In seinem Wort bleiben

Beten mit der Bibel in der Hand

Vom Reichtum der Heiligen Schrift zu sprechen, aus dem man betend schöpfen kann, verlockt, genauer nachzufragen: was ist damit gemeint? Geht es um den Reichtum, den die Heilige Schrift in sich darstellt, oder ist der Reichtum gemeint, der sich für uns in der Heiligen Schrift verbirgt?

Dem Betenden sind beide Möglichkeiten offen. Beten mit der Bibel in der Hand bedeutet schon den Reichtum, den die Heilige Schrift in sich schon darstellt: ein dreifaches Staunen!
Da ist zum einen das Staunen darüber, dass, eingefasst in zwei Buchdeckel und ausgestattet als mal mehr, mal wenige schmucke Ausgabe, der Niederschlag der Geschichte Gottes mit seinem Volk in meine Hände, mir in den Schoß gelegt ist. Hunderte von Jahren gläubig gedeutetes Schicksal einzelner oder ganzer Völkergruppen halte ich da in meinen Händen!

Staunen über die Bibel

Ein zweites Staunen ergibt sich, dass ich betend die Komposition der Heiligen Schrift betrachten darf. Egal, ob das Alte oder das Neue Testament: beide Teile der Heiligen Schrift sind aus vielen Stücken über längere Zeiträume zusammengesetzt. Beide Teile beschreiben zunächst im AT die Vergangenheit der Welt und Israels Herkunft und damit beider Geschichte mit Gott, im NT dann Jesu „Herkunft“ und sein Leben, Sterben und Auferstehen. Danach erfahren wir aus den ersten gläubigen Antwortversuchen, wie die Fragen der damaligen Zeit vor und mit Gott beantwortet werden können. Dazu gehören im AT die Weisheitsschriften, im NT die Briefliteratur. Schließlich fragen wir nach dem Wohin, nach der Zukunft und dem Ziel des Lebens mit Gott: dazu geben die im AT die Propheten und im NT die Offenbarung Auskunft.
Mit anderen Worten: unser zweites Staunen gilt der Tatsache, dass aus vielen einzelnen Erfahrungen und Erlebnissen ein Gesamtentwurf komponiert wurde, in dem alles unter dem Aspekt „Herkunft von Gott“ – „Gegenwart mit Gott“ – „Zukunft auf Gott hin“ ans Licht gebracht wurde.
Und nun ist Raum für ein drittes Staunen: Mit der Bibel in der Hand darf ich als Betender glauben, dass es eine „Heilige Schrift meines Lebens mit Gott“ gibt, eine, die anknüpft an die Geschichte(n), die ich da in Händen halte. Das Buch in meinen Händen ist Garantie dafür, dass es Gottes Geschichte mit mir ist!

Eine dreifache Aufmerksamkeit

Dem dreifachen Staunen beim Beten mit der Bibel in der Hand steht eine dreifache Aufmerksamkeit gegenüber. Es geht um das Betrachten des Reichtums, der in der Heiligen Schrift steckt, der in ihr für mich verborgen ist.“

Zuerst darf ich aufmerksam hinschauen, wo ich in der Geschichte des Volkes Gottes mit seinem Gott Momente zu finden, die meiner Geschichte mit Gott entsprechen können.

Kenn ich nicht auch ähnliche Momente, Worte der Verheißung, des Aufbruchs, der Versuchung, der Erfüllung? – Was in der Schrift steht, steht auch in meinem Leben! –Was in meinem Leben mit Gott geschieht, steht auch in der Schrift!

In einem zweiten Schritt schaue ich aufmerksam auf den Weg meines Lebens: Es gibt ja einen Zusammenhang von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, auch einen Zusammenhang zwischen dem Einlassen auf ein Wort Gottes, zwischen der von mir als betendem Menschen jetzt gelebten Gegenwart und der Zukunft. Wohin wird mich dieses Einlassen und Leben führen?

Und schließlich gibt es für mich als betenden Menschen sogar eine dritte Aufmerksamkeit. Ich werde immer aufmerksamer, wie das Leben aus dem Gebet zum persönlichen Leben mit Gott führt. So kann es bei mir zu einer „Fortschreibung der Heiligen Schrift“ kommen, so können die Worte der Schrift für mich zum persönlichen Reichtum werden. Ich kann mich betend diesem Reichtum öffnen. Dies kann im Stundengebet geschehen, in der Mitfeier der Eucharistie und der Tagestexte, in der Bibellektüre, im stillen Gebet, aus dem sich ein Wort – ja der Herr selbst – dem Betenden zeigt.

Bei der Bibel bleiben – in seiner Liebe bleiben

„In seiner Liebe bleiben“ – aus Joh 15 ist uns diese Weisung Jesu gut bekannt. Im gleichen Kapitel spricht der Herr aber auch vom Bleiben in Seinem Wort (vgl. Joh 15,20, auch Joh 14,23). In 1 Joh 2,5 heißt es: „Wer sich aber an Sein Wort hält, in dem ist die Gottesliebe wahrhaft vollendet.“

Aus dem Reichtum der Heiligen Schrift schöpfen, Beten mit der Heiligen Schrift in der Hand und Beten mit den Worten der Heiligen Schrift, die dem Betenden den Reichtum der Heiligen Schrift im Leben und Erleben offenbaren: all das mag sich hinter dem „sich an Sein Wort halten“ verbergen.

Hinter diesem „Bleiben“ steckt ein Staunen, dass mir als Betendem mit der Heiligen Schrift der Reichtum der Geschichte Gottes in die Hände gelegt ist. Es steckt auch ein immer neues Hören dahinter, welches der „Worte“ der Heiligen Schrift nicht nur in sich reich ist, sondern auch mein jetzt und immer wieder neu reich machen will.

Harald Klein, Königstein

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