Kirche auf dem Rückzug?

Wenn es im Leben ernst wird…

Erinnern Sie sich an Situationen, in denen ein Ihnen vertrauter Mensch mit einer schweren Nachricht zu Ihnen kam? Sie treffen zum Beispiel einen Freund, gehen offen auf ihn zu begrüßen ihn mit einer Umarmung, fragen, wie es geht, und er erzählt, dass sich seine Frau von ihm getrennt hat. Oder dass sein Sohn Drogen nimmt, oder dass sein Arbeitsplatz bedroht sei. Ich erinnere mich an die vorsichtige Nachricht meines Vaters vor vielen Jahren, als er uns Kindern mitteilte, dass unser Oma Krebs habe und wohl nicht mehr lange leben werde. Ganz zurückhaltend war er mit dem „bösen Wort“, „Krebs“ wollte er nicht weiter aussprechen. – Wie reagieren Sie da? Wie reagieren Sie, wenn die Routine unterbrochen wird, wenn Leben auf einmal ernst wird?

Auf diesem Hintergrund hören Sie noch einmal den Beginn des Evangeliums: Jesus wollte „seine Jünger über etwas belehren. Er sagte zu ihnen: Der Menschensohn wird den Menschen ausgeliefert, und sie werden ihn töten; doch drei Tage nach seinem Tod wird er auferstehen. Aber sie verstanden den Sinn seiner Worte nicht, scheuten sich jedoch ihn zu fragen.“ – Und worüber sprechen sie stattdessen? „Sie hatten unterwegs darüber gesprochen, wer von ihnen der Größte sei.“

Können Sie sich in die Enttäuschung Jesu hineinversetzen?

Wenn es in der Welt ernst wird …

Ich spüre eine ähnliche Enttäuschung in mir groß werden, wenn ich mir auf dieser Folie den Welt anschaue, in der ich hier und heute zu Hause bin, zumindest so, wie ich sie aucherlebe. Die Zeichen der Zeit stehen auf „Hab acht!“, anders vielleicht als früher in den Zeiten Ihrer oder meiner Jugend, aber nicht weniger bedrohlich. Einige Schlüsselworte möchte ich Ihrer Phantasie anvertrauen:  Welche Bilder kommen Ihnen allein aus der vergangenen Woche, wenn Sie „Hambacher Forst“ hören, oder „Verfassungsschutz“, oder „Pennsylvania“, oder „Plastik im Meer“? Leben wird ernst, in der Welt wird es ernst, wird es anders und neu ernst. Ein Ende ist nicht in Sicht, und es macht mir Angst, mich dem beinahe ohnmächtig ausgeliefert zu sehen.

… und die Kirche?

Meine Hoffnung sind Menschen, Politiker, Bürger aller Couleur, meine Hoffnung sind Christen, die sich diese Nachrichten anhören können, die sich von ihnen konfrontieren lassen – und sich eben nicht scheuen, nachzufragen, geschweige denn darüber ins Gespräch kommen, wer von ihnen wohl der Größte sei. Sich einmischen, verstehen wollen, reagieren auf das, was ich verstanden habe, besser noch: agieren, anfangen, es anders, besser zu machen, das wäre aus geisterfülltem Glauben das, was ansteht. Und es wird von „der Kirche“ erwartet. An der Eigelsteintorburg hing in dieser Woche ein großes, gelbes Plakat, auf dem stand: „Warum setzt sich nicht der Kardinal für den Erhalt des Hambacher Forstes ein? Für Gottes Schöpfung!“ – Und in einer anderen Handschrift steht darunter: „Der hat Besseres zu tun!“ Die Reaktionen auf Facebook gingen weiter: „Was sagen die Jugendverbände, was sagen die kirchlichen Verbände zu den Vorgängen dort und zu dem Geist, der diese Vorgänge antreibt?“ Wo und wie äußern sich Christen zu solchen Fragen, einfach deshalb, wie sie eben Christen sind?

Ein Rückzug nach innen…?

Verstehen kann ich es, aber es mich ratlos, dass Christen ihre Kirche mehr und mehr als einen Rückzugsraum aus der Welt verstehen. Drei Beispiele dazu, die ich gut kenne: Da gibt es zum einen das „Mission Manifest“ aus dem „Haus des Gebets“ in Augsburg. Das Anliegen ist lobenswert, es geht dem „Haus des Gebets“ Menschen zu Christus zu führen, und im „24/7-Rhythmus wird hier gebetet, gesungen, werden große Zeltgottesdienste und ein „Mehr-Kongress“ angeboten, die beide großen Zulauf finden, gerade von jungen Menschen. Meine Frage geht auf das „und dann“. Menschen, die zu Christus geführt werden und Christus für sich gefunden haben, haben gleichzeitig auch eine Sendung. Wenn in einer der Thesen des „Mission Manifest“ Benedikt XVI. zitiert wird mit dem Aufruf, sich „von der Weltlichkeit der Welt zu lösen“, kann das gut gemeint verstanden werden, sich nicht an den Maßstäben dieser Welt messen zu wollen. „Ich verstehe es bei Benedikt XVI. immer eher als Rückführung in eine kleine Herde der entschlossenen Christen. Der Moment der Sendung fehlt mir, der Moment, den Jesus im heutigen Evangelium als Dienst im Sinne eines „Diener aller“ umschreibt. Und da geht es genau um diese Welt. Was die Maßstäbe angeht – da ist es als Christ nur stimmig, sich nicht an ihnen messen zu wollen. Aber sich von der Weltlichkeit der Welt zu lösen – das kann nicht Sendungsauftrag Jesu sein. Ich stehe als Christ mitten in der Welt, und ich bin von meinem Christsein her gehalten, Position zu beziehen im Gegenüber der Weltlichkeit der Welt, und dann für diese Position einzutreten. Von daher kann christsein niemals „unpolitisch“ sein!

Da gibt es zum andern die vielen Gemeinschaften, deren oberste Ziel der gesungene Lobpreis ist – und im Singen entsteht ein Gefühl von Zugehörigkeit, von Dankbarkeit und innerer Erfüllung. Auch hier die Frage nach der Sendung. Wie stärkt, wie begleitet mich dieser Lobpreis in dem Dienst, den ich als Christ der Welt schuldig bin? Wie formt er mein Sein zum „Diener aller“?

Da gibt es die großen Fragen, wie den die Kirche in Deutschland zu strukturieren sei, wer welche Dienste in welchen Strukturen zu leisten habe, damit – ich sage es mal salopp – der „Laden auch weiterlaufen kann.“Mit Verlaub gesagt: mich erinnert all das ein wenig an die Frage der Jünger, wer von ihnen denn der Größte sei. Dem Leid, den Sorgen, der Untergangsstimmung, die in der Welt herrschen, wird schnell übersehen. Und mich wundert es nicht, wenn all das kaum noch an die Kirche herangetragen wird – sie wird von der „Welt“ als in sich abgeschlossen“ und „auf dem Rückzug“ erfahren.

Jesu Wort vom Menschensohn…

Aber wenn es im Leben, wenn es in der Welt ernst wird, ist Rückzug genau das, was dem Leben, was der Welt eben nicht dient. Mich berührt es sehr, wenn Jesus in diesem Evangelium von sich als dem „Menschensohn“ spricht. An die Stelle des Rückzugesin einen Schutzraum, den man in der Kirche sucht, steht das genaue Gegenteil – der Aufbruch in die Welt und in ihre „Weltlichkeit“, um dort zu leben, was „Gott mit mir gemeint hat“ (Eugen Drewermann). Wenn die Angst vor dem, was in der Welt geschieht, groß wird, darf die Hoffnung der Christen sich nicht zurückziehen. Wenn die Welt nach geisterfüllten Menschen schreit, wenn es ernst wird im Leben und in der Welt, ist der Ort des Christen nicht, sich von der Weltlichkeit der Welt zu lösen, sondern diese Weltlichkeit geisterfüllt als Gottes Schöpfung zu sehen und auf Gottes Reich, auf Gottes Welt hin zu überführen.

»Es gibt im Alten Testament, im Spätjudentum, die Vision von dem Menschensohn, von der Wesensgestalt dessen, wozu wir bestimmt sind. Diese Gestalt, so sagt die alte Mythe, steht am 'Throne Gottes' und wartet, um in den Tagen der 'Endzeit' 'Wohnung' zu nehmen unter den Menschen; endgültig sollte ein jeder dann leben, was Gott mit ihm gemeint hat.«
Drewermann, Eugen (1989): Das Markusevangelium. Bilder von Erlösung, Bd.2, Olten, 42.

Ich bin davon überzeugt, dass der Lobgesang eines geretteten Waldes und eines sauberen Ozeans in den Ohren Gottes mindestens so viel gilt wie ein vierstimmiger Lobgesang mit erhobenen Händen. Ich bin nach „Laudato sì von Papst Franziskus davon überzeugt, dass ein Einsatz zur Bewahrung der Schöpfung genauso viel Wert hat wie eine Predigt im Gottesdienst. Die Routine wird unterbrochen – und es ist die Aufgabe des Christen, der zu Christus gefunden hat, Position zu beziehen. Meinen Appell an mich selbst gebe ich Ihnen weiter: Nicht wegsehen, nicht weghören, sich nicht über die eigene Größe Gedanken machen – sondern das Wort Jesu vom Ausliefern, von der Marter und vom drohenden Tod anhören, sich nicht scheuen nachzufragen – und dann nicht dabei stehen zu bleiben, hinzugehen statt sich in die Innerlichkeit zurückziehen.

Ein letztes Wort: bei einer Radtour mit jungen Christen in den frühen 80er Jahren in der damaligen DDR hat mir ein Pfarrer in mein Tagebuch geschrieben: „Vergesst nicht, dass Ihr Menschen seid!“ Das wäre beinahe meine Primizspruch geworden – und mit Blick auf den „Menschensohn“ Jesus soll er es zumindest für heute, für mich, für uns sein: „Vergesst nicht, dass Ihr Menschen seid!“ – Und „Diener in der Welt“.

Amen.

 

Köln, 23.09.2018
Harald Klein

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