Josef – der Vater im Abseits?

Wo ist der Vater?

Wenn Sie nach Josef im Neuen Testament suchen, werden Sie schnell fertig sein. Matthäus stellt ihn als Mann der Gerechtigkeit vor, als den der seine Verlobte nicht bloßstellen will. Dann als Handelnden – in der Flucht mit Maria und Jesus nach Ägypten, zur Zeit des Kindermordes in Bethlehem. Und Lukas ergänzt neben der Suche nach einer Herberge zur Zeit der Niederkunft das Bild mit dem betenden und wallfahrenden Josef, der mit Maria und dem 12jährigen Jesus zum Osterfest nach Jerusalem pilgert. Und damit verschwindet die Figur Josefs, des Zimmermanns. Seine herausragende Stellung unter den Heiligen nährt sich aus der Nähe zu Jesus, aber dennoch bleibt die Frage: Wo ist der Vater?

Die Frage nach dem Vater

Diese Frage ist keine, die nur im Neuen Testament und nur im Schicksal Jesu eine Rolle spielt. In den Richtungen der Psychotherapie, die ich kenne, spielt sie eine immense Rolle. Erst recht in der Geistlichen Begleitung, in der die z.B. die „Elternbotschaften“ immer wieder von Bedeutung sind. Und dann in der Meditation der Schrift, spätestens dann, wenn von Gott, dem barmherzigen Vater, die Rede ist. Wo ist der Vater – für Dich? Wie ist, wie war er – für Dich? Wer ist, wer war er – für Dich?

Erich Fromm: Die Kunst des Liebens

Als Erich Fromm 1956 „Die Kunst des Liebens“ schrieb, unterschied er, dem Ordnung schaffenden Geist der Moderne verpflichtet, die Liebe des Vaters von der Liebe der Mutter. Fromm sagt: „Die ersten Monate und Jahre des Kindes sind jene, in denen es der Mutter am meisten verbunden ist. Diese Verbundenheit beginnt bereits vor dem Augenblick der Geburt, wenn Mutter und Kind noch eins und trotzdem zwei sind.“[1]Nach der Geburt, so Fromm, sei die Abhängigkeit von der Mutter immer noch gegeben, und erst nach dem Erlernen von Laufen und Sprechen, im Versuch, die Welt selbst zu erforschen, werde das Verhältnis zum Vater wichtiger.[2]

Fromm untersucht die Form bzw. Idealtypen der mütterlichen Liebe und grenzt sie von der idealtypischen Form der väterlichen Liebe ab. Die Liebe der Mutter sei ihrem Wesen nach bedingungslos. Daran gebunden seien aber immer auch die Zweifel des Kindes: „Vielleicht habe ich der Person, die mich lieben soll, keine Freude gemacht, vielleicht ist dieses oder jenes passiert – jedenfalls besteht immer die Angst, dass die Liebe wieder vergehen könnte. Ferner hinterlässt ‚verdiente‘ Liebe leicht das bittere Gefühl, dass man nicht um seiner selbst willen geliebt wird, sondern dass man nurgeliebt wird, weil man dem anderen eine Freude gemacht hat – dass man also im Letzten nicht geliebt, sondern nur gebraucht wird.“[3]Kenne Sie das mit der „verdienten“ Liebe? Oder kennen Sie die vielen Versuche, sich Liebe zu „verdienen“?

Die Beziehung und die Liebe zum Vater beschreibt Fromm „ganz anders. Die Mutter ist die Heimat, aus der wir kommen; sie ist die Natur, die Erde, das Meer. Der Vater dagegen verkörpert nicht eine irgendeine natürliche Heimat. In den ersten Lebensjahren hat er kaum eine Verbindung mit dem Kind und in dieser ersten Periode kann man seine Bedeutung keineswegs mit der der Mutter vergleichen. Während der Vater nicht die natürlicheWelt repräsentiert, steht er für den anderen Pol der menschlichen Existenz: für die Welt der Gedanken, der vom Menschen erschaffenen Dinge, von Gesetz, Ordnung und Disziplin. Der Vater ist derjenige, der das Kind lehrt, der ihm den Weg in die Welt zeigt.“[4]

Der Vater im Abseits?

Fromms Gedanken sind über sechzig Jahre alt und in Vielem sicher überholt und verändert. Dennoch bleibt die Frage: Wo ist der Vater? Und steht er nicht – wie in der Geschichte von Josef und Jesus – sehr im Abseits? Wenn man heute genau hinschaut: Ist die Form der Elternzeit, die sich Väter nehmen, etwas den Vätern Eigenes – oder ist es nicht vielmehr eine postmoderne Übertragung und Vermischung von ehemals der Mutter zugeschriebenen Aufgaben und Rollen, die eben jetzt der Vater übernimmt, und umgekehrt? Hebt die Rede von „gemeinsamer Elternschaft“ und der „Elternzeit des Vaters“ nur die Rollenklischees auf oder hat sie auch einen Eigenwert?

Und: Wie ist das in einem Kloster mit der „väterlichen“ Liebe, wo hier doch nur „Schwestern“ oder „Mütter“ leben? Wie ist das in den Familien? Wie ist das für und von alleine lebenden Menschen?

„Väterliche Eigenschaften“

Mir gefällt sehr der Ansatz Fromms, die väterliche Form der Liebe habe etwas zu tun mit dem Lehren des Weges in die Welt, mit dem zweiten Pol der menschlichen Existenz, zu der die Welt der Gedanken, der vom Menschen erschaffenen Dinge, Gesetz, Ordnung und Disziplin gehörten. Ich bin weit weg davon, sie einem Geschlecht zuzuschreiben oder sie dort, wo der Vater fehlt, als generell fehlend und ausfallend zu verstehen. Aber ich bin ganz dabei, dass diese Form der Liebe zur Erziehung des Kindes genauso gehört wie zum liebenden Umgang von Menschen miteinander.

Es gibt ein paar Schlagworte, die für mich diese „väterliche Form der Liebe“ umschreiben, und die ich zum Teil auch in der Figur des hl. Josefs erkenne.

Eine väterliche Form der Liebe hat zu tun mit „Handeln“, mit „Anpacken“, mit der Suche nach einem Ort für den anderen. Nicht im Sinne eines Durchsetzens, aber im Sinne eines Angebotes. Von Herausrufen möchte ich sprechen, vielleicht auch von Herauslocken, vom Aufzeigen von Wegen, die weiterführen.

Eine väterliche Form der Liebe hat für mich mit „Schutz“ zu tun, weniger in Form der Schulter und des Arms, in den sich das Kind oder die/der Geliebte sich bergend flüchten kann, als mit strukturellem Schutz, der auch vorausschauend ist.

Eine väterliche Form der Liebe hat mit Gehenlassen und gleichzeitigem inneren Mitgehen zu tun, mit Vermittlung von Wagemut und mit Unterstützung dieses Wagemutes.

Wenn all das in einer reif werdenden Liebesbeziehung zwischen Kindern und Eltern fehlt, und wenn all das in der reifen Liebe zweier Erwachsenen fehlte, im Kloster oder in den Beziehungen von Menschen, die sich freundschaftlich verbunden wissen, dann stünde der „Vater“ und „das Väterliche“  wirklich im Abseits.

Bei Josef und auf Jesus hin kann ich mir all das vorstellen und zum Teil im Evangelium erkennen. Für das eigene Leben und Erleben von reifer Liebe, von Freundschaft und Zusammenleben kann ich uns diese väterliche Form der Liebe nur allen wünschen, und mit Dankbarkeit feststellen, wo sie erlebt und gelebt wird.

Amen.

Köln, 19.03.2019
Harald Klein

[1]Fromm, Erich (1956): Die Kunst des Liebens, Ulm, 63.

[2]Vgl. Fromm, Erich (1956): Die Kunst des Liebens, Ulm, 64.

[3]ebd.

[4]Fromm, Erich (1956): Die Kunst des Liebens, Ulm, 65.

 

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