Lebensstil – Den Sozialen Wandel gestalten – sich engagieren

Ein Interview mit Svenja Koch, Pressesprecherin von CAMPACT

„Bewegt Politik! Campact“ – Das Logo und die Kopfzeile, der „Header“ der Bürgerbewegung im Internet zeigt eine Möglichkeit auf, als Teil einer Community von über zwei Millionen Menschen für eine progressive Politik einzutreten und zu streiten. Im Gespräch mit der Pressesprecherin von Campact, Svenja Koch, wird deutlich, welche Formen des Sozialen Wandels bei Campact gesehen und auf welche Weise sie bearbeitet werden.

Frau Koch, wenn Sie anhand dreier Veränderungen den „Sozialen Wandel“ umschreiben wollen, welche drei fallen Ihnen ein – und warum diese drei?

Das wären der Einsatz für konsequenten Klimaschutz, damit auch unsere Kinder und Enkelkinder noch einen lebenswerten Planeten haben. Und dabei geht es mit dem Ausstieg aus der Kohlenutzung und der Energiewende um Entscheidungen, die wir in den nächsten Wochen und Monaten treffen müssen und die dann Auswirkungen auf die nächsten Jahre und Jahrzehnte haben werden. Dazu der Einsatz für Bürgerrechte und demokratische Teilhabe als Mittel gegen Politikverdrossenheit und Populismus. Zum dritten eine solidarische Steuerpolitik, damit wir mit Hilfe von Steuereinnahmen unsere Gesellschaft für Arme und Reiche gestalten können.

Sie bieten mit „WeAct“ eine eigene Plattform für Petitionen von Bürger*innen an. Wie funktioniert das?

Unter https://weact.campact.dekannjedermann/jederfrau Petitionen starten, die etwa zum Schutz der Umwelt oder zum Zusammenhalt in der Gesellschaft beitragen.  Mit einer Online-Petition auf WeAct können Sie Mitstreiterinnen und Mitstreiter finden und gemeinsam Politik bewegen, oft auch sehr lokal. Wir haben damit zum Beispiel dazu beigetragen, dass ein Rechtsrockkonzert in Thüringen verhindert wurde und einen Gesetzesentwurf zu Fall gebracht, der alleinerziehenden Müttern das Geld an den Tagen kürzen wollte, an denen ihr Kind beim Vater ist.

In unserer Gemeinschaft spielt die „Unterscheidung der Geister“ eine große Rolle. Dabei geht es um Kriterien, die es auch auf ihre Folgen abzuwägen gilt, bevor man ins Handeln geht. Nach welchen Kriterien entscheiden Sie, welche Kampagnen Sie starten?

Die Kampagnen sollen u.a. die Demokratie, das friedliche Zusammenleben und die nachhaltige Nutzung von Ressourcen stärken. Dabei nutzen wir politische Themen, die bereits öffentlich debattiert werden und können dann mit unseren Kampagnen bis hin zur Lösung eines Problems beitragen.

Können Sie anhand einiger Petitionen und Kampagnen aufzeigen, wie CAMPACT den Sozialen Wandel beeinflussen konnte? Und: woran messen Sie „Erfolg“?

Unter https://www.campact.de/campact/ueber-campact/erfolge/kann man sich eine ganze Reihe von Erfolgen ansehen. Es sind die Erfolge derjenigen, die bei uns mitmachen. Zunächst unterzeichnen viele eine Online-Petition, dann gehen sie mit uns auf die Straße und schließlich organisieren eigenständig kleine Protestaktionen in ihren Heimatregionen. Oft ist das gemeinsame Engagement, die Gemeinschaft mit Gleichgesinnten schon ein Erfolg – bevor eine politische Entscheidung im Sinne unserer Anliegen fällt. Beispiele dafür sind die Proteste gegen das Pestizid Glyphosat, gegen die Rodung des Hambacher Waldes oder gegen die Handelsabkommen TTIP und CETA vor zwei Jahren.

Wie steht es bei Ihnen um Kooperationen mit Kirchengemeinden oder geistlichen Gemeinschaften? Was würden Sie sich wünschen? Was können Sie uns anbieten?

Im Moment sind wir z.B. mit Misereor im Trägerkreis für die Demonstrationen für den Klimaschutz am 1. Dezember in Köln und Berlin. So kommt es manchmal zu Partnerschaften mit kirchlichen Organisationen. Darüber hinaus ist jeder als Mitmachender bei unseren Aktivitäten willkommen.

Unsere Gemeinschaft ist weltweit vertreten. Wir sind, lokal und europaweit, wenn auch nur in kleinem Rahmen, engagiert in der Arbeit mit Geflohenen. Das Thema „Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung“ haben wir uns (auch) auf die Fahnen geschrieben. In Genf haben wir einen Status als NGO bei der UNO. Haben Sie einen Tipp für uns, wie wir hinsichtlich der Gestaltung des Sozialen Wandels als Gemeinschaft mehr „in die Puschen“ kommen können?

Ich denke, dass die Vor-Ort-Arbeit mit geflüchteten Menschen kann gar nicht hoch genug wertgeschätzt werden kann, weil es zugewandte und gelebte Integration ist. Wir sind selbst nur ein Verein mit 60 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, da will ich mir nicht anmaßen, was die „passenden Puschen“ für Ihre Gemeinschaft wären.

Die Suche nach einer Schnittstelle: Hat für Sie ganz persönlich oder hat das Leitbild von CAMPACT auch eine spirituelle Dimension?

Eine Schnittstelle? Eher nein. Vielleicht könnte man sagen, dass beide auf Basis von Werten arbeiten, die mehr als nur das Interesse für das eigne Leben umfassen.

Und zum Schluss: Was könn(t)en wir für Sie tun?

Wir freuen uns, wenn unsere Themen und Petitionen bei Ihnen in der Gemeinschaft auf Interesse stoßen und Sie sich online und offline daran beteiligen können.

Vielen Dank für Ihre Bereitschaft zum Gespräch!

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Ein kleiner Nachtrag

Ein Blick in die letzte Shell-Jugendstudie von 2015 liefert interessante Ergebnisse. Auf der einen Seite wird deutlich, dass immer mehr Jugendliche und junge Erwachsene politisches Interesse und eine Bereitschaft zur eigenen Beteiligung an politischen Aktivitäten zeigen. Auf der anderen Seite gibt es jedoch eine hohe Politikverdrossenheit. Die Jugendlichen und die jungen Erwachsenen bringen den Parteien wenig Vertrauen entgegen. Auffällig ist, dass die Polizei, die Gerichte sowie die Menschenrechts- und die Umweltgruppen das größte Vertrauen dieser Altersgruppe genießen.

Trotz – oder wegen – des Sozialen Wandels blicken 61 % optimistisch in die eigene Zukunft. Gut ein Drittel wertet den Blick „mal so, mal so, nur 3 % erwarten eine düstere Zukunft. Hier spielt die soziale Herkunft eine große Rolle. Jugendliche aus oberen Schichten sind zuversichtlicher als Jugendliche aus den unteren Schichten.

Fast sechs von zehn Jugendlichen haben sich schon einmal an einer oder mehreren politischen Aktivitäten beteiligt. An der Spitze stehen dabei der Boykott von Waren aus politischen Gründen und das unterzeichnen von Petitionen. Jeder Vierte hat bereits an einer Demonstration teilgenommen, und jeder Zehnte engagiert sich in einer Bürgerinitiative.

Es gibt ein steigendes Interesse an Politik, nicht aber an Parteien. Die politische Teilhabe ist höher als man glaubt, wenn auch auf anderen Wegen.

Svenja Koch, Verden
*1964
Pressesprecherin bei Campact seit
2016, davor bei Brot für die Welt und Oxfam, im Generalsekretariat des Deutschen Roten Kreuzes und bei Greenpeace.

Harald Klein, Köln,
*1961, Priester und Sozialpädagoge
mit Schwerpunkt „Spiritualität für Soziale Arbeit“
Gebundenes Mitglied der GCL

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