„Liegt nicht das ganze Land vor Dir?“ – Abraham und Lot

Vorder- und Hintergründiges in Reiseberichten

Reiseberichte wollen Interesse wecken und Lust machen. Sie zeigen „Vordergründiges“ und erklären „Hintergründiges“. Begegnungen und Erlebnisse zeigen, wie die Menschen in den bereisten Regionen „ticken“.

Die Geschichte von Abraham ist – nach der Reise des Noah – der zweite Reisebericht, den die Bibel aufweist. Und er kann gelesen werden wie Jesu Weg von Galiläa nach Jerusalem: jede Begegnung hat ihren „vordergründigen“ und ihren „hintergründigen“ Sinn.

In Gen 13 wird die Auseinandersetzung zwischen Abrahams und Lots Hirten, dann zwischen Abraham und Lot beschrieben – und in ihrer Hintergründigkeit sogar erklärt. Das macht es den die Geschichte Hörenden und Lesenden einfach!

Bruder sein und Weitblick haben

Ein erstes wird gesagt: Abraham und Lot waren „Brüder“ – im hebräischen und weiten Sinne des Wortes heißt das, sie waren aus einer Familie, eigentlich Onkel und Neffe. Und: beide waren reich. Abraham hatte einen „ansehnlichen Besitz an Vieh, Silber und Gold“ (Gen 13,2), Lot werden „Schafe und Ziegen, Rinder und Zelte“ (Gen 13,4) zugeschrieben.

Das zweite: Ihre Dienstleute, die Hirten, bekommen Streit. „Das Land aber war zu klein, als dass sie sich beide nebeneinander hätten ansiedeln können; denn ihr Besitz war zu groß, und so konnten sie sich nicht nebeneinander niederlassen“ (Gen 13,6).

Das dritte: Abrahams „Weitblick“: „Zwischen mir und dir, zwischen meinen und deinen Hirten soll es keinen Streit geben; wir sind doch Brüder. Liegt nicht das ganze Land vor dir? Trenn dich also von mir! Wenn du nach links willst, gehe ich nach rechts; wenn du nach rechts willst, gehe ich nach links.“ Und so geschieht es. Lot wählt die auf den ersten Blick fruchtbare Jordangegend. Und Abraham bricht nach Osten auf, nach Kanaan (Gen 13,8-13).

Nach der Trennung zwischen Abraham und Lot kommt das „Finale“ der Erzählung. Gott spricht zu Abraham: „Blick auf und schau von der Stelle, an der stehst, nach Norden und Süden, nach Osten und Westen. Das ganze Land nämlich, das du siehst, will ich dir geben. (…) Mach dich auf, durchzieh das Land in seiner Länge und Breite; denn dir werde ich es geben. Da zog Abraham mit seinen Zelten weiter und ließ sich bei den Eichen von Mamre in Hebron nieder. Dort baute er dem Herrn einen Altar (Gen 13,14ff).

Das ganze Land – Wirklichkeit ist größer

Das ganze Land – Wirklichkeit ist größer. Die Erzählung um Abraham und Lot lädt ein, sich der eigenen größeren Wirklichkeit zu stellen, sie zu „durchreisen“. Auf dieser Reise können einigen traurige, aber auch einige tröstende Wirklichkeiten deutlich werden.

Da kann der Blick auf den eigenen Reichtum gehen. Der eine hatte Vieh, Silber und Gold, der andere Schafe und Ziegen, Rinder und Zelte. Wieso kommt es da eigentlich zu einem Streit – wo und wie treten die beiden in Konkurrenz? Ins „Heute“ übersetzt: der eine hat „Gott“, der andere „Allah“. Der eine hat „Kirchen“, der andere „Moscheen“. Der eine hat seine Familie, und seine Tochter will mit einer Frau, sein Sohn mit einem Mann zusammenleben. Die einen haben Wohnraum, die anderen sind auf der Flucht.- Eine erste traurige Wirklichkeit: es muss zum Streit kommen, wenn der eine sein „kleines Land“ als die ganze Wirklichkeit sieht und sie allein (er-) füllen will, wenn er dem anderen seinen Platz, sein Recht aufs Dasein – und zwar am gleichen Ort – streitig machen will.

Und der Blick geht von hier aus weiter: ein Weisheitsspruch, der dem Konfuzius zugeschrieben wird, lautet: „Hast Du etwas lieb, so lass es frei. Kehrt es zu dir zurück, so ist es dein. Kehrt es nicht zu dir zurück, so hat es dir nie gehört.“ – Festhalten wollen führt immer zu Konflikt und letztlich zu Gewalt, es sei denn, der/die/das andere kommt – erst losgelassen – zurück und bleibt. Eine zweite traurige Wirklichkeit: was ich festhalten will, hält letztlich mich fest und „besetzt“ bzw. „besitzt“ mich. Hier greift das „Prinzip und Fundament“ des Ignatius in EB 23: meinerseits nicht mehr wollen Gesundheit als Krankheit, Reichtum als Armut, Ehre als Schmach, langes Leben als kurzes Leben. Das „andere“ wählen wollen, wäre ungesund. Aber in die Haltung der „Gleichmut“, der „Indifferenz“, in die kann ich mit Abraham einüben.

Zwei tröstende Wirklichkeiten

Und hier liegt die erste tröstende Wirklichkeit: Das Meinige wählen, und dem anderen zugestehen, dass er das Seinige wählt, geht dann, wenn ich wie Abraham vom Ort, an dem ich stehe, nach Norden und Süden, nach Osten und Westen schaue und anerkenne, dass das „ganze Land“ größer ist als meine „kleine Welt“. Unsere kleine Welt – auch die unserer Gemeinschaft – besteht aus einer gemeinsamen Sprache, aus geteilten Werten und gelebten Riten. Das schafft Identität, ich weiß, wohin ich (in einem größeren Wir) gehöre. Aber es gibt viele Welten mit Sprachen, Werten und Riten neben meiner Welt – Wirklichkeit ist größer. Ich darf andere loslassen in diese Wirklichkeiten – und selbst losziehen in diese Wirklichkeiten, mich heraustrauen aus meiner eigenen kleinen Welt, wenn es dem Ruf des Herrn entspricht, um sie zu erkunden und verstehen zu wollen.

Und die zweite tröstende Wirklichkeit: In diese Bereitschaft, loszulassen und ins Unbekannte aufzubrechen, auch wenn es erst einmal trostlos erscheint, klingt die Verheißung Gottes hinein: „Das ganze Land nämlich, das du siehst, will ich dir und deinen Nachkommen für immer geben. (…) Mach dich auf, durchzieh das Land in seiner Länge und Breite; denn dir werde ich es geben.“ Kirche ist auch eine „kleine Welt“. Wir Christen haben keinen Kirchen-, sondern einen Weltauftrag. Die ganze Wirklichkeit – in ihrer Länge und Breite – kann kein Katechismus fassen. Aber die ganze Wirklichkeit ist Schöpfung Gottes, und es ist ein spannendes Abenteuer, Gottes und seines Heiligen Geistes Wirken neben und außerhalb des „kleinen Landes“ der Kirche zu suchen und zu entdecken, gestärkt und gehalten durch Sprache, Riten und Werte unserer Gemeinschaft, in der Bereitschaft, anderes und andere loszulassen und selbst „aufzubrechen“ – im doppelten Sinne des Wortes. Dieser Reisebericht ist noch lange nicht zu Ende geschrieben!

Harald Klein; Köln

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