Karfreitag – „Unsere irdischen Sterne / … Wort …“

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Anm.: Der Predigt liegt die „Einführung zu den Predigten in der Heiligen Woche“ zugrunde, in der das immer wieder zitierte Gedicht „Unsere Sterne“ von Rose Ausländer vorgestellt und eingeleitet wird.

Der eine Gottesdienst in den drei Teilen

In den priesterlichen Diensten bedauere ich es immer wieder, wenn ich den Gottesdienst vom Letzten Abendmahl an Gründonnerstag, die Feier vom Leiden und Sterben Christi am Karfreitag und die Osternacht in verschiedenen Kirchen feiere. Wahrscheinlich trage ich Eulen nach Athen, wenn ich Ihnen sage, dass diese drei Gottesdienste ja nur einer sind – unterteilt mit langen und stillen Zeiten.

Die Messe von Letzten Abendmahl endet mit dem Abräumen des Altares, Sinnbild für den seiner Kleider beraubten Christus – es fehlt der Segen, gewöhnlich schließt sich die Ölbergstunde an.

Die Feier vom Leiden und Sterben Christi beginnt mit stillem Einzug, Priester, Diakon, Ministrantinnen und Ministranten legen sich flach auf den Boden, die Gemeinde kniet nieder, der Pfarrer steht auf, geht zum nackten Altar und spricht ein Eröffnungsgebet – macht da weiter, wo er abends zuvor aufgehört hat. Die Feier endet mit einem Gebet, aber ohne Segen.

Die Osternacht schließlich beginnt – wenn Corona es erlaubte – am Osterfeuer mit der Segnung der Osterkerze, dem Einzug und der Weitergabe des Lichtes, dem Exsultet – dem Lobgesang über dem Licht und den Lesungen, die an die Heilsgeschichte Gottes mit seiner Schöpfung erinnert. Neben dem feierlichen Halleluja, der Tauferneuerung und der Eucharistie an Ostern schließt jetzt der „eine“ Gottesdienst mit dem „Gehet hin in Frieden. Halleluja, Halleluja.“ Es ist ein wirkliches Geschenk, all das miteinander feiern zu können und an allen Tagen das miteinander teilen zu können, was an innerer Regung und äußerer Geschichte jetzt da ist.

Wortgewalt statt stillen Gedenkens

Die Feier vom Leiden und Sterben Christi, der Karfreitag verlangt Ihnen viel ab. Irgendwie schafft es die äußere Schmucklosigkeit doch immer wieder, an die eigene Blöße und die eigene Nacktheit zu erinnern. Allein schon der Kirchenraum mit offenem Tabernakel, fehlenden Kerzen und abgeräumtem Blumenschmuck haben eine Wucht, die herunterzieht. Und in diese Stimmung hinein gehört dann einer der wortgewaltigsten Gottesdienste in unserem Ritus.

Da ist zuerst eines der (vorgelesenen) Lieder des Propheten Jesaja vom Gottesknecht – die Theologen sehen darin eine Vorwegnahme des Lebens, Leidens und Sterbens Jesu im Alten Testament. Es folgt als Zweites die Lesung aus dem Hebräerbrief – wieder wird uns gesagt, dass es doch nur einen wirklichen Priester gebe, Jesus nämlich. Und ich frage mich wieder und wieder, was dann unser ganzer Zauber um Opfertheologie, minutiöse Regelungen für den Ablauf von Gottesdiensten, Sakramentenrecht, Zulassungsbestimmungen für die einen und Verwehrung der Zulassung für die anderen sollen, wenn doch in Christus und durch ihn alles erledigt ist. Schließlich sind Sie als Drittes der langen Passion ausgeliefert, die in verschiedenen Rollen gelesen wird und auch für die Zuhörenden zur „Leidensgeschichte“ werden kann (vielleicht ist ja gerade das bezweckt). Und nicht genug, es folgt als Viertes dann die Predigt – da könnte ich was dran machen –, und fünften schließen die zwölf Großen Fürbitten diese Wortgewalt ab, Sie wissen schon: „Beuget die Knie – erhebet Euch!“

Für mein Empfinden herrscht hier eine Wortgewalt, die einem stillen Gedenken eher nicht zuträglich ist. Gut, dass der Nachmittag des Karfreitags (nach dem stillen Auszug derer, die liturgische Dienste übernommen haben) dann dieser Stille Raum zu geben vermag.

» Unser Herz wird immer weiter
und immer schwerer
von der Last vielfacher Begegnung,
immer schwerer von der Last deiner Liebe; unser Herz,
gebildet von dir,
bevölkert von unseren Schwestern und Brüdern,
den Menschen. «
aus: Madeleine Delbrêl: Die Liturgie der Außenseiter, in: dies.: Gott einen Ort sichern, hg. von Annette Schlenker, Kevelaer 2007, 134ff.

Wortgewalt – Gewaltworte

Diese Wortgewalt ist deswegen so erschlagend, weil sie voller Gewaltworte ist. Das erste Wort aus der Passion, dass Ihnen einfiele, würden Sie danach gefragt, dürfte das „Kreuzige ihn!“ sein. Sammeln Sie mal im Geiste die Gewaltworte aus der wortgewaltigen Passion, die Ihnen einfallen. Da könnte dazugehören: „Ich bin es nicht, ich bin keiner von seinen Jüngern“ des Petrus. Da könnte das „Nicht diesen, sondern Barabbas!“ des Volkes dazugehören, oder der Soldaten Hohn nach der Krönung mit der Dornenkrone: „Sei gegrüßt, König der Juden!“ Beeindruckend, beinahe spielerisch vertont Johann Sebastian Bach in der Johannespassion das „Wir haben ein Gesetz, und nach dem Gesetz muss er sterben“ der Juden, mit dem sie den Pilatus in die Knie zwingen. Und dann eben das „Hinweg mit ihm, kreuzige ihn!“, das bei Bach einen unglaublich gruseligen Ton bekommt.

Die Worte des Pilatus liegen in der Passion wie ein Balken auf der Waage. Sie neigen sich zur Seite der Gewalt durch das Gewicht, dass durch Jesu Gegner in die Waagschale des Karfreitags geworfen wird: „Bist Du ein König?“ – „Bist Du der König der Juden?“ – „Was ist Wahrheit?“ – „Ich finde keine Schuld an ihm.“ – „Wollt Ihr, dass ich Euch den König der Juden freilasse?“ – „Weißt du nicht, dass ich Macht habe, Dich freizulassen und Macht, Dich zu kreuzigen?“ – „Seht, Euer König.“ Das Gewicht, dass die anderen Protagonisten in der Passion haben, neigen diese Worte hin zur Gewalt, zum Tode, hinein ins Dunkel.

Jesus – der „namenlos erleuchtete Stern“

„Wen sucht ihr?“ – „Jesus von Nazareth.“ – „Ich bin es.“: Zweimal steht dieser kurze Dialog am Beginn der Passion. Ist Ihnen einmal aufgefallen, dass ab dem Moment der Verhaftung Jesus kein einziges Mal mehr mit Namen angesprochen wird? „Um den Atemmond“, um Rose Ausländer zu zitieren, ein weiterer „namenloser erleuchteter Stern“. Wenn „Atem“ bei Rose Ausländer für “Geist“ und für „Leben“ steht, dann weist der „Atemmond“ darauf hin, dass Jesu Passion sich in einer Nacht des Geistes und des Lebens abspielt. Uns beide Autoren berührt es in diesem Jahr und in der diesjährigen Passion besonders, dass es Pilatus ist, der Jesus in der Passion schließlich „offenbart“, ins „rechte Licht rückt“. Die Tafel auf dem Kreuz trägt die Aufschrift „Jesus von Nazareth, der König der Juden“. Die Namenlosigkeit in der Passion wird durch das Schild am Kreuz aufgehoben – es ist, als ahne die Nacht schon das Grauen des Morgens, um das Grauen der Nacht hinter sich lassen zu können.

» Während du fortfährst,
in ihnen die düstere Erde zu besuchen,
erklimmen sie mit dir den Himmel;
zu einer schwerfälligen Himmelfahrt sind sie bereit:
festgehalten im Schmutz,
verzehrt durch deinen Geist,
verbunden mit allen,
gebunden an dich,
beauftragt, im Ewigen zu atmen
wie Bäume für ihre Wurzeln im Boden. «
aus: Madeleine Delbrêl: Die Liturgie der Außenseiter, in: dies.: Gott einen Ort sichern, hg. von Annette Schlenker, Kevelaer 2007, 134ff.

„Unsere Sterne / … Wort …“

Parallel zu den Waageworten des Pilatus sind die letzten Worte Jesu in der Passion Waageworte, die denen, die zu ihm gehören, „Sterne“ sind, und die unser Gewicht brauchen, damit sie sich im Bild der Waage auf die Seite des Tages, des Hellen, des Lebens neigen, damit sie ein Schwergewicht bekommen, gerade dadurch, dass sie Leichtigkeit bewahren.

Drei der sieben Worte Jesu am Kreuz sind bei Johannes überliefert. Da ist das Sternen-Wort an den Lieblingsjünger Johannes und an seine Mutter Maria: „Frau, siehe, Dein Sohn!“ Dann sagte er zu dem Jünger: „Siehe, Deine Mutter!“ Und von jener Stunde an nahm der Jünger sie zu sich. – Das Stiften von Gemeinschaft und Gefährtenschaft als testamentarischer und damit letzter Wille Jesu, seinen Erben zugesprochen – verbunden im Geist, in der Hinwendung und der Zuwendung zueinander, über Generationen, Sprachen, Kulturen hinweg.

Das zweite Sternen-Wort Jesu: „Mich dürstet!“ Wir beide Autoren lesen es als Wort und Ausdruck der Bedürftigkeit, die Jesus spürt und erleidet, einer Bedürftigkeit, die wir auch kennen. Dem anderen gegenüber die eigene Bedürftigkeit äußern dürfen, sie zeigen, sie erkennen lassen und sich zu erkennen geben im Kreis der Gemeinschaft, der Gefährtenschaft – und dann gerade keinen „Essig am Schwamm“ zu bekommen wie Jesus am Kreuz, das holt uns aus dem Kreis der „namenlos erleuchteten Sterne“ heraus und schenkt uns Bedeutung und Ansehen. Der Wunsch des Josef von Arimathäa, Jesus vom Kreuz nehmen und begraben zu dürfen, und der Entschluss des Nikodemus, gemeinsam mit Josef von Arimathäa den Leichnam zu salben und ins Grab zu legen, scheint die verspätete Antwort der Jünger Jesu auf das „Mich dürstet!“

Das dritte Wort ist nicht nur das Ende der Passion, sondern auch der Beginn von Ostern: „Es ist vollbracht!“ In der Passion könnte man es hören als letzte Äußerung des „Atemmondes“, die den „namenlosen erleuchteten Sternen“ gilt. Und doch sind diese Worte, gesprochen in der Geistes- und Lebensnacht Jesu, der Beginn der Wandlung, der Auferstehung. In der Stille nach der Wortgewalt des Karfreitags, werden „Unsere Sterne“ sichtbar, greifbar, erlebbar: „Brot Wort und / Umarmung“ , die all die miteinander teilen, die sich um den „Atemmond“ versammeln – um den, der dann zur „Sonne der Gerechtigkeit“ werden wird.

Der leibhaftige Jesus von Nazareth ist am Ende. Mit seinem Begräbnis beginnt eine spirituelle Brachzeit, die am Ostermorgen und in der Erfahrung der Auferstehung neue Sterne, unsre Sterne nicht nur leuchten lässt, sondern uns – eben nicht namenlos – zu diesen Sternen machten wird.

Amen.

Köln 26.03.2021
Harald Klein