sie folgen? Die Stämme müssen sich entscheiden – wollen sie den treuen Gott anbeten und dem folgen, der sie aus Ägypten befreit und gesegnet hat, oder wollen sie denen folgen, den die Amoriter anbieten und anbeten? Ersteres wäre ein Zeichen von Treue, letzteres sicher ein Zeichen von Anpassung, vielleicht würde man heute von „Integration“ sprechen. Und am Ende fällt der programmatische Satz des Josua: „ich aber und mein Haus, wir wollen dem Herrn dienen.“ Andere Stammeshäuptlinge stimmen ihm zu: „Auch wir wollen dem Herrn dienen, denn er ist unser Gott.“ Und so entstehen die zwölf Stämme, die dann und ab jetzt, ab dem “Landtag zu Sichem“ das eine Volk Gottes im Alten Bund sind.

Das zeichnet eine Stammesgesellschaft aus, dass einer für alle sprechen kann. Mit dem Christentum war es nicht viel anders. War es bis zur Konstantinischen Wende im Jahr 313 noch den einzelnen überlassen, ob sie Christus nachfolgen wollen oder – oft gefahrloser – anderen römischen Göttern, hat Kaiser Konstantin zwar nicht auf einem „Landtag“, aber durch das Mailänder Edikt nach der Schlacht an der Milvischen Brücke das Christentum zur Staatsreligion erhoben: „Ich aber und mein Haus, mein Reich, wir wollen dem Herrn dienen.“

Die Unmöglichkeit, dass heute einer für alle spricht

Jetzt springen Sie einmal in unsere Gegenwart. Stellen Sie sich vor, ein christlich motivierter Politiker würde das so machen wollen: „Ich aber und mein Haus, wir wollen dem Herrn dienen!“ Stellen Sie sich einen Papst, einen Bischof vor, der sagt: „Ich aber und meine Haus, meine Kirche, mein Bistum, meine Pfarrei, wir wollen dem Herrn dienen!“ Oder ein Familienvater, eine Mutter würde das von Ihrer und für Ihre Familie behaupten: „Ich aber und mein Haus, wir wollen dem Herrn dienen!“ Von außen her gesehen – fromme Sprüche. Die Durchsetzungskraft zu einem solchen Satz mag in einer Stammesgesellschaft noch gelten. In einer feudalen Gesellschaft ruft sie Widerstand hervor. In einer modernen und noch viel mehr in einer postmodernen Gesellschaft wird man müde abwinken. Das geht nicht mehr. Die Zeiten sind vorbei, dass einer für alle zu sprechen vermag.

Dem Herrn dienen – in postmoderner Gesellschaft

Es mag sie verwundern, aber ich glaube und behaupte, dass es gut ist, wenn es heute und so nicht mehr geht. Lassen Sie mich erklären, warum. Das hängt mit drei Begriffen zusammen: Religion – Frömmigkeit – Spiritualität.

Wenn Josua den Glauben an den einen Gott einfordert oder wenn Konstantin das Christentum zur Religion seines Reiches erklärt, heißt das erst einmal noch gar nichts. Man konnte und man kann heute noch einer Religion angehören, ohne dass sie sich auswirkt. Ich bin katholisch, ich bin Christ – wie weit ist da die Spanne, die diese Aussage für die Lebensgestaltung einnehmen kann. Im besten Falle heißt es, ich binde mich zurück, halte mich fest an etwas, was außerhalb meiner selbst liegt. Oder ich hoffe und baue auf eine Wirklichkeit, die eine hoffentlich positive Macht auf mich und mein Leben ausübt. Josua und Konstantin fordern auf, diese Wirklichkeit außerhalb des eigenen Volkes oder Reiches bei dem Gott zu suchen der „Ich bin der ich bin da“ heißt. Moderne und postmoderne Menschen suchen, da bin ich sicher, sie lassen sich aber nicht vorschreiben, wo sie suchen sollen.

Nehmen Sie den Begriff der „Frömmigkeit“. Woran würden Sie feststellen, dass einer „fromm“ ist? Weil er, weil sie die Riten, die Gebote der Religion kennt und ausübt. Ganz im Sinne der zweiten Lesung, der Hausordnung. Man erkennt einen Wert, etwa die Gleichheit von Mann und Frau, die Würde der Sklaven und Diener. Und dann fasst man die Werte in Normen, in Gesetze. Aus dem Betet ohne Unterlass wird das Stundengebet der Kirche. Und plötzlich sind nur die noch fromm, die diese Normen befolgen. Das geht so weit, dass die Normen, die Vorschriften und deren Einhaltung selbst zum „Wert“ werden. Wehe, ein Priester betet eine andere Form des Hochgebetes. Wehe, Sie kennen das noch, Sie gehen nicht nüchtern zur Kommunion. Wehe, die Ehe geht nicht gut, oder die Kinder gehen nicht mehr zur Kirche. „Frömmigkeit“ – wohlgemerkt in einem schlechten Sinne – kann heißen: Ich kenne mich mit Normen, Werten, Traditionen und Gebräuchen meiner Religion aus und befolge sie so gut wie möglich. Sie geben mir und meiner Lebensgestaltung Form und Halt. Aber diese Form von Frömmigkeit ist eine übernommene Form, eine tradierte – und sie lässt noch keine Aussage dazu zu, ob der „Fromme“ ein „Glaubender“ ist, einer, der in einem lebendigen Austausch mit Gott, mit Jesus Christus, mit dem Heiligen Geist steht. Moderne und postmoderne Menschen winken ab, „fromm“ in dieser Weise wollen sie nicht sein, das hilft nicht, Gott zu finden und ihm einen Raum in ihrer Lebensgestaltung einzuräumen.

Es ist der Begriff der „Spiritualität“,der weiterhilft. Moderne und postmoderne Menschen suchen etwas, dass ihren Alltag gestaltet und alltagstauglich ist. Sie suchen etwas, dass sie verstehen, das sie anspricht in Geist und Vernunft, das in allen leiblichen Vollzügen ansprechend ist, mit dem sie sich auseinandersetzen können und für das sie sich – auch politisch und gesellschaftlich – einsetzen können, auf ein mehr an Menschwerdung und an Menschlichkeit hin. Es gibt eine Unmenge an Spiritualitäten, an Geist, der die Welt erklärte und heiler, heller machen kann. Christliche Spiritualität orientiert sich dabei an Leben und Botschaft Jesu.

Vorleben, einladen, mit hineinnehmen

Und jetzt kommt es: Das Beste, was passieren kann, ist, dass ich gefragt werde, was denn meine Spiritualität sei. Und jetzt kann ich sagen: „Ich und mein Haus, wir wollen dem Herrn dienen.“ Jetzt kann ich sagen: „Ich will nicht weggehen, denn ich glaube, dass Jesus Christus Worte des ewigen Lebens hat.“ Und jetzt kann ich der gegenseitigen Unterordnung, in der Suche nach dem Wohl des anderen und in der gemeinsamen Hinordnung auf den einen Gott Jesu Christi leben.

Sie merken: das Entscheidende ist, dass mir niemand diesen Satz vorgibt, sondern dass ich ihn anbiete, vorlebe. Es braucht immer noch Katechismen – aber nicht, um vorzugeben, wie man zu leben hat, sondern um einzuladen, wie man leben kann. Das aus dem Griechischen stammende Wort meint „Widerhall“, unser Wort „Echo“ wurzelt darin.

Postmoderne, sagt der Soziologe Zygmunt Bauman, sei die unglaubliche Möglichkeit, alles wählen zu dürfen, was man will, und zugleich die unglaubliche Schwierigkeit, nicht mehr zu wissen, was der Wahl würdig sei. Das ist unsere Chance als Kirche: nicht wie Josua und Konstantin vorgeben, sondern vorleben, einladen, mit hineinnehmen: „Ich aber und mein Haus, wir wollen dem Herrn dienen.“

Amen.

Köln 26.08.2018
Harald Klein

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