Kein „Früchtchen“ sein – Frucht tragen!

Das „Früchtchen“ definieren

Im Internetportal www.gutefrage.net hat ein User namens bessybaer die Frage gestellt: „Was beutetet die Aussage ‚jemand ist ein richtiges Früchtchen‘?[1]Drei Antworten werden angeboten. Die erste Antwort: „Ein Früchtchen hat es faustdick hinter den Ohren. D.h. allerlei Unsinn im Kopf, ungezogen, macht verbotene Sachen, schwindelt gern.“ Die zweite Antwort: „Ein frecher Kerl, ein freches Mädchen. Dazu passt auch der Ausspruch (meistens eines genervten Lehrers): ‚Jetzt bist du reif‘“ Und die Dritte: „Es bedeutet, dass jemand ganz schön frech ist.“ Wie würde Ihre Antwort – heute, am Karnevalsonntag, und dann an anderen Tagen – aussehen?

Im spirituellen Hinschauen auf einen Menschen, den man als „Früchtchen“ bezeichnen würde, gingen die Antworten wohl tiefer. Da werden nicht nur die frechen, unsinnigen oder verbotenen Handlungen angeschaut, da geht es auch um die Motivation dazu. Was treibt einen Menschen dazu, so zu handeln, dass andere ihn als „Früchtchen“ bezeichnen?

Die unterscheidende Weisheit in der ersten Lesung

Was, wenn man das „Früchtchen“ schüttelt, in einem Sieb, so wie es in der ersten Lesung steht: „Im Sieb bleibt, wenn man es schüttelt, der Abfall zurück; so entdeckt man die Fehler eines Menschen, wenn man über ihn nachdenkt.“ Und Jesus Sirach, diesen Namen hat man dem Weisheitslehrer dieses Buches gegeben, unterscheidet von diesem Bild das des Baumes: „Der Art des Baumes entspricht seine Frucht; so wird ein jeder nach seiner Gesinnung beurteilt. Lobe keinen Menschen, ehe Du ihn beurteilt hast; denn das ist die Prüfung für jeden.“

Drei Dinge scheinen mir in spiritueller Hinsicht an diesem Bild wichtig: (1) Im Sieb ist erst das Ganze; bei Jesus Sirach bliebt der Abfall im Sieb, wenn man es schüttelt. So offenbart man die Fehler dessen, der geschüttelt wurde. Geistlich wird man dem Geschüttelten nicht dadurch gerecht, dass nur seine Fehler gesehen werden, sondern auch dadurch, dass man auffängt, aufhebt und bewahrt, was an Gutem aus dem Sieb herausgefallen ist. (2) Wenn der Art des Baumes seine Frucht entspricht, gilt es natürlich zuerst, die schlechten Früchte auszusortieren; aber wäre es nicht auch eine geistliche Aufgabe, zu versuchen, den Baum danach zu „veredeln“? (3) In Jesus Sirach heißt es zum Ende hin: „Es gilt, jeden nach seiner Gesinnung zu beurteilen.“ Das ist wohl die Hauptaufgabe eines christlich-spirituellen Lebens, seine Gesinnung der Gesinnung Jesu anzugleichen – und im Instrument der Geistlichen Begleitung und der Exerzitien sind uns da gerade in der ignatianischen Spiritualität zwei hervorragende Hilfen an die Hand gegeben.

»So bete ich für einen Christen, dass er ein besserer Christ werde, für einen Moslem, dass er ein besserer Moslem werde. Ich bin überzeugt davon, dass Gott einst nach dem fragen wird und heute schon nach dem fragt, was wir sind, das heißt, was wir tun, nicht nach der Bezeichnung, die wir uns geben. Bei ihm ist Tun alles, Glauben ohne Tun nichts. Bei ihm ist Tun Glauben und Glauben Tun.«
Gandhi, Mahatma (1992): Worte des Friedens, 9. Aufl., Freiburg, 17.

Die entscheidende Wahrheit in der Botschaft Jesu

Diese drei Punkte finden sich auch in der Botschaft Jesu, die am heutigen Sonntag vorgelegt wird. Sie finden sich in einer Weise, die diese drei Punkte „aufhebt“ – im dreifachen Sinne des Wortes: sie bewahrt sie, sie setzt sie gleichzeitig außer Kraft, weil sie sie auch auf eine höhere Stufe legt.

Da ist zuerst das Wort vom „Splitter im Auge des Bruders“ und dem „Balken im eigenen Auge“. Es hebt in gewisser Weise das „Aussieben“ des Jesus Sirach auf, oder es mahnt an, wenn schon beim anderen zu sieben, dann auch bei sich selbst dieses Sieb anzulegen. Jesus räumt auf mit dem dualistischen Bild des „nur guten“ oder „nur schlechten“ Menschen, er sieht den ganzen Menschen – und ruft in die Nachfolge, auf den Weg, ihm gleichförmig zu werden.

Die Ernsthaftigkeit, diesen Weg einzuschlagen und Jesus so nachzufolgen, kommt dem Vorgang es „Veredelns“ gleich. Die Begegnung mit Jesus, mit seinem Wort, seiner Botschaft, seinem Geschick vermag, dass man irgendwann auch von Disteln Feigen und vom Dornstrauch Trauben zu pflücken vermag. Christ sein ist immer auch Christ werden. Wenn „gemessen“ oder „gesiebt“ wird, dann soll die Ernsthaftigkeit gesiebt und gemessen werden, in der die, die ihm nachzufolgen versuchen, diesen prozesshaften Weg gehen.

Und dann sein Schlusswort, das auf die Gesinnung hinweist: „Ein guter Mensch bringt Gutes hervor, weil in seinem Herzen Gutes ist; ein böser Mensch bringt Böses hervor, weil in seinem Herzen Böses ist. Wovon das Herz voll ist, davon spricht der Mund.“ Denken Sie an die Begegnungen Jesu mit den Sündern und Sünderinnen. Er appelliert immer an das Gute im Menschen. Um es mit den Mystikern zu sagen: Er zielt, an den Ort, an dem Gott im Menschen wohnt.

Und wie viele dieser Begegnungen zeigen, dass auf einmal an den Bäumen, die schlechte Frucht trugen, auch gute Früchte wachsen.

„Veredeln“ als Transformation

Mahatma Gandhi (1869-148) hat im Blick auf die vielen Religionen einmal gesagt: „So bete ich für einen Christen, […] dass er ein besserer Christ werde, für einen Moslem, dass er ein besserer Moslem werde. Ich bin überzeugt davon, dass Gott einst nach dem fragen wird und heute schon nach dem fragt, was wir sind, das heißt, was wir tun, nicht nach der Bezeichnung, die wir uns geben. Bei ihm ist Tun alles, Glauben ohne Tun nichts. Bei ihm ist Tun Glauben und Glauben Tun.“[2]Es geht um die Früchte, die am Baum unseres Lebens wachsen und die wir zur Verfügung stellen.

Und P. Alex Lefrank SJ, einer der Pioniere in der Ausbildung der vielfältigen Formen ignatianischer Exerzitien, hat 2009 eine gewaltige kommentierte Einführung in die Dynamik des Exerzitienprozesses geschrieben. Sein Buch trägt den Titel „Umwandlung in Christus“[3]. Wir werden als Menschen geboren und in Christus hinein getauft. Paulus spricht in der zweiten Lesung davon, dass das Vergängliche mit dem Unvergänglichen und das Sterbliche mit dem Unsterblichen bekleidet wird. Es ist die Aufgabe und das Angebot des Christseins, immer mehr Christ zu werden, sich mehr und mehr umwandeln zu lassen in Christus, durch Christus. Das „hat“ man nicht, das „wird“ man! Und seine Zusage gilt durch alle Höhen und Tiefen hindurch.

Amen.

Köln, 28.02.2019
Harald Klein

[1]Vgl. https://www.gutefrage.net/frage/ein-fruechtchen-sein[28.02.2019]

[2]Gandhi, Mahatma (91992): Worte des Friedens, Freiburg, 17, zit. in Drewermann, Eugen (2009): Das Lukasevangelium, Bd.1., Düsseldorf, 460.

[3]Lefrank, Alex (2009): Umwandlung in Christus. Die Dynamik des Exerzitienprozesses, Würzburg.

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